Kolumne

Achtung, die Alten!

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Abgemeldet, spätestens mit 70? Angeblich grassiert im Medienwesen der Jugendwahn. Und dann sehe ich diese Woche auf TeleZüri den knackigen Erich Gysling, der mir mit gewohnter Präzision die ­Lage im Nahen Osten so erklärt, dass ich sie zu verstehen glaube. Gysling leitet unermüdlich Reisen, schreibt, trägt vor ... Auf dem Papier ist er 81 Jahre alt.

Markus Gilli, der ihn befragt, ist fast zwanzig Jahre jünger. Aber weil er früh angefangen hat, ist auch er ein Oldtimer und ein journalistischer Langstreckenmeister dazu: zuerst fast zwanzig Jahre bei Radio 24, seit 1999 Programmleiter und Chefredaktor von TeleZüri und jetzt der journalistische Chef des in der AZ-Gruppe angesiedelten wichtigsten privaten TV-Unternehmens der Schweiz.

Charlotte Peter (93), die den modernen Reisejournalismus in die Schweiz gebracht hat, schreibt noch immer Buch um Buch. Sie reist manchmal, wie sie zu sagen pflegt, «no schnäll i d Mongolei» und ist dabei zum Vergnügen ihrer grossen Leserschaft «gwund­rig wie ein junger Hund».

Das Schöne an den Alten: sie müssen nichts mehr werden und folglich keine taktischen Rücksichten nehmen.

Ausser Erich Gysling hat niemand den Schweizern den Nahen Osten so gut erklärt wie der Buchautor und frühere NZZ-Korrespondent Arnold Hottinger. In kurzen Abständen von nur wenigen Tagen liefert er derzeit seine Erklärstücke kostenlos auf journal21.ch. Hottinger ist soeben 91 Jahre alt geworden.

Kaum je war der für seine aggressiven Fragen bekannte Roger Schawinski höflicher und leiser als im Gespräch mit ihm. Übrigens ist auch Schawinski mit seinen gut getarnten 72 Jahren eine dieser publizistischen Kraftgestalten. Wer hat im Schweizer Medienwesen der letzten 40 Jahre mehr bewegt als er?

Ein weiterer Fall ist Helmut Hubacher, der mit Hottinger den Jahrgang teilt. Er findet jeden Samstag in der Basler Zeitung statt. Es ist eine Lust, zu lesen, wie der alte Kämpfer nicht nur die Bürgerlichen zerlegt, sondern auch die eigenen Genossen, wenn es der Anlass erfordert. Neulich hat er über den gescheiterten deutschen SPD-Präsidenten Martin Schulz ­gesagt, er habe innenpolitisch nichts vorzuweisen und besitze kein Programm. «Er hat zu dick aufgetragen und ist abgestürzt.»

Auch Hubachers autobiografisch eingefärbte Bücher über die Bundespolitik bestätigen: Das Schöne an den alten Damen und Herren ist, vorausgesetzt, sie sind noch gut beieinander: Sie müssen nichts mehr werden und folglich keine taktischen Rücksichten nehmen. Kraft ihrer Lebenserfahrung und Menschenkenntnis haben sie ein in der Schweiz weitverbreitetes Laster abgeschüttelt: die Feigheit vor dem Freunde.

(Der Landbote)

Erstellt: 15.12.2017, 12:24 Uhr

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