Kommentar

Nicht nur in der Stapo-Krise ungeeint

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor wenigen Tagen wurde öffentlich, was lange nur hinter den verschlossenen Bürotüren des Superblocks und bei der Stadtpolizei besprochen wurde: Die Hälfte aller Stapo-Führungsleute ist krankgeschrieben, mehrere haben ihre Stellen bereits verlassen. Den Zeitpunkt der Polizeikrise kann jede und jeder nachvollziehen. Krank werden Menschen meist nicht dann, wenn der Druck am höchsten ist, sondern erst, wenn sie sich nach gefochtenem Kampf eine Verschnaufpause gönnen, zum Beispiel zum Ferienbeginn. Oder wie bei der Stadtpolizei: Wenn der lange Kampf für ein neues Polizeigebäude und für mehr Stellen an der Front gewonnen werden konnte und der Druck aufs Kader sich endlich wieder etwas normalisiert hat.

Doch die Ausmasse der Kaderausfälle und die offensichtliche Unzufriedenheit der Verwaltungsangestellten sind schwer zu verstehen. Die Frage nach einer mög­lichen Verantwortlichkeit muss gestellt werden: Hätte der Polizeikommandant etwas verhindern können? Hätte der Stadtrat früher handeln müssen? Brauchte es ein halbes Dutzend kranker Chefs, bevor die offenbar angestaubte Organi­sation modernisiert wird?

Im Fokus steht Polizeivorsteherin Bar­bara Günthard-Maier (FDP) als politisch verantwortliche Stadträtin. Sie gab dem «Landboten» vergangene Woche, auf bestimmtes Nachfragen hin, schliesslich ­bereitwillig Auskunft, sprach über eigene Fehler und die Fehler von anderen. Die Roadmap 20, also die geplante Reorga­nisation der Polizeistrukturen, soll nun schnell vorangetrieben werden. Eine ­Sofortmassnahme in persona: Die Polizeivorsteherin will so oft als möglich «präsent sein», sowohl bei den Streifenpoli­zisten als auch bei den Kaderbeamten.

Doch schaut man auf Günthard-Maiers letzte Monate zurück, dann zeigt sich bei ihr noch offensichtlicher als bei den Polizeikadern eine akute Hochbelastung. Bei den erwähnten politischen Kämpfen für die Stadtpolizei war sie sehr präsent. Und sie, die noch im Herbst 2015 erfolglos ein Doppelmandat im Nationalrat angestrebt hatte, hat nun doch ein Zweitamt: Seit ­Juli führt sie gleichsam als Nebenjob ­Hunderte von Stadtwerk-Mitarbeitern. Sie übernahm diesen Departementteil vom entmachteten Matthias Gfeller (Grüne), der heute seinen letzten Arbeitstag hat. Diese Zusatzbelastung von Günthard-Maier wird noch bis Anfang Mai andauern, dann tritt Gfellers Nachfolgerin oder Nachfolger das Amt an.

Man könnte auf eine simple Gleichung kommen und sagen: Mit dem Stadtwerk-Mandat hat der Stadtrat Barbara Günthard-Maier schlicht zu viel aufgebürdet. Der Stapo-Krise, die sich angekündigt hatte, konnte sie nur noch hinterherhecheln. Sie selber und Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) streiten das ab, aber trotzdem fällt die Nähe der Ereignisse ins Auge: Im Juli übernahm Günthard-Maier beinahe ein ganzes zweites Departement, im Oktober kam es bei der Stadtpolizei zu ersten Ausfällen.

Was die Probleme bei der Stadtpolizei aber vor allem und einmal mehr aufzeigen, ist eine gewisse Entfremdung innerhalb der Stadtregierung. Günthard-Maier macht den Gesamtstadtrat mitverantwortlich, Stadtpräsident Künzle lässt das nicht auf sich sitzen und schiesst zurück. Der Stadtrat scheint ungeeint, er spricht nicht, wie man es von einem solchen Gremium erwarten würde, mit einer Stimme. Das zeigt sich derzeit auch an anderer Stelle: Politisch hochemotional, aber teils mit wenig Gefühl für das Kollegialitätsprinzip setzen sich Künzle (Pro) und ­Finanzvorsteherin Yvonne Beutler (SP, Kontra) im Abstimmungskampf zur Unternehmenssteuerreform III ein. Das geht so weit, dass viele Winterthurer Haushalte vergangene Woche am selben Tag zwei Flyer im Briefkasten hatten. Auf einem Künzle, auf dem anderen Beutler. Und was die Abstimmung für die Zukunft Winterthurs bedeutet, da werfen sich ­beide einstimmig uneinig eine regel­rechte Wählertäuschung vor.

Politische Grabenkämpfe im Stadtrat, gegenseitige Vorwürfe – das kommt nun noch hinzu, zu einem Jahr 2016, das ­ohnehin schon ausserordentlich war für die Kollegialbehörde. Eine Administrativuntersuchung zur Wärmering-Affäre lähmte einen Teil des Betriebs über ­Monate, und warf kein gutes Licht auf die Diskussionskultur im Superblock.

Und zuletzt noch dies: In genau einem Jahr müssen sich alle Stadträte der Wiederwahl stellen, sich entsprechend pro­filieren, es wird also eher noch lauter im Superblock und wohl noch eine Spur weniger harmonisch.

Erstellt: 31.01.2017, 08:22 Uhr

Umfrage

Zuerst die Wärmering-Affäre, jetzt die Stapo-Krise, garniert mit politischen Grabenkämpfen und gegenseitigen Vorwürfen. Vertrauen Sie unserem Stadtrat noch?

Ja. Turbulenzen gehören zur Politik. Im grossen Ganzen macht er seine Sache gut.

 
9.4%

Nein. Er wirkt ungeeint, planlos und hat seine Aufgaben nicht im Griff.

 
81.5%

Ich vertraue Politikern grundsätzlich nicht.

 
9.1%

481 Stimmen


Artikel zum Thema

Künzle widerspricht Günthard-Maier

Winterthur Die Krise im Kader der Stadtpolizei sei Sache der Polizeivorsteherin, sagt der Stadtpräsident. Der Gesamtstadtrat sei nicht verantwortlich dafür, dass erst jetzt gehandelt werde. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.