Winterthur

Rebell wird Solarpionier

Fritz Schuppisser, Atomkraftgegner und Dienstverweigerer, ist ein erfolgreicher Unternehmer geworden. Der Solarpionier war am Donnerstagabend Gast im StadTalk.

Fritz Schuppisser, Atomkraftgegner und Dienstverweigerer, ist ein erfolgreicher Unternehmer geworden.

Fritz Schuppisser, Atomkraftgegner und Dienstverweigerer, ist ein erfolgreicher Unternehmer geworden. Bild: PD

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Am Nachmittag stand er noch auf einem Dach in Zürich, um an einer Solaranlage «etwas fertig zu machen», wenig später sitzt der 70-jährige Vollblutunternehmer in der Coal Mine, um mit Stadttalk-Moderator Christian Huggenberg über sein Lebenswerk zu sprechen. Wer jetzt an einen hyperaktiven Schnellredner mit sportlich drahtigem Körperbau denkt, irrt. Fritz Schuppisser, mit einer für sein Alter gängigen Körperstatur, sitzt gemütlich im Fauteil und antwortet charmant, witzig und in gemächlichem Redetempo.

Zwei Mal sass er als junger Mann im Gefängnis: Mit Dienstverweigerern ging man in den 1970er-Jahren noch hart ins Gericht. Dabei wollte Soldat Schuppisser nur nicht Unteroffizier werden. Aufgefallen sei er halt bereits bei der Aushebung. Es störte ihn, dass die Langsamsten beim Sporttest nochmals gegeneinander hätten antreten müssen, um eine Rangliste erstellen zu können und so organisierte er unter den Auszuhebenden, dass alle gemeinsam ins Ziel liefen.

Der gewaltfreie Widerstand des Prager Frühlings 1968 habe ihm imponiert und ihn inspiriert. Seine Verurteilung wegen Dienstverweigerung hatte weitere Folgen: Der damalige Erziehungsdirektor Alfred Gilgen habe ihm, dem gelernten Kaufmann mit zusätzlich nachgeholter Matur, verboten zu studieren. Später habe er dennoch mit einem Jurastudium beginnen dürfen, dieses dann aber selber wieder abgebrochen.

Allein mit acht Kindern

Bereits als Jugendlicher war der Fritz als Rebell aufgefallen, als er in Räterschen aus der Kirche austrat, zusammen mit Kolleginnen und Freunden die «objektive Jugend» gründete und «kritische Theaterstücke» aufführte. Es habe ihn gestört, dass es geheissen habe, er komme in die Hölle, wenn er nicht folge, begründet er seinen Kirchenaustritt. «Ich wollte auch mal nicht folgen und deswegen nicht gleich in der Hölle landen.»

Eine Kämpfernatur muss bereits seine Mutter gewesen sein. Die Unternehmerin, die zusammen mit ihrem Mann die Kinderkonfektionsfabrik in Räterschen mit 60 angestellten Näherinnen führte, sei eine «Frauenrechtlerin» gewesen und einmal sogar beim Technikum auf einen Baum gestiegen, um mit einem Transparent fürs Frauenstimmrecht zu kämpfen. Den grösseren persönlichen Kampf dürfte sie geführt haben, als sie später als junge Witwe mit sieben Kindern und mit einem achten Kind schwanger darum kämpfen musste, ihre Kinder bei sich behalten zu dürfen. Fritz war drei Jahre alt, als sein Vater starb.

«Ich wollte auch mal nicht folgen und deswegen nicht gleich in der Hölle landen.»Fritz Schuppissers Begründung für seinen Kirchenaustritt

Die Kinder wurden in die Obhut einer Kinderfrau gegeben, während die Mutter das Unternehmen alleine weiterführte. Benötigte eines der Kinder in den Augen der Mutter eine männliche Zurechtweisung, habe sie die Kinder zu ihrem Bruder geschickt, der Oberst im Militär und Generaldirektor bei Sulzer gewesen sei. Bei Fritz, der offenbar hin und wieder vom Onkel «in den Senkel gestellt wurde», verstärkte das allerdings sein rebellisches Oppositionsverhalten.

Nutzen, was da ist

Die 68er prägten ihn. Die durch den Erdölschock ausgelöste Wirtschaftskrise auch. Er demonstrierte gegen Atomkraftwerke, setzte und setzt sich bis heute für mehr Ethik und für die Sonnenenergie ein. «Die Sonnenkraft ist die idealste Form der Energiegewinnung: Man nimmt nichts weg, sondern nutzt, was da ist.» 1976 entschied er sich, noch eine Lehre als Installateur für Solaranlagen anzuhängen. 1984 gründete er sein eigenes Unternehmen, die Soltop und fokussierte auf Solarthermie. «Wir tüftelten», entwickelten neue Schweissverfahren, bessere Komponenten, effizientere Kollektoren. Mit Velo und Anhänger lieferte er seine ersten Produkte aus. Das KMU wurde grösser und erfolgreich. Die Mitarbeitenden bekamen zwanzig Prozent vom Gewinn ab. 1999 wurde Schuppisser mit dem Schweizer Solarpreis ausgezeichnet. Die Firma erlebte Höhen und Tiefen und musste sich der Zeit und den Trends anpassen, was sie bislang immer schaffte. 2015 verkaufte Fritz Schuppisser seine Ausführungsabteilung an zwei langjährige Mitarbeiter und setzte in der Soltop einen Geschäftsführer ein – seine beiden Kinder waren noch zu jung, er war erst mit 47 Vater geworden.

Erstellt: 24.05.2019, 17:21 Uhr

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