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Gegen die Dummheit!

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Bin mal wieder im Zug! Zeit zum Lesen. Rekruten steigen zu. Es ist Freitag Mittag, Wochenendurlaub. Fast jeder hat die obligate Bierbüchse in der Hand. Irgendwie habe ich Verständnis dafür, nach einer Woche militärischen Drills. Es bleibt nicht beim einen Bier und die Stimmung wird lauter und fröhlicher. Auch dafür habe ich Verständnis. Man ist nur einmal jung. Gespräche über Gott und die Welt. Einer fängt an mit döflichen Witzen über Italiener, dann kommen die Portugiesen ins Visier der junge Männer. Spätestens jetzt schwindet mein Verständnis. Ich schaue ab und zu mal hin. Still bleiben oder etwas sagen? Es scheint niemanden sonst zu stören. Aber mir sieht es ja auch niemand an, dass es mich stört.

Und plötzlich ist er da, der Ruf: Heil! Einer johlt und andere stimmen mit ein. Heil, skandieren die Jungs. Jetzt finde ich es überhaupt nicht mehr lustig. Genug sage ich! Zu meinem Erstaunen ist es nullkommaplötzlich ruhig. Innerlich zittere ich, mein Herz flattert. Ich kann es nicht fassen. Junge Männer, Schweizer Rekruten... Wo ist deren Hirn geblieben?

Es sind keine Nazis, nein. Junge Männer - fast noch Kinder dachte ich, als sie einstiegen - und alle sind froh, wenn die Mami zu Hause die Wäsche macht. Dann zückt einer sein Mobilephon und sie beginnen zu lachen. Ihre Augen hängen am kleinen Gerät. Als ich aussteige fällt mein Blick auf das Handy. Es läuft ein Pornofilmchen! Die Jungs halten sich die Bäuche und finden es mega lustig.

Keine Nazis, junge Schweizer Rekruten auf dem Heimweg ins Wochenende. Müsste man nicht die Schulter zucken und denken: jugendlicher Leichtsinn, Dummheit? Wo aber sind die Grenzen der Dummheit? Ist mit Dummheit oder Leichtsinn alles entschuldbar?

«Setz um, was du vom Christ-Sein begriffen hast. Misch dich ein. Lass es nicht einfach passieren.»Monika Schmid, Gemeindeleiterin und Theologin

Morgen feiert die Christenheit Pfingsten und jene die nicht feiern sind der Christenheit dankbar über zwei freie Tage. Aber was ums Himmels Willen hat Pfingsten mit den jungen Rekruten zu tun? Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Ostern wird konkret. Pfingsten, das ist so etwas wie eine göttliche Mündigkeitserklärung. Ihr Christen schaut nicht einfach zum Himmel mit dem Ruf: lieber Gott hilf, lieber Gott mach mal. Wir sind gefragt. Ja, mach mal selber, setz um, was du vom Christ-Sein begriffen hast. Misch dich ein. Lass es nicht einfach passieren. Vielleicht machst du dich lächerlich dabei, wenn du aufstehst für Menschlichkeit und gegen die Dummheit der Masse. Pfingsten holt den Himmel auf die Erde, weil Himmel dort beginnt wo wir gemeinsam die Verantwortung für unsere Welt übernehmen.

Monika Schmid, Theologin und Gemeindeleiterin katholische Kirche St. Martin, Illnau-Effretikon

Erstellt: 18.05.2018, 14:45 Uhr

Monika Schmid, Theologin und Gemeindeleiterin in Illnau-Effretikon (Bild: Johanna Bossart)

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