Zum Hauptinhalt springen

Bargeldloser Klingelbeutel

In den Weihnachtsgottesdiensten begegnete uns Festtagschristen wieder einmal der alte Kirchenbrauch der Kollekte: Der «Klingelbeutel» (so genannt, weil er früher ein Glöckchen am unteren Ende des Samtsäckchens trug) oder das Weidenkörbchen gingen durch die Bankreihen, um Spenden zu sammeln. Die Tradition ist in den christlichen Kirchen, im Judentum und im Islam fast so alt wie die Religionen selbst: Tätige Hilfe für die Bedürftigen gehört zu den Grundpflichten des gläubigen Menschen. Eine Pflicht, die im reichen Europa auch von Nicht-gläubigen befolgt wird: Schweizer, Deutsche und Österreicher sind besonders spendenfreudig.

Zum Ende dieses Jahres steht der 2500 Jahre alten Praxis in den Gotteshäusern ein Epochenbruch bevor: Im Sommer meldete die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg den «digitalen Klingelbeutel» zum Patent an. Das Gerät hat noch immer ein Stoffsäckchen, doch der metallene Kranz über dem Beutel enthält digitale Hightech: Über ein Kartenlesegerät kann der Kirchenbesucher seine Gottesdienstgabe direkt vom Konto abbuchen lassen. Damit niemand seine PIN-Nummer eingeben muss, sind die Beträge bis zu einer Obergrenze von rund 25 Franken gestaffelt.

In diesem Adventhat das Gerät in Berlin-Brandenburg seine Premiere erlebt. Wie hoch die Erlöse sind, ist noch unbekannt. Die Digitalisierung unserer Mildtätigkeit ist freilich nicht im protestantisch-nüchternen Berlin erfunden worden: In Schweden, wo man Zahlungsverkehr mit Bargeld längst für antiquiert hält, wurden schon vor Jahren in den Kirchen digitale «Kollektomaten» installiert. Ein Prozent der Überweisung geht dort an die kooperierende Bank, damit notleidenden Bankern an Weihnachten ordentliche Boni gezahlt werden können. Der Rest dient echter Mildtätigkeit.

Um diesen Artikel vollständig lesen zu können, benötigen Sie ein Abo.