Marthalen

Perlen aus der Kiesgrube

Archäologen sind in einer Kiesgrube bei Marthalen auf Überreste einer Siedlung aus dem frühen Mittelalter gestossen. Rund um ehemalige Grubenhäuser graben sie Werkzeuge, Schmuck und Keramik aus.

Mitarbeiter der Kantonsarchäologie graben in einer Kiesgrube Überreste einer frühmittelalterlichen Siedlung aus.

Mitarbeiter der Kantonsarchäologie graben in einer Kiesgrube Überreste einer frühmittelalterlichen Siedlung aus. Bild: Rafael Rohner

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Auf den ersten Blick ist nicht viel zu erkennen. Mitarbeiter der Kantonsarchäologie graben mit Hacken, Schaufeln oder feineren Werkzeugen sorgfältig Löcher in den lehmigen Boden am Rand einer Kiesgrube bei Marthalen. Erst bei genauerem Hinsehen treten überall Muster hervor. Grabungsleiterin Stefanie Brunner zeigt auf eine rund ein Meter tiefe rundliche Senkung, die sie freigelegt haben. Darin ist der Umriss einer Hütte aus dem Frühmittelalter klar erkennbar. Löcher markieren die Eckpunkte des Gebäudes. Dort waren einst Holzpfähle positioniert.

Elf bis Zwölf solcher Grubenhäuser aus dem 6. und 7. Jahrhundert haben die Archäologen in der Gegend entdeckt. Seit Mai sind bis zu zwölf Personen mit Ausgrabungen beschäftigt. Überraschend ist der Fund für die Kantonsarchäologie allerdings nicht. Bereits seit Ende der 50er Jahre ist bekannt, dass das Gebiet bei der Kiesgrube in ur- und frühgeschichtlicher Zeit besiedelt war. Seither wurden beim Kiesabbau immer wieder Gegenstände entdeckt, wie Stefanie Brunner sagt. Bereits 2007 und 2008 fanden in der Nähe Grabungen statt.

Ein mehrjähriges Projekt

Aufschlussreich sind für die Experten vor allem die obersten zwei Meter unter der Erdoberfläche. Im darunterliegenden Kies ist kaum mehr etwas zu finden. Denn dieser wurde einst mit dem Rückzug grosser Gletscher hierhergeschoben.

Mit einem Bagger tragen die Archäologen langsam die obersten Schichten ab. Verfärbungen in der Erde zeigen ihnen an, wo sie genauer hinschauen müssen.

Wichtige Hinweise liefern ihnen zudem geomagnetische Messungen, die sie im Vorfeld der Grabungen durchgeführt haben. Mit verschiedenen Farben sind Stellen markiert, die auf menschliche Spuren hindeuten könnten, etwa auf Feuerstellen oder Gruben. Bis zu 40 000 Quadratmeter sollen in mehreren Etappen untersucht werden. Es ist für die Archäologen ein grosses Projekt, das mehrere Jahre dauert.

Zugespitzte Knochen

Die Funde lassen Rückschlüsse auf das Leben im Frühmittelalter zu. Die Grubenhäuser hätten vermutlich nicht als Wohnhäuser gedient, sagt Stefanie Brunner. «Es war darin feucht und dunkel.» Sie vermutet, dass sie für die Verarbeitung von Textilien genutzt wurden, die aufgrund der Feuchtigkeit geschmeidig blieben. Darauf deuten zumindest weitere Funde hin. Die Grabungsleiterin zeigt zugespitzte Knochenstücke, die wohl für Webstühle verwendet wurden. Auch eine Nadel mit einem feinen und gut erhaltenen Nadelöhr ist dabei. Knochenstücke lassen darauf schliessen, dass in der Siedlung auch Nutztiere wie Rinder, Schafe oder Geissen gehalten wurden. Unter den Funden ist etwa ein gut erhaltener Zahn eines Ebers. Hilfreich sind für die Archäologen auch Fragmente von Keramik. Dank ihrer Formen und Verzierungen können sie im Idealfall zeitlich ziemlich genau eingeordnet werden, wie Stefanie Brunner sagt.

Spektakuläre Entdeckungen wie ein Skelett oder Waffen wurden in Marthalen nicht gemacht. Dafür ist unter den Fundstücken etwa eine Glasperle mit einem feinen Farbmuster und einem Loch in der Mitte (Bild). Auch eine Gewandnadel aus Bronze oder eine gut erhaltene Gürtelschnalle sind dabei. Entdeckt wurden aber auch Gegenstände, die viel älter sind, etwa eine blaue römische Glasscherbe, die ein frühmittelalterlicher Siedlungsbewohner wohl als persönliches Sammlerstück irgendwo aufgelesen hat.

Alle Stücke und ihre Fundorte werden genau dokumentiert und auf Karten eingetragen. Diese Daten ermöglichen dereinst Forschungsarbeiten und schärfen somit das Bild, das wir von den damals lebenden Menschen haben. Eine genaue Dokumentation ist vor allem auch deshalb wichtig, weil durch die Grabungen, und nicht zuletzt auch durch den Kiesabbau, die Strukturen in der Erde unwiederbringlich zerstört werden. ()

Erstellt: 13.09.2017, 18:14 Uhr

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