Turbenthal

Sein Tonarm entlockt die klarsten Klänge

Micha Huber hat einen Tonarm entwickelt, der das Maximum aus Schallplatten herauskitzelt. Die Idee dazu kam ihm während einer langweiligen Lektion in der Berufsschule. Mittlerweile produziert seine Firma für Musikliebhaber aus der ganzen Welt.

Micha Huber produziert seine High-Fidelity-Plattenspieler seit Anfang Jahr in Turbenthal.

Micha Huber produziert seine High-Fidelity-Plattenspieler seit Anfang Jahr in Turbenthal. Bild: Marc Dahinden

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Die Musik wirkt dreidimensional, fast so, als ob eine unsichtbare Sängerin vor einem stehen würde. Und irgendwie fühlt sich die Musik klarer, stärker, emotionaler an: vom Ohr direkt ins Herz.

Micha Huber hat den Geburtsfehler des Schallplattenspielers behoben. Denn normale Tonarme können nicht das gesamte Potential der Platten wiedergeben. Schuld daran ist der sogenannte Spurfehlwinkel. Das Problem: Bei der Produktion der Schallplatten steht der Schneidkopf immer rechtwinklig zur Rille.

Weil die Nadel am Drehtonarm aber gegen das Zentrum der Platte wandert, ändert sich bei einem herkömmlichen Tonarm laufend der Winkel der Nadel. Sie steht leicht schräg in der Rille. Ein bis zu zwei Grad grosser Spurfehlwinkel entsteht. Die Musik, die in der Platte steckt, kann sich so nicht vollends entfalten.

Pure Geometrie

Huber hat für dieses Problem, das seit der Erfindung des Grammofons 1887 existierte, als Erster einen speziellen Drehtonarm erfunden, der dank purer Geometrie funktioniert. Er verwendet den Satz des griechischen Philosophen und Mathematikers Thales von Milet. Dieser besagt, dass in einem Halbkreis zwei Geraden stets einen rechten Winkel bilden.

Statt einem hat Huber also zwei Tonarme montiert, die den Winkel der Nadel mittels Drehlager stets anpassen. «Dadurch gibt es weniger Verzerrungen und die Klangfarbe ist klarer», sagt Huber. Die Nadel schwingt fehlerlos entlang der Rillen. Das hat seinen Preis: 16000 Franken kostet die aktuellste Kreation, der «Statement»-Tonarm.

«Ich langweilte mich wohl, schweifte ab und dachte: So könnte es doch klappen.»

Die Idee fiel dem heute 39-Jährigen als Teenager ein, während einer Lektion an der Berufsschule Bülach. «Ich langweilte mich wohl, schweifte ab und dachte: So könnte es doch klappen.» Doch dem damaligen Mechanikerlehrling der Neftenbacher Soudronic AG fehlten die technischen Mittel zur Umsetzung. Nach einem Maschinenbau-Studium an der Fachhochschule Schaffhausen arbeitete er im Prototypenbau von Andreas Strehlers Uhrteil AG in Sirnach TG.

In seiner Freizeit begann er, die Idee umzusetzen und meldete den «Thales»-Tonarm im Mai 2004 zum Patent an. Rund 15000 Franken kostete dieser damals im Verkauf. «Eigentlich wollte ich dieses Problem allein für mich lösen», sagt Huber. Dass er mit der Herstellung seines Tonarms eine weltweite Nachfrage auslösen würde, hätte er sich nicht träumen lassen.

Unglaublich filigrane Arbeit

Sein ursprünglicher Plan war, gleichzeitig als Techniker und Musiklehrer zu arbeiten. In seiner Kindheit spielte Huber Block- und Panflöte. Er hatte Zeit dazu, weil er ab der vierten Klasse von seinem Vater, einem Lehrer, zu Hause unterrichtet wurde. Später begann er ein nebenberufliches Studium beim Schweizerischen Musikpädagogischen Verband. Er schloss es aber nicht ganz ab, weil seine Firma wuchs und wuchs. Der zweifache Familienvater ergänzt: «Seit die Kinder auf der Welt sind, habe ich kaum mehr Zeit zu musizieren.»

Mehrere Auszeichnungen stehen auf dem Regal in seinem Büro in Turbenthal. Aus der Idee eines Lehrlings ist eine Firma, die Hifiction AG, mit zehn Mitarbeitern entstanden. Seit Anfang Jahr befindet sie sich in der ehemaligen Spinnerei der Boller Winkler AG in Turbenthal. Am Ort, wo einst das Fixleintuch erfunden wurde, werden mittlerweile Tonarme, Plattenspieler und Tonabnehmer für den weltweiten Versand produziert. Spezifische Teile lässt die Firma nach ihren Zeichnungen extern fertigen und beschichten. In Turbenthal werden die Teile sandgestrahlt, poliert und zusammengesetzt. Es ist eine unglaublich filigrane und exakte Arbeit. Ein Beispiel: Zündholzkopfgrosse Spulen werden mit haarfeinen Kupferdrähten umwickelt.

Die Stückzahl der Verkäufe ist vergleichsweise klein: 1000 Tonabnehmer, 150 Tonarme und 75 Plattenspieler werden jährlich verkauft. In den elf Jahren zuvor war Hubers Firma in Elsau und Winterthur zu Hause. «Hier in Turbenthal wollen wir langfristig bleiben, der Platz reicht auch für eine Erweiterung der Produktion», sagt Huber. Vorerst will die Firma aber nicht mehr so schnell wachsen. In den letzten Jahren hatte man schrittweise die Produktion von Tonabnehmern der deutschen Firma Elektro-Mess-Technik Willhelm Franz (EMT) übernommen, die 1940 gegründet wurde und Plattenspieler mit Tonabnehmer für Radiostudios herstellte.

Ästhetik trifft Technik

Huber ist ein bescheidener Ästhet. Die Emotionalität der Musik und das vermeintlich Kühle der Technik ist für ihn kein Widerspruch: «Wenn eine technische Lösung von A bis Z durchdacht ist, bekommt sie automatisch eine gewisse Ästhetik.» Er, der während fünf Jahren in der Uhrenentwicklung gearbeitet hat, spricht von technischen Emotionen, die etwa eine Luxusuhr auslöse. Der Plattenspieler, den er 2011 entwickelt hat, besticht durch ein minimalistisches Design.

Die Auszeichnungen auf dem Regal stammen aus Asien. Es ist für die Hifiction AG ein grosser Markt, zu Beginn gingen 80 Prozent aller Produkte nach Fernost, mittlerweile sind es noch etwa 40 Prozent. Es hilft der Firma, dass beispielsweise die Chinesen westliche Produkte grundsätzlich gut finden. «Es geht ihnen dabei weniger um die Sache, sondern mehr um die damit verbundene Emotion.» Zusätzlich gebe es die japanische Kultur, die mit ihrer Industrie schon immer sehr technisch orientiert gewesen sei. «Dieser Markt ist für uns nicht riesig, aber sehr prestigeträchtig.»

«Es gab Jahre, da haben wir allein in Vietnam mehr Umsatz gemacht als in den USA.»

Eine Auszeichnung von einem japanischen Magazin gleiche einem Ritterschlag, der auf den ganzen asiatischen Markt ausstrahle. «Es gab Jahre, da haben wir allein in Vietnam mehr Umsatz gemacht als in den USA.» Die grosse Nachfrage ist kulturell bedingt: «Eine Hi-Fi-Musikanlage hat dort einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Es ist ein Statussymbol, wie bei uns etwa ein Auto», sagt Huber. Da überrascht es kaum, dass die Kunden aus Fernost vor allem die goldene statt die silberne Ausführung kaufen wollen. «In vielen Orten verkaufen wir nur Tonarme, weil ihnen unser Plattenspieler zu schlicht ist.»

Für den Luxusmarkt optimieren sie ihre Technologie immer weiter. «Das Ziel ist aber auch, günstiger zu werden», sagt Huber. Das günstigste Paket von Plattenspieler, Tonarm und Tonabnehmer kostet aktuell 10000 Franken. «Auch ein Musik-Liebhaber aus dem Mittelstand soll sich unser Produkt ersparen können.»

Im Gegensatz zur Uhrenbranche gefällt es ihm, dass die Entwicklung beim High Fidelity, der hochwertigen Wiedergabe von Musik, stärker von der Sache getrieben ist. «Bei Luxusuhren stellt die mechanische Lösung an sich einen emotionalen Wert dar, der praktische Nutzen ist eher zweitrangig.» Beim Bau von Plattenspielern wirke sich hochwertige Mechanik hingegen direkt in einer Verbesserung der Wiedergabequalität aus. «So können wir ein emotionaleres Hörerlebnis schaffen.»

Erstellt: 06.07.2019, 16:03 Uhr

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