Streitgespräch

«Es ist ein erklärtes Ziel der lokalen Freikirchen, politische Arbeit zu leisten»

Wie eng sind Freikirchen, Politik und Verwaltung in Winterthur miteinander verwoben, und welche Chancen und Risiken birgt eine solche Partnerschaft? Nachdem der ­«Land­bote» diese Woche die Ergebnisse einer ­Umfrage zum Thema Religion veröffentlicht hat, diskutieren nun drei Gemeinderäte, einer davon stand zehn ­Jahre lang an der Spitze der Evangelischen Allianz Winterthur.

Glauben Sie an Gott oder eine höhere Macht?
David Schneider*: Selbstverständlich. Das ist sinnstiftend und gibt Halt und Orientierung.

Regula Keller*: Nein. Ich glaube an die Menschenwürde und den gegenseitigen Respekt, aber an keine höhere Macht.

Reto Diener*: An Gott glaube ich nicht, aber die letzten Fragen nach unserer Herkunft bleiben für mich ungeklärt.

Und wann waren Sie letztmals in einem Gottesdienst?
Schneider: An Heiligabend.

Keller: An Weihnachten, weil ich gerne Weihnachtslieder singe.Diener: Auch an Weihnachten. Ich gehe etwa zwei- bis dreimal pro Jahr in den Gottesdienst

Und wie sehr prägt der ­christliche Glaube Ihren Alltag und Ihre Politik?
Diener:Nächstenliebe und Wertschätzung anderer gehören zu meiner Grundhaltung, die durchaus auch konservativ geprägt ist.

Schneider:Meine politischen und religiösen Haltungen sind vom Liberalismus geprägt, dazu gehört die Unantastbarkeit des Individuums.

Keller: Überhaupt nicht.

Die Online-Umfrage, die der «Landbote» zum Thema Religion im Gemeinderat durchgeführt hat, zeigte: Nur jeder Vierte glaubt an die Schöpfungs­geschichte, die Hälfte glaubt an Gott, aber 75 Prozent sind nach wie vor Mitglied in einer Kirche. Wie geht das zusammen?
Diener: Ich sehe hier keinen Widerspruch, weil ich die sozialdiakonische Arbeit der Kirche wie gesagt schätze. Deshalb bin ich auch nie ausgetreten.

Keller: Ich übrigens auch nicht, ich finde, gerade im Altersbereich leisten die Landeskirchen einen sehr wertvollen Beitrag.

«Dass in freikirchlich geprägten Stiftungen  Gehirnwäsche oder dergleichen betrieben wird, ist Quatsch.»David Schneider (FDP)

Die Solidarität mit den Landeskirchen scheint also gross zu sein. Mit 47 Prozent sind die Reformierten klar übervertreten, vor allem eine Gruppe: die der Freikirchen. Sie glauben an die Schöpfungsgeschichte und nicht an die Evolutionstheorie.
Schneider: Es ist tatsächlich so, dass bis heute in freikirchlichen Kreisen ein wissenschaftskritisches Bild verbreitet ist. Ich persönlich teile das überhaupt nicht, sondern respektiere wissenschaftlich bewiesene Theorien.

Diener: Hier gibt es für mich keine Halbpositionen. Entweder man glaubt an das eine oder eben das andere. Wissenschaftlich plausibler ist klar die Evolutionstheorie. Aber was stand ganz am Anfang? Darauf habe auch ich keine abschliessende Antwort.

Schneider: Für mich ist es der Schöpfergott. Gott hat die Welt geschaffen und schafft Leben.

Keller: Der entscheidende Unterschied ist doch, dass die Wissenschaft ergebnisoffen forscht, Sachen grundsätzlich infrage stellt, mit Wahrscheinlichkeiten argumentiert und nicht absolut.

Spielt es für die Wählerinnen und Wähler eine Rolle, welchen Glauben ein Gemeinderat hat?
Keller: Wenn jemand fundamentalistisch denkt, interessiert das, ja, so wie andere Interessenbindungen auch.

Jeder achte Gemeinderat ist in einer Freikirche. 13 Prozent gegenüber schweizweit geschätzt knapp zwei Prozent. Die Freikirchen sind im Parlament zweifellos überrepräsentiert.
Diener: Das sollte man etwas relativieren. Wer sich gesellschaftlich gerne engagiert, ist wohl eher auch im Gemeinderat, und die Freikirchen sind mit diversen Werken und Stiftungen in der Stadt recht stark verwoben.

Schneider: Das ist so, nehmen Sie die Heilsarmee, die Quellenhof-Stiftung oder den Läbesruum, den ich mitaufgebaut habe. Das sind wichtige Sozialwerke, die es ohne die Freikirchen nicht gäbe und die fehlen würden. Für Winterthur ist es ein Gewinn, dass die Freikirchen sich derart engagieren. Alle Kirchen leisten zudem viel seelsorgerische Arbeit, und das ehrenamtlich.

«Es kann nicht sein, dass man den Staat zurückfährt und das Feld den Privaten überlässt, gerade in den sozialen ­Bereichen.»Regula Keller (SP)

Aber politisiert sind Freikirchen und ihre Mitglieder in der Regel eher nicht.
Schneider: Ich würde es so formulieren: Das Engagement ist in Winterthur generell etwas grösser als anderswo.

Die soziale Arbeit der Freikirchen scheint fast unverzichtbar, bei der Wohnhilfe und Notschlafstelle, der Jugendarbeit, im Altersbereich zum Beispiel. Ist die Schwäche der Stadt die Stärke der Freikirchen?
Schneider:Von Schwäche kann keine Rede sein, für die Stadt ist es ein Privileg, aktive von Freikirchen gestützte Sozialwerke zu haben.

Der Stadtrat hat sich in einer Antwort auf eine schriftliche Anfrage kürzlich klar dazu ­bekannt.
Diener: Das Engagement ist wichtig, ja. Aber dieses «Privileg» wird mitunter tatsächlich als Druckmittel benutzt. An einem Podium brachte es ein Freikirchenmitglied einmal auf den Punkt: «Wenn wir einmal aussteigen, dann brechen die städtischen ­Sozialwerke zusammen.»

Keller:Eigentlich ist es die Aufgabe des Staates, soziale Einrichtungen zu führen. Private können nicht überall einspringen, wo der Staat zurückgefahren wird, wie es Ihre Partei ja so oft fordert, Herr Schneider.

Schneider: Gerade in der Bildung sehe ich vor allem Chancen. Privatschulen sind pädagogisch oft sehr innovativ.

Diener: Bildung zu privatisieren, ist für mich ein No-go.

Keller: Aber auch anderswo. ­Nehmen Sie das Beispiel der Freizeitanlage Steig, wo die Stadt abgesprungen ist und Mitglieder der Freien Christengemeinde mit ihren Royal Rangers übernommen haben, die Kinder «für Jesus gewinnen» und «dienstbar machen» wollen. Woher soll man wissen, wie stark dort tatsächlich missioniert wird?

Herr Schneider, halten sich die freikirchlichen Stiftungen und Schulen zurück, obwohl die Mission ihr Auftrag ist?
Schneider:Es gibt diesen Konflikt tatsächlich. Aber es hängt stark davon ab, wie man sich öffentlich positioniert. Der Läbesruum zum Beispiel ist heute ein Partner der Stadt, der sich auch verändert und gegen aussen geöffnet hat. Missioniert wird dort nicht. Was mich stört, ist dieser Generalverdacht, es werde bei solchen Organisationen Gehirnwäsche betrieben oder dergleichen. Das ist Quatsch.

Diener: Aber unbestritten missionieren die Freikirchen stärker als die Landeskirchen. Wenn als Hauptanliegen gilt, «dass Menschen den lieben Gott kennen lernen», dann ist das doch eindeutig.

Keller: Hinzu kommt, dass Menschen in einer Notsituation besonders empfänglich sind für solche Botschaften.

Wie wertkonservativ denkt das freikirchliche Milieu in Winterthur überhaupt?
Schneider:Das lässt sich so nicht verallgemeinern. Die Heilsarmee zum Beispiel war in der Frage der Gleichberechtigung schon früh sehr fortschrittlich und Frauen nahmen leitende Positionen ein. Aber es gibt auch die anderen, die sehr Wertkonservativen. Generell aber haben sich viele lokalen Freikirchen in ihren Positionen eher geöffnet und die interne Streitkultur hat sich verbessert. Mit unseren Stadtrat-Talks zum Beispiel wollen wir das Interesse für Politik wecken und auch das politische Engagement stärken.

«Die christliche Schule SalZH ist ein gutes  Beispiel dafür, wie gut das Lobbying der Freikirchen  funktioniert.»Reto Diener (Grüne)

Zurück zu den Umfrageergebnissen: Jeder dritte Gemeinderat denkt, dass die Verquickung zwischen Freikirchen, Politik und Verwaltung zu stark ist. Gibt es konkrete Hinweise?
Keller: Dass sich die Verwaltung ab und zu im Gate 27 einmietet, ist für mich ein Nebenschauplatz. Problematisch wird es im pädagogischen Bereich. Wie ich schon gehört habe, platzieren Leute in der Verwaltung mit freikirchlichem Hintergrund Kinder teilweise gezielt bei Familien mit freikirchlichem Hintergrund. Aber im Gemeinderat ist der persönliche Glauben eines Kollegen kein Thema. Im Rat diskutieren wir eher technische Themen wie die Parkplatzverordnung.

Diener:Genau hinschauen müssen wir aber im Bildungsbereich. Nehmen wir das Beispiel der Privatschule SalZH, die im Zeughausareal auf städtischem Land eingemietet ist. In dessen Leitbild heisst es zum Beispiel «Wir verstehen den Glauben als eine im Alltag gelebte, persönliche Beziehung zu Gott». Das ist mir zu einseitig und letztlich mit unserem säkularen Weltbild nicht vereinbar. Bildung solltezu einer freien und kritischen Grundhaltung befähigen, gegenüber der Gesellschaft, gerade auch in Glaubensfragen. In öffentlichen Schulen ist das gewährleistet.

Schneider: Vor sechzig Jahren war das Teil der Lehrpläne. Wir behalten ein paar traditionelle Werte bei. Wir unterrichten beispielsweise die biblische Geschichte. Diese Fächer sind freiwillig . . .

. . . sind aber sicher gut besucht?
Schneider: Die meisten machen mit, ja.

Wie wird an der SalZH die ­Entstehung der Welt gelehrt?
Schneider:Wir sind an den kantonalen Lehrplan gebunden und werden von der kantonalen Bildungsdirektion beaufsichtigt, wie jede andere Schule auch. Uns geht es um christliche Grundwerte.

Keller: Es ist bekannt, dass gerade der Lehrerberuf viele Leute mit christlich fundamentalen Positionen anzieht, das stellen wir auch an der Pädagogischen Hochschule fest. Das ist nicht ganz unproblematisch, weil man letztlich von aussen nie genau weiss, was ein Lehrer seinen Schülern vermittelt.

Diener: Herr Schneider, Lehrer sind bei Ihnen «Leuchttürme», die als «Vorbilder den Glauben vorleben».

Schneider:Lehrer sind immer Vorbilder, gute oder schlechte, und sie sind den Schülern über­legen. Ein gutes Vorbild zu sein, heisst, diese Überlegenheit auf allen Ebenen nicht auszunützen. Die Schüler sollen vielmehr in ihrer Persönlichkeit gestärkt und beim Lernen ermutigt und gefördert werden.

Herr Diener, hat die Stärke des freikirchlichen Umfelds Ihrer Meinung nach auch bewirkt, dass der Zeughaus-Mietvertrag mit der Stadt zustande gekommen ist?
Diener: Ja, natürlich.

Darüber lässt sich doch nur ­spekulieren, oder nicht?
Diener: Nein, das liegt auf der Hand. Die politische Arbeit ist bei der Initiative für christliche Bildung (ICB) ja explizit als Ziel formuliert und dieser Verein ist bekanntlich von der SalZH aus aktiv. Für den Mietvertrag, wie er heute steht, wurde aktiv beim Stadtrat lobbyiert und es scheint, als rannte man dort offene Türen ein. Ich wäre aber dafür, dass das Zeughausareal einer breiten Öffentlichkeit offen steht.

Sah sich der Stadtrat beim ­Zeughausareal gegenüber den Freikirchen in der Bringschuld?
Schneider:Nein, aber es ist doch legitim, dass wir für unsere Anliegen kämpfen, auch ich habe mich stark dafür eingesetzt, dass unsere Schule dortbleiben konnte.

Themawechsel: Allgemein ­positioniert sich der Gemeinderat sehr gesellschaftsliberal und wenig islamkritisch. Wie ordnen Sie das ein?
Diener:Der Gemeinderat repräsentiert nicht den Durchschnittswähler. Ein Parlamentarier wägt die Vor- und Nachteile wohl noch eher etwas vorsichtiger ab.Keller: Kommt hinzu, dass rückblickend wohl auch einer Mehrheit der Wählerinnen und Wähler klar ist, dass die Minarettinitiative nichts bringt.

Schneider: Beim Islam scheint mir entscheidend, dass eine Integration über die Sprache und gewisse Grundwerte stattfindet.

Keller:Solange eine religiöse ­Gemeinschaft unsere Rechtsordnung respektiert und niemandem diskriminiert oder ausschliesst, sollte sie auch öffentlich-rechtlich anerkannt werden. Insofern ist eigentlich nicht tolerierbar, dass die katholische Kirche Frauen als Priesterinnen nach wie vor nicht akzeptiert.

(Der Landbote)

Erstellt: 29.12.2017, 17:27 Uhr

David Schneider (FDP) ist Mitglied der Reformierten Kirchgemeinde Seen und war von 2007 bis 2017 Präsident der Evangelischen Allianz Winterthur.

Regula Keller (SP) ist reformiert. Sie geht höchstens der Lieder wegen in die Kirche.

Reto Diener ist reformiert. Er hat nicht vor aus der Kirche auszutreten.

Artikel zum Thema

Im Rat geben die Reformierten den Ton an

Religion im Gemeinderat Wie stark frömmelt es im Parlament ? Wie wertkonservativ sind die Positionen der Freikichen-Mitglieder? Und bilden diese eine gemeinsame Front? In einer Umfrage haben sich die Winterthurer Gemeinderätinnen und Gemeinderäte zu den Themen Glaube, Religion und Politik geäussert. Mehr...

«‹Bible Belt› ist übertrieben»

Politik und Religion Ein Religionssoziologe sagt, wie stark sich die Freikirchen politisiert haben und wie er sich deren Übervertretung im Winterthurer Parlament erklärt. Mehr...

Jeder Dritte findet, Politik und Freikirchen sind zu eng miteinander verflochten

Winterthur Wie stark verfilzt sind Freikirchen, Politik und Verwaltung? Zu sehr. Das findet zumindest ein Drittel der lokalen Parlamentarier. Mehr...

Umfrage

Eine Landbote Umfrage zeigt: Jeder siebte Winterthurer Gemeinderat stammt aus dem Milieu einer Freikirche. Ist deren Einfluss auf die städtische Politik zu gross?

Ja, Freikirchen und Politik sind zu stark miteinander verflochten.

 
43.8%

Nein, es gibt keine starke, geeinte Freikirchen-Lobby.

 
27.5%

Egal. Unsere Politik hat andere Probleme.

 
28.7%

258 Stimmen


Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!