Tribüne

Zeit statt Zeug

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Wenn Sie diese Zeilen lesen, fehlen nur noch zwei Türchen bis zum grossen Fest. Türchen, auf die sich Kinder nicht nur in Winterthur erwartungsfroh stürzen, um zu sehen, was sich dahinter verbirgt. Der Adventskalender – jedes Jahr eine Grundsatzentscheidung. Sollen wir einen selber basteln oder einen kaufen? Soll es jeden Tag ein paar Gramm Schoggi geben oder ein kleines Geschenk, das 1. in einem Säckli oder einem Zündholzschächteli Platz haben muss und 2. nicht schon nach zwei Tagen unbeachtet in einer Ecke liegen soll?

Dann: Soll jedes Kind einen eigenen Kalender bekommen oder gibt es einen für die ganze Familie? Kann das dreijährige Kind schon nachvollziehen, dass es nur alle vier Tage am Zug ist? Und was bedeutet es für den Familiensegen, wenn Eifersucht schon am Morgen früh ein Thema ist – quasi direkt aus dem Bett rein in die Zank-Hölle? Ach, es ist nicht einfach in der Adventszeit. Und das Scheitern ist fast vorprogrammiert. Deshalb wurde ich sofort hellhörig, als ich auf einem meiner liebsten Schweizer Elternblogs (www.chezmamapoule.com) auf eine Adventskalenderidee aufmerksam wurde, die ich so noch nicht hatte: «Zeit statt Zeug verschenken», bringt es Bloggerin Ellen Girod auf den Punkt.

Die «kleinen Geschenke» wurden keine Sekunde vermisst.

«Bewusst zusammen sein. Weniger Müll produzieren. Stattdessen Erinnerungen machen.» Das wollte ich auch – und füllte den Kalender deshalb mit handgezeichneten Zettelchen, die jeden Tag eine andere gemeinsame Aktivität ankündigten: Ein Waldspaziergang mit dem Götti und dessen heiss geliebtem Hund Sam, ein Pack Mini-Kelloggs nach Wahl, wegen deren mir die Kinder bei jedem Einkauf in den Ohren liegen und die es zugunsten von Haferflöckli doch nie gibt, ein Besuch im Kindertheater, eine Fahrt mit dem Rösslitram, Schoggistreusel aufs Zmorgenbrot (danke für diese Idee, Ellen!), Kinderdisco mit den besten Freunden bei heruntergelassenen Rollläden, drei extra lange Gutenachtgeschichten vom Grossmami, ein Becher Punsch beim Adventsfenster der Nachbarn, eine Massage bei Kerzenlicht, der Besuch des Samichlaus in unserem Siedlungssaal . . . Während Ellens Tochter offenbar unwirsch auf die Idee ihrer Mutter reagierte («Ich! Will! Aber! Keine! Zetteli!»), nahmen meine beiden Kinder den Zeit-statt-Zeug-Kalender gelassen hin. Die «kleinen Geschenke» wurden keine Sekunde vermisst. Das hat vermutlich weder mit dem Charakter der Kinder noch mit dem Inhalt der Zettelchen zu tun, sondern eher mit der Durchtriebenheit der Mutter. Das Rezept liegt wohl darin, dass meine beiden zusätzlich noch einen Schöggelikalender haben. Mit Schoggi im Mund erträgt man die Advents­ideen der Mutter wohl etwas leichter . . .

(Der Landbote)

Erstellt: 22.12.2018, 11:39 Uhr

Franziska von Grünigen ist Radiofrau
und Buchautorin (siehe Artikel). (Bild: Madeleine Schoder)

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