Rheinau

Schon jetzt wollen viele experimentieren

Das Experiment zum bedingungslosen Grundeinkommen ist auf Kurs. Am Freitag haben sich die ersten Rheinauer angemeldet – und Fragen gestellt.

Ob bei der Bevölkerung oder den Medien – das Interesse am Infoabend zum bedingungslosen Grundeinkommen am Freitag in Rheinau war gross.

Ob bei der Bevölkerung oder den Medien – das Interesse am Infoabend zum bedingungslosen Grundeinkommen am Freitag in Rheinau war gross. Bild: Enzo Lopardo

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Wie viele es werden würden, konnte Andreas Jenni (SP), Gemeindepräsident von Rheinau, im Voraus nicht sagen. Zur Sicherheit standen am Freitagabend dann im Mehrzweckgebäude zwei Hallen bereit. Schliesslich füllte sich eine, 400 kamen.

Sie alle wollten sich über den Versuch zum bedingungslosen Grundeinkommen informieren lassen, den Filmemacherin Rebecca Panian initiiert hatte («Landbote» vom Samstag).

«Bei einer Abstimmung zum bedingungslosen Grundeinkommen würde ich Nein stimmen.»
Martin Jaun, Gemeinderat

Drei Rheinauer sagten öffentlich, was sie vom Projekt halten. So etwa Martina Kunz. Sie ist Mutter von drei Kindern und hat ein eigenes Schneider-Atelier. Weil ihr Mann kürzlich eine 100-Prozent-Stelle angenommen hat, könne sie selbst kaum mehr ihrer Arbeit nachgehen. «Das ist ziemlich kräftezehrend», sagte sie. Sie würde das Geld deshalb nutzen, um ihre Kinder mehr betreuen zu lassen. Dann könnte sie mehr arbeiten.

Auch Gemeinderat Martin Jaun stand auf der Bühne. Er äusserte sich erst kritisch: «Bei einer Abstimmung zum bedingungslosen Grundeinkommen würde ich Nein stimmen.» Doch wenn man nicht mitmache, könne man gewisse Fragen auch nicht beantworten.

Jaun ist seit 18 Jahren selbstständig. 2500 Franken Grundeinkommen entsprächen bei ihm einem kleineren bis mittleren Auftrag. «Ich könnte bei einem Kunden also auch mal Nein sagen, wenn es zwischenmenschlich nicht funktioniert.»

Noch keine Geldgeber

Das Publikum hörte interessiert zu und stellte Fragen. Etwa nach der Finanzierung. Denn das Experiment kostet zwischen drei bis fünf Millionen Franken, das über Crowdfunding, Spenden und Stiftungen zusammenkommen soll. «Gibt es schon Zusagen?», wollte ein Anwesender wissen.

Zuerst müssten die Rheinauer Ja sagen zum Versuch, antwortete Filmemacherin Panian. Denn erst wenn mindestens 50 Prozent, also 650 mitmachten, wüssten sie, wie viel Geld sie bräuchten. Und sie wollten das Experiment nicht von einem einzelnen Mäzen abhängig machen.

«Wenn es nur schon ein paar Menschen besser geht, dann wirkt sich das auf die ganze Gemeinschaft aus.»
Rebecca Panian, Filmemacherin

Das Projektteam beantwortete auch Fragen, die es schon vor der Informationsveranstaltung erhalten hatte. Etwa, weshalb jemand mitmachen sollte, der mehr als 2500 Franken verdient. Denn dann müsste er das Grundeinkommen zurückzahlen. «Wenn es nur schon ein paar Menschen besser geht, dann wirkt sich das auf die ganze Gemeinschaft aus», sagte Panian. Es sei deshalb wichtig, dass sich möglichst viele beteiligten.

Online und per Formular

Anmelden konnten sich die Rheinauer bereits am Freitag, online wie auch mittels Formular vor Ort. Die bereit gestellte Box quoll schon nach kurzer Zeit über. Wie viele es am Ende waren, konnte Gemeindepräsident Jenni am nächsten Tag nicht sagen. Nur: «Es waren viele.» Und er sei zuversichtlich, dass sie die erforderlichen 50 Prozent erreichen würden.

«Wir nehmen uns vier Monate Zeit für eine Reise.»
Elternpaar aus Rheinau

Er selbst wird am Versuch auch teilnehmen, auch wenn er das meiste Geld zurückzahlen müsste. «Vielleicht leiste ich mir einen Monat unbezahlten Urlaub.» Ähnlich tönte es bei einem Rheinauer Elternpaar mit zwei Töchtern, das seinen Namen nicht nennen wollte. «Wir nehmen uns vier Monate Zeit für eine Reise».

Menschenwürdiges Leben ermöglichen

Aufgrund von Rückmeldungen aus der Bevölkerung haben die Initianten schon einige Details am Projekt angepasst. So gibt es die Möglichkeit, einen Solidaritätsbeitrag zu leisten. Wer will, kann einen Teil des erhaltenen Grundeinkommens zurückzahlen.

Ebenso soll innerhalb der Familie ein Transfer erlaubt sein. Wenn also eine Ehefrau nichts verdient, kann ihr der Ehemann einen Teil seines Einkommens übertragen. Sind es weniger als 2500 Franken, erhält die Frau mit dem Grundeinkommen die Differenz dazu. Ziel des Grundeinkommens sei es, ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, sagte Panian. (Der Landbote)

Erstellt: 02.09.2018, 15:01 Uhr

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Bedingungen und Anmeldung

Für das Experiment zum bedingungslosen Einkommen anmelden kann sich, wer älter als 25 Jahre ist und seine Schriften seit dem 5. Juni 2018 in Rheinau deponiert hat. Dabei muss er den Wohnort selbst gewählt haben. Flüchtlinge sind also teilweise ausgenommen.

Anmeldungen sind online oder mittels Formular auf der Verwaltung bis 15. September möglich. Angegeben werden müssen das Einkommen und die AHV-Nummer. Auch ist ein eigenes Bankkonto nötig. Ausnahmen sind die Kinder. Deren Beiträge werden an die Eltern ausbezahlt.
Es können sich auch jene anmelden, die mehr als 2500 Franken verdienen. Zum Lohn gehören AHV, Sozialleistungen und Alimente, nicht aber Pensionskassenbeiträge. Letzteres sind Ersparnisse.

Erst wenn der Versuch zustande gekommen ist, müssen sich Interessierte mittels Vertragsformular definitiv anmelden. Weitere Informationen unter: www.dorftestetzukunft.ch neh

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