Winterthur

Schulpavillons – geliebt, gehasst, geduldet

In den letzten Jahren wurden mit Pavillons 70 neue Schulzimmer und Gruppenräume gebaut. Wie kommen die Ersatzschulzimmer bei Schulpfleger und Lehrerschaft an? Die Vorteile überwiegen, lösen aber nur einen Teil des Problems.

Der Vorzeige-Pavillon steht beim Schulhaus Hegifeld.

Der Vorzeige-Pavillon steht beim Schulhaus Hegifeld. Bild: Johanna Bossart

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Es wird eng und enger in den städtischen Schulzimmern. In den nächsten zwölf Jahren wächst die Schülerschar um 96 Klassen, davon alleine 43 in Oberwinterthur, wie die letzte Schulraumprognose ergeben hat. Und dass das Primarschulhaus in Sennhof mit dem Neubau einer Siedlung bereits wieder an seine Kapazitätsgrenze gelangt, war unlängst im «Landboten» zu lesen.

Fritischis Abdruck

Das in den letzten Jahren häufig verwendete ad hoc-Lösung, um in Rekordzeit neue Schulzimmer aufpoppen zu lassen, hat neun Buchstaben: Pavillons. Diese gibt es auf drei Niveau-Stufen: modern im Minergie-Standard, alt, aber solid aus den 1980ern und die aufeinander getürmten Condecta-Container.

Seit 2012 wurden an acht verschiedenen Standorten Pavillons der neusten Generation aufgebaut, total sind es 70 Zimmer und Gruppenräume (ohne Betreuung), mehr als im bald grössten Schulhaus der Stadt, dem neu gebauten Wallrüti.

Die Pavillons gibt es auf drei Niveau-Stufen: modern im Minergie-Standard, alt, aber solid aus den 1980ern und die aufeinander getürmten Condecta-Container. 

Unter dem früheren Schulvorsteher Stefan Fritischi (FDP, heute Leiter Technische Betriebe) investierte die Stadt in den letzten Jahren 22,6 Millionen Franken in die mehrstöckigen Edel-Baracken. Sie gelten gemeinhin als vollwertige Unterrichtsräume. Für 2018 sind fürs Seemer Sek-Schulhaus Büelwiesen vier neue Pavillon-Schulzimmer und zwei Kindergärten geplant. Kostenpunkt: 3,7 Millionen Franken.

Investitionen fallen inzwischen auch bei den Vorgängern der modernsten Exemplare an, den Holz-Pavillons. Sie müssen energetisch saniert werden, demnächst zum Beispiel in Wülflingen. Im Schulhaus Aussendorf werden bei dieser Gelegenheit die bestehenden vier Zimmer um drei Gruppenräumen ergänzt und als Ganzes miteinander verbunden. Als nächstes sind die Pavillons in der Weierweid (Iberg) an der Reihe.

Dass Pavillons neue Schulhäuser nicht ersetzen können, hat Schulvorsteher Jürg Altwegg (Grüne) schon bei seiner 100 Tage-Bilanz betont. Doch wie praktisch sind diese im Alltag tatsächlich und wie beliebt? «Der Landbote» hat bei den vier Präsidenten der Kreisschulpflegen (KSP) und den Lehrern nachgefragt.

Lob: «Schick sehen sie aus!»

Gelobt werden vor allem die neusten weinroten Pavillons im Miniergie-Standard, made in Winterthur. Mit ihrem schlichten modernen Design sähen diese «toll» aus, seien hell, verfügten über ein angenehmes Raumklima und seien zudem schnell gebaut. «Sie garantieren, dass die Kinder in ihrem Quartier zur Schule gehen können, das ist sicher ein grosser Vorteil», sagt etwa Ruedi Ehrsam, KSP-Präsident in Seen-Mattenbach. Das sehen auch die befragten Lehrerinnen und Lehrer so.

Kritik: Container-Bashing

Verhasst sind die Condecta-Container-Gebilde, die wie barackenartige Lego-Bauten wirken: Im Sommer zu heiss, im Winter zu kalt, energetisch suboptimal. Lehrer und Schüler auch häufig erkältet. «Wegen der Klimaanlage?», fragt sich eine Lehrperson, die ein vernichtendes Urteil fällt: «Die Kinder empfinden es als Strafe, wenn sie in den Containern zur Schule gehen müssen.»

Auch für Toni Patscheider, dem KSP-Präsidenten in Oberwinterthur ist klar: «Das sind temporäre Notlösungen und erfüllen die Anforderungen der Schule schlecht bis gar nicht.» Noch werden insgesamt sieben Klassen darin unterrichtet, am längsten noch im Primarschulhaus Rychenberg, bis 2021. Schulvorsteher Jürg Altwegg (Grüne) zeigt Verständnis für die Kritik: «Wir wissen, dass die Qualität dieser Bauten nicht gerade optimal ist».

«Die Kinder empfinden es als Strafe, wenn sie in den Containern zur Schule gehen müssen.»Eine Lehrperson

Doch auch die modernsten Pavillons sind nicht perfekt. Die Storen gingen schnell kaputt und anfangs waren sie zu hellhörig. Häufig fehlen die Gruppenräume und Gänge, um während der Pause herumzutollen, gibt es ohnehin kene. Felix Müller beklagt auch Littering von Jugendlichen, die abends an den Aussentreppen herumklettern: «Dann braucht es Tags darauf einen Sondereinsatz des Hauswarts.»

Fazit: Praktisch, mehr nicht.

Quadratisch, praktisch, gut? Mit Vorbehalt. Denn Pavillons stellen auch Freiräume und Pausenplätze zu. «Man darf nicht vergessen, dass es auch mehr Fläche fürs Turnen, Werken, aber auch für Team- und Lehrerzimmer braucht», sagt Patscheider. Unbeliebt sind sie, wenn sie ausserhalb des Schulareals stehen.

Schulhaus à la Pavillon?

Um kurzfristig mehr Schulraum zu schaffen, so der Tenor, seien sie eine angemessene Lösung, mehr aber auch nicht. Wie gross die Pavillon-Begeisterung in Winterthur war, zeigte sich auch bei der Planung für das neue Schulhaus Neuhegi. Dort diskutierte die Bildungskommission des Gemeinderates einst gar die Variante Schulhaus zu bauen, nur aus Pavillons. Dazu meint Patscheider: «Das ginge absolut nicht. Unter dem Strich wäre es nicht einmal günstiger gewesen.»

(Der Landbote)

Erstellt: 17.12.2017, 14:36 Uhr

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