Kunsthalle

Schrecklich, schräg, schrill und schön

Die Filmsatire «Make Me Up» der schottischen Künstlerin Rachel Mclean zeigt, wie Frauen medial versklavt werden. Im Namen der Schönheit.

Rachel Maclean als Haremsdame Figurehead.

Rachel Maclean als Haremsdame Figurehead. Bild: PD

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Die erst 32-jährige schottische Künstlerin Rachel Maclean ist ein Multitalent und seit «Make Me Up» auch ein Hit in der internationalen Kunstfilmszene. Glasgow ist ihre Basis. Dort produziert sie Filme und Videos, ist sie Regisseurin, schreibt sie Scripts und spielt sie meist die Hauptrolle in ihren kürzeren und längeren Werken. Darin thematisiert sie die mediale Konstruktion weiblicher Rollen und die Vermittlung von Schönheitsidealen im Internet.

Macleans wunderbare Satire, die derzeit in der Kunsthalle Winterthur in einer 40-minütigen Galerienversion gezeigt wird, während der Kinofilm 86 Minuten dauert, ist eine Tortur. Der Film ist aber auch unterhaltsam, abwechslungsreich, hat Tempo, viel Witz und steht in der Tradition der Aufklärung – als Reflexion über die menschliche Manipulierbarkeit und Einfältigkeit. Das ist kein Widerspruch: Die Tortur liegt darin, dass man Zeuge wird, wie junge Frauen zu Robotern degradiert werden.

Grotesk kitschiger Ballsaal

In der sozialen Realität geschieht das subtil-subversiv, in Macleans Film werden die Mechanismen als schrilles, schräges, derbes Theater dargeboten, ganz in der Nachfolge der englischen Comedy-Truppe Monty Python oder der legendären «Rocky Horror Picture Show». Doch das Lachen bleibt einem wie ein Kloss im Hals stecken.

Das Team um Oliver Kielmayer hat keinen Aufwand gescheut und den Oberlichtsaal der Kunsthalle in einen grotesk kitschigen Ballsaal verwandelt und mit pinkfarbenen Stuhlreihen besetzt. Vorne dann die grosse Leinwand. Darauf spielt sich das Drama um Siri und ihre Geschlechtsgenossinnen in verschiedenen Nummern wie in einem Variété ab. Figurehead, gespielt von Maclean selbst, tritt als Haremsdame auf, die eine Truppe von jungen Tänzerinnen manipuliert und kontrolliert. Mclean leiht sich für diese Rolle die Stimme von Kenneth Clark, der in den sechziger Jahren mit seiner BBC-TV-Sendung «Civilisation» eine prägende kulturelle Instanz war. Mit dieser Kombination von weiblich und männlich sprengt sie den Rahmen einer eindeutigen geschlechtlichen Identität. Zudem bringt sie die Funktion der Kunst als Vermittlerin von Idealen ins Spiel. Clark darf in einem Cameo-Auftritt mit einem Fleischerbeil Siri die Arme abhacken. So wie das einst bei der Venus von Milo geschah. Im lokalen Kontext denkt man da spontan an die jüngsten Bilder von Kaspar Toggenburger, auf denen sich Ähnliches ereignet.

Der grosse Bogen der Erzählung umspannt aber die Integration von Siri in das Ensemble von gleichgeschalteten, künstlichen, weiblichen Geschöpfen in einer Serie von burlesken Episoden auf einer Bühne mit wechselnder Kulisse: In einem Garten Eden hängen statt Äpfel Würste wie gedörrte Penisse von den Bäumen. Diesen tabuisierten Objekten der Begierden können die Frauen freilich nicht widerstehen und verschlingen die Würste, als wären sie am Verhungern.

Überwachung wie bei Orwell

Figurehead ist mit einem implantierten Kontrollinstrument ausgestattet. Es erlaubt ihr, den jungen Frauen bei Ungehorsam den Atem abzuschnüren und die Stimme zu nehmen. Diese Folter ist kaum zu ertragen und wird daher auch vom Betrachter als Folter erlebt. Augen als Überwachungsmonitore – Orwell lässt grüssen – machen das Leben der Frauen zur Qual. Alexa scheint als Einzige die grausame Domestizierung zu durchschauen und führt Siri vor Augen, wie sie sich selbst versklavt hat durch ihre Abhängigkeit von Selfies, Likes und Schönheitsidealen.

Denn die Bühne, auf der Figurehead ihre Erziehung betreibt, entpuppt sich als Kulisse für eine Klinik für Schönheitschirurgie. Dort werden die Gesichter vermessen und die Personen als Typen programmiert – der Ort erweist sich als ekelerregende Produktionsstätte des künstlichen Menschen. Siri gelingt es, sich aus ihren Zwängen zu befreien. Der Vanitas-Spiegel zerbricht, die Überwachungskameras werden zerstört, Figurehead wird der Unterarm mit ihrem Kontrollimplantat abgehackt.

Damit hat der Spuk sein glückliches Ende, die Mädchen gewinnen ihre Stimme zurück und stimmen ein wunderschönes Lied des Triumphes und der Emanzipation an. Ende. Doch dieser Moment ist erst der Anfang des Nachdenkens über die Frage, wie weit alles konstruiert ist: soziale Rollen, Ideale und Identitäten, und welche Strukturen hinter diesen medial vermittelten Konstrukten stehen. Der Mythos von Frankenstein ist Vergangenheit, die Siris und Alexas – Namen für die künstliche Intelligenz – sind die Zukunft.

Kunsthalle, Marktgasse 25. Bis 8. September.

Erstellt: 18.08.2019, 17:11 Uhr

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