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Mordprozess droht bereits zu platzen

Am Bezirksgericht Zürich hat der Mordprozess gegen Jeton G. begonnen, der seinen Erzrivalen erschossen haben soll. Seine Verteidiger wollen die Tat nachstellen und drängen auf Abbruch der Verhandlung.

Michel Wenzler
Fast fünf Jahre sind es her, dass die tödlichen Schüsse fielen - am Mittwoch begann nun am Bezirksgericht Zürich der Prozess gegen Jeton G. Archivbild: Urs Jaudas
Fast fünf Jahre sind es her, dass die tödlichen Schüsse fielen - am Mittwoch begann nun am Bezirksgericht Zürich der Prozess gegen Jeton G. Archivbild: Urs Jaudas

Strenge Sicherheitsvorkehrungen hat die Kantonspolizei am Bezirksgericht Zürich getroffen. Zuschauer, die dem Mordprozess beiwohnen wollen, werden durchsucht und mit einem Metalldetektor gescannt, bevor sie am Mittwoch in den Gerichtssaal eingelassen werden – zu gross ist die Angst vor Vergeltungsakten der verfeindeten Gruppen. Dem Beschuldigten Jeton G. nehmen die Uniformierten die Handschellen erst auf der Schwelle zum Saal ab.

Der Schweizer mit kosovarischen Wurzeln sitzt bereits im Gefängnis. Gleich zu Beginn des Prozesses wird klar, dass er sich dort alles andere als vorbildlich verhält. Er filmt sich verbotenermassen mit einem Handy, wie er gewaltverherrlichende Lieder singt. Das Video stellt er ins Internet. Wie er in den Besitz des Handys kam, ist unklar.

Schuss in den Rücken

Darum geht es aber an der Verhandlung nicht, sondern um einen weitaus gravierenderen Vorfall. Vor knapp fünf Jahren soll Jeton G. seinen Erzrivalen bei einer Tankstelle an der Wehntalerstrasse in Zürich-Affoltern von hinten erschossen haben. Der bald 36-Jährige und das Opfer Boris R., ein 30-jähriger Türsteher aus Montenegro, hatten sich dort nach immer wieder aufflammenden Streitigkeiten zu einem Showdown getroffen, zusammen mit ihrer jeweiligen Clique.

Es kam zu einem Handgemenge, ein Anhänger von Boris R. setzte einen Pfefferspray ein. Ein Mitglied der Clique von Jeton G. schoss daraufhin mit einem Revolver in die Luft. Boris R. und einer seiner Begleiter rannten dann weg, worauf Jeton G. gemäss Anklageschrift den Revolver an sich genommen und seinem Kontrahenten in den Rücken geschossen haben soll. Es war ein Durchschuss – Boris R. verblutete an Ort und Stelle.

Mehr Beweise verlangt

Was sich aber genau an jenem frühen Morgen des 1. März 2015 zugetragen hat, ist umstritten. Zur Befragung des Beschuldigten kommt es am Mittwoch gar nicht erst. Denn seine Verteidiger stellen mehrere Beweisanträge, die sie stundenlang ausführen. Die Hauptverhandlung müsse unterbrochen und später fortgesetzt werden, damit vor Ort eine Rekonstruktion der Tat mit allen Beteiligten oder Statisten durchgeführt werden könne, fordert der amtliche Verteidiger unter anderem. Und es brauche eine animierte 3-D-Visualisierung der Schussbahnen der Kugeln. Diese könne vielleicht beweisen, dass Jeton G. den tödlichen Schuss gar nicht abgegeben habe. Wegen der gereizten Augen aufgrund des Pfeffersprays sei zudem gar nicht klar, ob er überhaupt zu einer gezielten Schussabgabe in der Lage gewesen wäre.

«Von der Staatsanwaltschaft sind die Geschehnisse nur äusserst rudimentär und ungenügend abgeklärt worden», kritisiert der Verteidiger. Er mutmasst, dass Boris R. gar nicht von Jeton G. erschossen worden sein könnte, sondern von jemandem mit einer weiteren Waffe – vielleicht auch ohne Absicht. Deshalb will er vor Gericht Zeugen befragen lassen. «Man hat sich auf meinen Mandanten als einzigen Schützen eingeschossen», sagt er. Der zweite Anwalt, der Jeton G. als Privatverteidiger vertritt, fordert das Gericht eindringlich auf, diese Anträge gutzuheissen. Lehne das Gericht sie ab, beweise es lediglich, dass es voreingenommen sei.

«Zeugen massiv beeinflusst»

Der Anwalt, der die Angehörigen des Opfers vertritt, zeigt sich empört über das Vorgehen der beiden Verteidiger. «Es geht darum, den heutigen Prozess platzen zu lassen», argwöhnt er. Der Staatsanwalt wiederum findet es «unsäglich, dass nun jemand anders zum Täter gemacht werden soll». Eine Rekonstruktion des Tathergangs lehnt er ab. «Sie hätte zu einem früheren Zeitpunkt stattfinden sollen – jetzt ist es zu spät.» Er äussert damit leise Kritik an seinem Kollegen, von dem er den Fall übernommen hat. Ebenso ist er gegen zusätzliche Zeugenbefragungen. Schon während der Strafuntersuchung habe die Familie von Jeton G. die Zeugen massiv beeinflusst. Von weiteren Befragungen erhofft sich der Staatsanwalt deshalb keine neuen Erkenntnisse.

Das Gericht hat am ersten Verhandlungstag keine Entscheide zu den Anträgen gefällt. Es wird diese am nächsten Mittwoch bekannt geben. Folgen die Richter den Verteidigern, wird der Prozess sogleich abgebrochen und erst fortgesetzt, nachdem die verlangte Tatrekonstruktion erfolgt ist. Lehnen sie hingegen die Anträge ab, wird die mehrtägige Verhandlung, in deren Verlauf der Staatsanwalt seinen Strafantrag für Jeton G. bekannt geben wird, noch am selben Tag fortgesetzt.

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