Unerhörtauf Durchzug

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Besonders während einer Zugfahrt aufs Land gibt es oft kein Entkommen vor Wandergruppen in aufgekratzter Stimmung. Die Züge sind zwar turbomässig unterwegs, aber kurz. Wer jetzt nicht auf Durchzug schalten kann, der soll das Buch oder die Zeitung erst gar nicht in die Hand nehmen – er wird zum Zuhören genötigt.

Und weil die Fahrt an den Rhein zu wenig lange dauert, als dass jeder seine neueste Anekdote zum Besten geben könnte, fällt man sich ständig gegenseitig ins Wort. Die wie über Wochen für diesen einen Ausflug aufgesparten Erlebnisse überlagern sich akustisch, verkanten sich wie Eisschollen in einem Fluss im sibirischen Frühling.

Doch zu diesem vergnüglichen Volksschauspiel auf Schienen gehören noch weitere Darsteller. Da ist nämlich noch der obligate Spassvogel der Gruppe zu erwähnen. Es ist meistens ein Er, der schon am Morgen im Zug laut über das erste Glas über Mittag nachdenkt, einen Witz nach dem anderen raushaut und alles kommentiert, was er im und vom Zug aus entdeckt.

Wehe also der jungen Frau im Abteil gegenüber mit den Musikstöpseln in den Ohren. Dass seine Spässe für sie unerhört bleiben, nagt schon ein bisschen an seinem Gemüt. Und da ist der Zusteiger an der nächsten Haltestelle. Weil er nicht im Stadtzentrum wohnt, stösst er erst jetzt zur Gruppe, von der er wie der verlorene Sohn euphorisch begrüsst – und vom Spassvogel unverzüglich auf den Arm ­genommen wird.

Und zu guter Letzt ist da noch die Person, die im Zug tele­foniert und sich dabei mit der einen Hand das andere Ohr ­zuhält. Ist da etwa der Wandervogel am anderen Ende der Leitung, dem in Winterthur der Zug just vor der Nase abgefahren ist? Ja, er ist es, nennen wir ihn Kurt.

Und da beugt sich auch schon der Spassvogel vornüber zur Telefonierenden, nennen wir sie Susanne, und ruft ins Telefon: «Kurt, ohne Helm und ohne Gurt, einfach Kurt.» Susanne stösst den Spassvogel beiseite: «Was hast du als Letztes gesagt? Du nimmst das Auto?» Ja, im Auto wäre es jetzt still. Dort entginge einem aber so einiges. So zum Beispiel auch jenes ältere Ehepaar, das bei jedem Bahnhof seine dialogisch verfasste Durchsage macht: «Ah, lueg, Hänggert.» – «Ja, Hänggert.»

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Erstellt: 27.05.2016, 10:29 Uhr

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