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Es gibt nur einen Rheinfall

Der Rheinfall liegt drei Kilometer entfernt von Schaffhausen. Die Stadt und der Wasserfall gehören seit Jahrhunderten zusammen. Ja, man könnte sagen, es gebe Schaffhausen nur wegen des Rheinfalls. Wer von Ost nach West oder umgekehrt unterwegs war, musste seine ­Waren in der Stadt oder unterhalb aus- und wieder einladen – und den Schaffhausern Zoll entrichten. Für das 30 Kilometer weit weg liegende Zürich hingegen war der Rheinfall nie mehr als ein Hindernis. Ein Hindernis, das (nicht nur) die Zürcher auf dem Landweg von Stein am Rhein nach Ellikon am Rhein umgingen, um den Salzzoll zu sparen.

Mit dem Rheinfall als Tourismusdestination ging Zürich in den vergangenen Jahrzehnten ent­sprechend um: distanziert. Ein Thema wurde das Schloss Laufen und der nebenan liegende Wasserfall nur, wenn im «Zürcher Kulturerbe» mal wieder der Wanderschuh drückte. Dann nahm der Kanton als Blasenpflaster viel Geld in die Hand und klebte die dringlichsten Probleme ab, im Restaurant, am Bahnhof oder in der Umgebung. Ein paar Tage später, nun unterwegs in feinstem Leder, vergass Zürich den Rheinfall wieder. Auch die Zusammenarbeit ­Zürichs mit dem Nachbarkanton und seiner Tourismusorganisation kam nie recht auf Touren. Auf schöne Worte folgte Schweigen, was die Kommunikation, und eine Blockade, was das Handeln betrifft.

Nun wäre der Zeitpunkt geeignet für den Kanton Zürich, seine Blockade zu durchbrechen. Oft sind ja Nachbarn unterschiedlich unterwegs, wenn es um den Ersatz etwa einer Heizung fürs Haus geht. Der eine Nachbar hat erst vor zehn Jahren eine ­Ölheizung angeschafft, wenn der andere Nachbar einen Partner für eine Schnitzelheizung sucht. Am Rheinfall aber steht das Fenster gerade offen, gemeinsam in die Zukunft zu investieren. Zürich will erneut das Schloss Laufen aufmöbeln und es dann in die Hand eines einzigen Pächters geben, Schaffhausen hat das bereits getan. Eine ideale Ausgangslage für ein gemeinschaftliches Unternehmen mit viel Freiheiten zwischen Partnern, deren Vor- und Nachteile sich übers Kreuz ausgleichen könnten.

Die Ausgangslage ist doch die: Die Schaffhauser haben vom Rheinfall die Postkartenansicht und noch Platz für neue Attraktionen, aber kein Geld. Die Zürcher ihrerseits haben Geld, sehen vom Wasserfall aber bloss die Wucht und die Gischt, es fehlt an attraktivem Platz. Jeder vernünftige Tourismusfachmann muss da doch zum Schluss kommen, die ungleichen Partner sollten ihre Qualitäten kombinieren, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Und wünschen tun sich die Kantone Zürich und Schaffhausen seit langer Zeit dasselbe. Dass mehr Besucherinnen und Besucher an den Rheinfall kommen und dass sie länger bleiben als für ein Selfie, ein paar Fotos und Pommes frites.

Der grösste Wasserfall Europas hat trotz 1,5 Mil­lionen Besucherinnen und Besuchern tatsächlich noch Potenzial. Bei dessen Erschliessung sollte ­Zürich nicht bloss die Verbesserungen ins Auge fassen, die sich mit viel Geld erzielen lassen, sondern zuerst das vorhandene Angebot auslasten. Zum Beispiel, indem beidseits des Rheinfalls dasselbe Plänlein mit Wegen, Bootstouren und Aussichtspunkten abgegeben wird, deren Begehung, Benutzung oder Besuch den Touristen empfohlen wird. Heute verteilt die Zürcher Seite Pläne und hat beim Schloss solche aufgehängt, die das Angebot am Schaff­hauser Ufer zum grossen Teil verschweigen.

Dieser Futterneid bringt nichts, er ist sogar geschäftsschädigend, gerade weil der Rheinfall zwei Seiten hat. Bleibt der Tourist nämlich bloss auf einer Seite, dann bleibt er weniger lang, und sein Hunger und Durst sind kleiner, als wenn man ihm zum richtigen Zeitpunkt mitteilt, dass es auf der anderen Seite noch schöner sei. Auch mit Blick auf die neue Kundschaft aus Asien sind Alleingänge höchstens kostspielig, aber sicher ineffizient. Ohne frühzeitige Absprachen könnte es gut sein, dass die Schaffhauser und Zürcher Seite jede für sich ein eigenes kulinarisches Angebot an Fast-Food-Ständen und in Restaurants aufbaut, für hungrige Chinesinnen und Inder, obwohl die Erträge für mehrere Betriebe nicht ausreichen.

Bleibt noch die Frage nach dem Chef des Gemeinschaftsunternehmens und dem Gewinn. Die erste Frage könnte so beantwortet werden: Weil der Rheinfall den Schaffhausern nahe und am Herzen liegt, ist einer der ihren für die Vermarktung zuständig. Die Finanzen übernimmt ein Zürcher, und den Chef sucht das neue Unternehmen auf dem Markt für Tourismusfachleute. Für das Verteilen von allfälligen Gewinnen würde sich folgender Vorschlag anbieten: Zu berücksichtigen sind einerseits die verkaufsfördernden Merkmale des Rheinfalls, also die Postkartenansicht, die Gischt und die Schlösser. In die Rechnung gehören auch die schon geleisteten Investitionen. Über den genauen Verteilschlüssel sollen die Regierungsräte streiten und notfalls einen neutralen Gutachter beiziehen. Finden sie trotzdem keine Lösung, werden sie per Boot auf die (zürcherische) Insel gefahren und erst abgeholt, wenn sie Ja gesagt haben zur Verlobung.

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