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Die Last der Erinnerung

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In den Thrillern um den Geheimagenten Jason Bourne versucht der unter Amnesie leidende Titelheld seiner Vergangenheit auf die Spur zu kommen. In mittlerweile fünfzehn Romanen und fünf Kinofilmen sucht der einstige Super-Spion auf seiner Jagd um den Erdball vor allem eines, nämlich die Erinnerung daran, was im früher widerfahren ist.

Ja, so ein Gedächtnisverlust muss quälend sein. Persönlich kenne ich hingegen den umgekehrten Fall weit besser. Daran (und auch am unterschiedlichen Body-Mass-Index) lässt sich erkennen, wie verschieden Bourne und ich sind: er würde sich gerne erinnern, ich würde gerne vergessen.

Ich lebe ihn und zwar in Endlosschlaufe: den langweiligsten Thriller der Menschheitsgeschichte.

Ich weiss zum Beispiel noch bis heute ganz genau, wie ich als Achtjähriger mal auf einem Ausflug mit meiner Gotte in den Zoo hinterher im Restaurant einen Glacé-Coupe bestellen durfte und dann beim Bestellen eine Eissorte genannt habe, von der ich mal in einem Hörspiel gehört hatte, die der Kellnerin jedoch unbekannt war, worauf Gotte lachend fragt, was das denn für ein Coupe sein solle.

Das war mir dann so peinlich war, dass ich im liebsten im Boden versunken wäre. Nicht nur ist mir dieses Erlebnis bis heute, 34 Jahre später, noch in allen Einzelheiten präsent. Es ist mir auch nach wie vor so peinlich, dass ich bis heute niemandem mehr den Namen der nicht exsitierenden Eissorte genannt habe. Die Kellnerin, wie auch meine Gotte, hatten das damals bestimmt schon nach fünf Minuten wieder vergessen.

Ich aber fühle, wann immer ich ein Eis bestellen soll, nicht nur wie damals die gleiche Schamesröte mir ins Gesicht steigen, sondern fühle zudem auch unbändigen Ärger über mich selbst. Ärger darüber, dass mir dieses Erlebnis, das mir doch eigentlich schon damals nicht hätte peinlich sein müssen und heute erst recht nicht, trotzdem immer noch peinlich ist. «Jetzt hör doch mal endlich auf mit dem Mist» fluche ich mich innerlich dann selber an und ahne dabei mit nur noch grösserem Ärger, dass ich damit wohl die Erinnerung bloss noch mehr verstärke. Und im Gegensatz zu Jason Bourne taugt das Ganze nicht mal zum Romansujet. Man stelle sich das mal vor: fünfzehn Romane über das Glacé-Erlebnis eines Achtjährigen. Den Roman möchte nun garantiert niemand lesen. Am allerwenigsten ich selber. Ich aber lebe ihn und zwar in Endlosschlaufe: den langweiligsten Thriller der Menschheitsgeschichte.

Erstellt: 01.10.2019, 16:38 Uhr

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