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Ein Scheitern der Villa Flora ist keine Option

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Wie soll man der Winterthurer Bevölkerung erklären, dass ihre Stadt, die im Sparwahn 40 Sitzbänke abmontiert, jährlich zu­sätz­liche 475 000 Franken für ihre Kunstmuseen ausgeben soll? Diese Frage warf AL-Gemeinderat David Berger am Montagabend in der Debatte um den neuen Subventionsvertrag mit den Museen auf und sagte für das sich abzeichnende Ja zornige Leserbriefe voraus.

Tatsächlich: Wer an der Schenkel­wiese in Wülflingen auf seinem Abendspaziergang keinen Sitzplatz mehr findet, um sich den eindunkelnden Himmel anzuschauen, wird sich über die Verteilung der Steuergelder so seine Gedanken machen. Trotzdem ist der Bänkli-Vergleich mehr irreführend als klärend; denn mit ihm lässt sich jede Ausgabe der Stadt desavouieren, die nicht ans Lebendige geht. Nicht minder irreführend, um nicht zu sagen unehrlich, ist das Argument, dass die Vertreter der Stiftung Hahnloser/Jaeggli in die öffentliche ­Debatte eingebracht hatten: Es bringe nichts, die Kunst gegen andere Anliegen auszuspielen. Auch das ist ein Totschlagargument, das keiner Prüfung standhält. Die Realität der städtischen Budget­politik ist so simpel wie grausam: Wenn die Haushaltskasse knapp ist, steht jede Ausgabe mit jeder in Konkurrenz. Das heisst nicht, dass man sich nichts mehr leisten darf. Aber es muss das Geld auch wert sein.

Es ist dies die Botschaft, welche der Stadtrat, der Kunstverein, der desi­gnierte neue Museumsdirektor Konrad Bitterli und die Vertreter der Hahnloser-Stiftung mit auf den Weg nehmen müssen: Ein Scheitern ist für Sie keine ­Option. Es stimmt zwar, dass Winterthur «viel Museum für wenig Geld bekommt», wie es im Gemeinderat am Montag ebenso programmatisch wie agrammatisch hiess. Der Kanton hat die eigenen Subventionen um 700 000 Franken pro Jahr aufgestockt und er trägt mit dem Lotteriefonds auch den Löwenanteil der Kosten für den Umbau der Villa Flora. Doch das ist eine Momentaufnahme. Schon 2021 kann er ­seine Subventionen neu festlegen. Und, ganz nebenbei sind auch kantonale Subventionen Steuergelder. Die Stadt wiederum zahlt nicht nur 1,12 Millionen Franken an Subventionen an den Kunstverein, der die drei Häuser künftig betreibt, sie bezahlt über die Nebenkosten auch einen Teil des Personals – und das mit der Wiederbelebung der Villa Flora ab 2020 für drei Häuser.

Aus dem finanziellen Engagement unrealistische Erwartungen abzuleiten, ­wäre nicht fair. Wer den Entscheid des Gemeinderats nicht akzeptieren will, ist frei, das Referendum zu ergreifen. Allen anderen bleibt, die Fürsprecher der Flora auf ihre Versprechungen zu verpflichten. Und das sind viele: dass die Besucherzahlen steigen werden, dass die Museen sich öffnen und zu einer Plattform für die lokale Kunstszene werden, dass das Geld von Gönnern grosszügiger fliesst und dass die Hahnloser-Familie weitere Bilder in die Stiftung einbringt.

«Wir werden uns gerne an unserem Entscheid messen lassen», hat Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) am Montag im Gemeinderat gesagt – wohlwissend, dass sich das Projekt Villa Flora frühestens 2022 bewerten lässt und eine erneute Kandidatur dann nicht gerade sicher ist. Bei allen Vorbehalten müssen sich aber auch Skeptiker wünschen, dass das Museumsprojekt mit drei Häusern erfolgreich wird. Es ist schlicht im Inter­esse Winterthurs.

Erstellt: 24.05.2017, 08:16 Uhr

Marc Leutenegger, Leiter Redaktion Stadt (Bild: mas)

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