Stadtkultur

Rückenwind für grosse Kleinkunst

Der Nachwuchs hat es selten einfach, schon gar nicht in der Kleinkunst. Abhilfe für die Szene kommt nun aus Winterthur: mittels eines neuen Förderpreises.

Katja Baumann mit Puppe in ihrem Stück «Rosen für Herrn Grimm». Bild: Christian Mattis

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Die Winterthurer Agentur Nordart hat einen Förderpreis für Kleinkunst ausgeschrieben, wie ihn die Schweiz bisher nicht kennt. Der Hauptgewinn: eine Tournee durch namhafte Spielstätten in der deutschsprachigen Schweiz. Und ein Workshop, der junge Talente den Pragmatismus lehrt, den es in der Selbstständigkeit, in der Kleinkunstbranche ganz besonders braucht: den Umgang mit der dritten Säule, Projekteingaben, rechtliche Dinge. Das Rüstzeug eben, das Mitinitiantin Katja Baumann von der Winterthurer Künstleragentur Nordart in der Schule nicht gelernt hat.

Ihr, der Puppen- und Schauspielerin, hätte ihr Preis, die «Jungsegler», wohl wenig geholfen. Zu schüchtern war sie in jungen Jahren, zu unsicher. Heute, arriviert, wenn man das in der Kleinkunst überhaupt je sein kann, weiss sie doch, dass es nachhaltige Förderung ganz dringend braucht: «Jungsegler», sagt sie und lacht, als hätte sie das Wort zum ersten Mal gehört, sie lacht, wie man lacht, wenn man stolz ist. Ihr gefällt die Sache: auf wichtigen Kleinkunstbühnen auftreten lassen, wer Talent hat. Im Theater am Gleis in Winterthur, im Burgbachkeller in Zug, im Kleintheater Luzern und an vielen weiteren Orten. Ihr Ar­beit­geber, die Agentur Nordart, verantwortet das gleichnamige Kleinkunstfestival in Stein am Rhein, aber auch Künstler­vermittlung und neuerdings die «Jungsegler».

Jonglieren mit Gefühlen

«Kleinkunst berührt unmittelbar, wenn sie gut ist», sagt sie zum Vorhaben, Leuten, die bereits erste Erfahrungen sammeln konnten, echte Bühnenerfahrung und das Know-how in der Selbstvermarktung mitzugeben. Rund dreissig Jahre alt sollen diese sein, aber das sei bloss eine Zahl. Sei jemand 34, soll er oder sie sich bloss nicht verunsichern lassen.

Um den Nachwuchs in der Kleinkunst schere sich kaum einer. Stimmt. Da ist der Schweizer Kleinkunstpreis, da sind Geldpreise für die freie Szene. Aber die Kleinkunst bleibt eine Randerscheinung. «Dabei wäre ein frischer Wind dringend ­gesucht, gerade auch ein weib­licher», der Preis soll auch das Agentur-eigene Festival mit frischem Wind pflegen. Aber woran hapert es denn in Sachen Nachwuchs? Baumann weiss es aus eigener Erfahrung. Sie hatte Glück, wie sie sagt, Glück heisse Netzwerk. «Wenn jemand ein grosses Stück macht, aber kein Netzwerk hat, dann bringt ihm das ganze schöne Können in der Kleinkunst rein gar nichts.» Kaum einer könne leben von dem, was er tue, man überlege sich besser gleich von Anfang an, wie man seine Brötchen ver­dienen wolle. Definiert wird die Sparte durch begrenzte perso­nelle, räumliche und materielle Aufwände. «Nahkunst wäre für Kleinkunst der deutlich bessere Begriff», so Baumann, die offenbar genug davon hat, dass Kleinkunst klein bleibt. Kleinkunst kann ja auch Grosses bewirken: Sie kann unmittelbar, eben nah sein, sie kann berühren wie die grosse Kunst, jene mit viel materiellem Aufwand, jene, in der keiner seine Texte, Puppen, Masken, manchmal Instrumente und was es eben so braucht auf einer kleinen Bühne, ganz nah beim Publikum, in Personalunion selber fertigt. So nah beim Publikum, dass man eine dicke Haut braucht, intim ist das, es macht verletzlich. Fürs Kabarett, für die Zaubershow, fürs Marionettentheater und für den Poetry-Slam, fürs Jonglieren mit Bällen, mit Worten, mit echten Gefühlen.


Jungsegler Während des Nordart-Theaterfestivals in Stein am Rhein erhalten noch nicht etablierte Theaterschaffende aus der Schweiz eine Präsentationsplattform. Künstler(-innen) oder Künstlerkollektive, die am Anfang ihrer Laufbahn stehen, können ihre Produktion einreichen. Eine Fachjury vergibt an alle Nominierten ein Testimonial und prämiert eine der Produktionen,die dann von September 2019 bisMai 2020 eine Tournee durchführen kann. Alles Weitere unter
festival.nordart.ch/jungsegler
(Der Landbote)

Erstellt: 05.01.2019, 12:44 Uhr

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