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Pädagogik für Faultiere

Komplimente hört jeder gern. Aber manchmal kriegt man Lob dort, wo man es am wenigsten erwartet. Vorgestern zum Beispiel, da sass ich zusammen mit meiner Frau auf dem Trottoir, wir redeten zusammen, während der jüngere unserer Buben auf seinem Fahrrad Runden auf dem Platz drehte.

Alles sehr unspektakulär. Da sagt ein älterer Mann, der ebenfalls am Platz auf einer Bank gesessen hat, beim Weggehen: «Sie sind aber vorbildliche Eltern!» Ich war ganz überrascht und antwortete ihm, wir würden ja überhaupt nichts tun, sondern nur dasitzen. Er aber meinte: «Genau darauf kommt es an», und ging lächelnd davon.

Ich musste noch lange über ­seine Worte nachdenken. Was meinte er damit, dass es genau darauf ankomme, einfach nur dabeizusitzen. Und ich musste an einen Aufsatz des Kinder­psychoanalytikers Donald ­Winnicott denken mit dem Titel «Über die Fähigkeit, allein zu sein». Dort erklärt dieser, wie wichtig es in der Entwicklung des Kindes ist, allein sein zu können, aber – und jetzt kommt die Pointe – «in Anwesenheit eines Elternteils». Allein sein, wenn jemand dabei ist? Damit meint Winnicott jene Zustände, wo man als Kind ganz ins Spiel versunken ist, ganz bei sich und zugleich doch immer weiss, dass Mutter oder Vater da sind, an die man sich wenden könnte. Die Eltern garantieren sozu­sagen, dass man allein sein und seinen eigenen Ideen nachhängen kann.

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