Brütten

Ohne Stromleitung durch den Winter

Seit zwei Jahren wohnen neun Familien in einem Haus, das sich ganz selbstständig mit Energie versorgt. Trotz der beiden sonnenarmen Winter mussten sie nie frieren oder auf Komfort verzichten.

Lukas und Rahel Baltensperger mit Noel und Elia vor dem energieautarken Haus in Brütten.

Lukas und Rahel Baltensperger mit Noel und Elia vor dem energieautarken Haus in Brütten. Bild: Andrea Söldi

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Kaum ein Tag ohne Sonnenschein seit vielen Wochen. Über den schönen Sommer freuen sich nicht nur Badefreudige, sondern auch die Bewohner eines speziellen Hauses in Brütten. Von aussen sieht man ihm seine Besonderheit zwar überhaupt nicht an: Das Gebäude an der Unterdorfstrasse 1 ist rundherum mit Solarzellen bestückt. Auf dem Dach mit dem üblichen monokristallinen Typus, an der Fassade mit matten, kaum wahrnehmbaren Dünnschichtsolarzellen. So entsteht zu jeder Tages- und Jahreszeit mindestens eine kleine Menge Strom.

Es handelt sich um das weltweit erste energieautarke Mehrfamilienhaus. Das Gebäude besitzt keinen Anschluss ans Stromnetz und hat mittlerweile seinen zweiten Winter überstanden. Zeit für ein einstweiliges Fazit, wie sich das innovative Konzept bewährt. «Unser Projekt hat die Nagelprobe mit Bravour bestanden», freut sich Renato Nüesch von der Umwelt Arena Spreitenbach, welche das Neunfamilienhauses erstellt hat.

«Wir hatten stets genug Strom und mussten im Winter nie frieren.»Rahel und Lukas Baltensperger

Obwohl die beiden letzten Winter ziemlich kalt und sonnenarm waren, habe die gewonnene Energie ausgereicht. Auch auf einer Höhe von gut 600 Metern über Meer vermochte die Sonne an manchen Herbsttagen nicht durch die Nebeldecke hindurch zu dringen.

An die Zukunft gedacht

Auch Lukas Baltensperger bereut den Umzug keineswegs. «Das Wohnklima ist sehr angenehm», sagt der Optometrist, der mit seiner Familie eine Parterrewohnung mit Gartensitzplatz belegt. Durch die gute Dämmung bleibe es im Sommer schön kühl. «Wir hatten stets genug Strom und mussten im Winter nie frieren.» Rahel und Lukas Baltensperger wohnten schon vorher in Brütten und hatten den Bau interessiert mitverfolgt. Ausschlaggebend für eine Bewerbung war schliesslich der Umweltgedanke. «Die nächste Generation soll nicht unsere Umweltsünden ausbaden müssen», sagt der Vater von zwei kleinen Buben.

Der Mietzins von rund 2500 Franken - Nebenkosten inklusive - sei ortsüblich. Der Bau habe lediglich etwa 15 Prozent mehr als ein gewöhnliches Minergiegebäude gleicher Grösse gekostet, sagt Energiefachmann Nüesch. Weil keine Kosten für Strom und Heizenergie anfallen, sollten die Investitionen innerhalb von 30 Jahren amortisiert werden können.

«Unser Projekt hat die Nagelprobe mit Bravour bestanden.»Renato Nüesch, Umwelt Arena Spreitenbach

Nicht Teil dieser Rechnung sind jedoch die Elektrolyse-Anlage, der Tank für den Wasserstoff und die Brennstoffzelle, die auf rund 700 000 Franken zu stehen kamen. Die Umwelt Arena kommt für diesen Betrag selber auf. Um eine entsprechende Anlage rentabel zu betreiben, müsste sie ein ganzes Quartier versorgen.

Bei der Vermietung habe man bewusst nicht ausschliesslich nach genügsamen Ökofundis gesucht, sondern nach durchschnittlichen Verbrauchern, betont Nüesch. Sämtliche Wohnungen verfügen über Waschmaschinen und Tumbler. Auch eine grosszügige Tiefgarage ist vorhanden, wo ein Elektroauto geladen wird, das allen Bewohnern zur Verfügung steht. Ein weiteres gemeinsames Auto wird mit Kompogas betrieben, das aus den hauseigenen Rüst- und Gartenabfällen in der Anlage in Winterthur hergestellt wird.

«Die nächste Generation soll nicht unsere Umweltsünden ausbaden müssen.»Lukas Baltensperger

Ein minimales Bewusstsein für den Umgang mit Energie wird von den Bewohnern aber schon erwartet. Deshalb ist in sämtlichen Wohnungen ein Display angebracht, das den aktuellen Stromverbrauch anzeigt. Wird gerade gleichzeitig gekocht, gewaschen und gebügelt, springt die Kurve leicht mal in den roten Bereich. Pro Wohnung steht jährlich ein Kontingent von 2200 Kilowattstunden zur Verfügung. Dies entspricht etwa der Hälfte des durchschnittlichen Verbrauchs eines Schweizer Vierpersonenhaushalts. Dennoch haben es die Bewohner bis anhin nie ausgeschöpft. Sie kommen mit rund 1500 Kilowattstunden pro Jahr aus.

Einen Schritt weiter

Häuser, die mindestens so viel Energie erzeugen, wie sie selber verbrauchen, gibt es in der Schweiz bereits einige. Die meisten dieser Null- oder Plusenergiehäuser werden mit Wärmepumpen beheizt und stellen den Strom dafür mit eigenen Solarzellen her. Doch damit dieses System funktioniert, sind sie auf das Stromnetz angewiesen. Denn die Herausforderung bei der Fotovoltaik ist, dass der Löwenanteil der Energie vom Frühling bis in den Herbst hinein anfällt – ausgerechnet dann, wenn kaum geheizt werden muss. Deshalb speisen diese Häuser ihren Strom im Sommer ins Netz ein und beziehen ihn im Winter wieder.

Würde im grossen Stil so gebaut, könnte das System nur dank Speicherseen funktionieren. Das Brüttener Modell sei eine von verschiedenen Möglichkeiten, das Stromnetz im Winter nicht zusätzlich zu belasten, sagt Renato Nüesch. Unterdessen hat die Umwelt Arena bereits ein Wohnhaus mit ähnlichem Konzept in Zürich-Leimbach erstellt.

(Der Landbote)

Erstellt: 15.07.2018, 12:40 Uhr

Sonne und Erdwärme

Sonne und Erdwärme sind die einzigen Energiequellen des Neunfamilienhauses. Es ist rundum mit Solarzellen bestückt: Zu Spitzenzeiten laden sich die Batterien auf, die Elektrizität für die Abendstunden zur Verfügung stellen. Sobald diese voll sind, werden die riesigen Wasserspeicher aufgeheizt, die insgesamt einen Viertel Millionen Liter fassen und im Winter die Bodenheizung versorgen.

Weiter verfügt das Gebäude über eine eigene Elektrolyse-Anlage, die mit überschüssigem Sommerstrom Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufspaltet. Der Wasserstoff wird in einem Tank gespeichert, der unter dem Rasen vergraben ist und als Reserve dient. Eine Brennstoffzelle stellt aus dem Wasserstoff später wieder Strom und Wärme her. Im vergangenen Winter war sie an 30 Tagen in Betrieb.

Im Sommer wird mit überschüssiger Wärme zudem das Erdreich wieder aufgeheizt. Denn mit den beiden Erdwärmesonden, die in 340 Meter Tiefe reichen, würde der Untergrund über die Jahre leicht abkühlen. In Übergangszeiten, wenn es draussen noch wärmer ist als im Erdreich, greifen die Wärmepumpen aber auf die Umgebungsluft zurück.

Das vollautomatisierte System wählt stets die am besten verfügbare Energiequelle aus. In der Technikzentrale im Keller zeigen diverse Bildschirme die aktuelle Produktion und Verwendung der Energie an. Ein wichtiges Prinzip des Hauses ist, dass keine Energie verloren geht. Neben einer optimalen Dämmung der Gebäudehülle wird etwa auch die
Abwärme der Wechselrichter genutzt, welche den Gleichstrom der Fotovoltaikanlage in haushaltstauglichen Wechselstrom umwandeln.

Der Lift gewinnt beim Herunterfahren Strom zurück. Und das frische Duschwasser wird durch das bereits verbrauchte vorgewärmt. Zudem sind die Mietwohnungen mit den effizientesten Geräten
ausgestattet – etwa Kühlschränke der Klasse A+++.
ans

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