Dinhard/Unterstammheim

Sie bietet mehr, als nur warten auf den Tod

Für ältere Menschen muss mehr als nur das Nötigste drinliegen, sagte sich Bea Gächter. Sie investierte ihr Vermögen und stellte eine Tagesbetreuung auf die Beine. Pflegeerfahrung sammelte sie im Spital, aber auch bei Spielen des FCW.

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Zwölf Jahre lang war Bea Gächter für die Sanität an FCW-Spielen verantwortlich. Die zierliche Frau trug so manchen verletzten Spieler auf der Bahre vom Feld und kamen aus dem Publikum blöde Sprüche, «dann habe ich die Muskeln spielen lassen», sagt sie. Knochenbrüche, Rissquetschwunden, Zuschauer mit Herzinfarkten, die diplomierte Pflegefachfrau kümmerte sich um alles.

«Einmal mussten wir in der Pause einen ausgeschlagenen Zahn auf dem Feld suchen. Wir haben ihn leider nicht gefunden.» Zimperlich? Gibt es bei Gächter nicht. Sie war es, die darauf bestand, einen Defibrillator im Stadion zu installieren. Das war, nachdem ein Juniorenspieler so hart vom Ball getroffen wurde, dass sein Herz kurzzeitig aussetzte. «So ein Gerät gehört in jede Sportanlage», sagt sie. Fussball, da habe es ihr schon den Ärmel reingenommen. «Ich kenne auch die Abseitsregel», sagt die 54-Jährige und lacht. Den Sanitätsjob hat Gächter aber mittlerweile aufgegeben, da sollen nun Jüngere ran.

18 Jahre lang arbeitete Gächter am Kantonsspital Winterthur. «Alle paar Jahre nahm ich mir eine Auszeit und verreiste länger. Als ich 2009 aus Afrika zurückkam, hatte ich keine Lust mehr, ans Spital zurückzukehren.» Sie half mit, die Kardiologiepraxis an der Privatklinik Lindberg aufzubauen. Danach leitete sie eine Spitexorganisation in Zürich und später eine in Winterthur.

Mit dem Gedanken, sich in diesem Bereich selbstständig zu machen, spielte sie länger. Aber sie wollte mehr, als nur Spitexdienste bieten: «Ältere Menschen sollen nicht nur rumsitzen und auf den Tod warten müssen.» 2016 eröffnete sie deshalb die Wyland-Tagesbetreuung in Unterstammheim.

«Es ist ein Wagnis», sagt sie im Esszimmer des gemieteten Hauses, in dem sie ihre Tagesgäste betreut. «Mein ganzes Vermögen steckt in diesem Projekt.» Mit vier Mitarbeitenden kann sie sich hier um bis zu zwölf Personen pro Tag kümmern. Momentan habe sie aber höchstens sieben Gäste aufs Mal. Es gebe noch Luft nach oben.

Das Haus in Unterstammheim soll ein Zuhause sein und kein Heim, erklärt Gächter. Mit den älteren, in manchen Fällen dementen Menschen geht sie deshalb auch ganz normalen Haushaltsdingen nach. Am Küchentisch Kartoffeln schälen etwa oder Wäsche waschen. «Wir haben hier die Geduld dafür, wenn es langsam geht oder jemand Schritt für Schritt angeleitet werden muss.» Auch über mehrere Tage mit jemandem an einem Puzzle arbeiten, liegt drin. Im Wohnzimmer schaut man zusammen Sportsendungen, im oberen Stock gibt es Ruheräume und ein Klavierzimmer.

Es gehe auch darum, Angehörige zu entlasten, sagt Gächter. Die Tagesgäste sind von 9 Uhr morgens bis 17 Uhr abends in der Wyland-Tagesbetreuung. In dieser Zeit können Angehörige Dinge erledigen, ohne «immer jemanden im Schlepptau zu haben.» Das führe dazu, dass sie insgesamt einen «längeren Schnauf» hätten und die Menschen länger zuhause bleiben können. Ein Tag Betreuung mit Mahlzeiten kostet 150 Franken. Das sei vergleichbar mit einer Kinderkrippe, sagt Gächter. Die pflegerischen Leistungen übernimmt die Krankenkasse. Am 2. September findet ein Tag der offenen Tür statt.

Mit zum Team der Tagesbetreuung gehört Hund Tobi, ein siebenjähriger Bolonka. Klingelt es an der Haustür, ist er als erster dort und begrüsst jeden Gast ausgiebig. «Unsere Kunden schätzen ihn sehr. Ich sage immer, er ist unser Therapiehund. Obwohl er nicht ausgebildet ist», sagt Gächter. Sogar den dementen Gästen falle es sofort auf, wenn Tobi mal einen Tag nicht im Haus sei.

Er ist nicht das einzige involvierte Familienmitglied. Gächters Schwester und Nichte arbeiten beide im Geschäft mit und ihr Sohn Lars, jüngstes von vier Kindern, ist im Praktikum. Am Anfang habe er nur putzen und nichts mit alten Mensch zu tun haben wollen, mittlerweile sei es genau umgekehrt.

Dass so viele in ihrer Familie eine pflegende Ader haben, sei wohl Zufall, sagt Gächter. Ihr Vater war Grenzwächter, die Mutter Hausfrau. Sie selbst fand das Interesse, als sie alleinerziehend mit zwei Kindern Nachtwachen im Krankenheim Wülflingen übernahm – heute die Integrierte Psychiatrie Winterthur. «Ich habe jeweils die ganze Nacht im Pschyrembel, der Medizinbibel, gelesen.» Tagsüber räumte sie in der Migros Regale ein. Schliesslich absolvierte sie als erste Mutter bei der Schwesternschule des Roten Kreuzes die Ausbildung zur Krankenschwester.

Seit 14 Jahren ist Gächter in Dinhard zuhause, auch wenn sie mit Winterthur immer noch sehr verbunden sei. Der FCW ruft auch manchmal an, zuletzt als Spieler Marco Köfler auf Wohnungssuche war. «Die wissen, dass ich ein grosses Haus habe.» Mit Köfler verstand sie sich auf Anhieb so gut, dass er während seiner ganzen zwei Jahre beim FCW in Dinhard wohnen blieb. «Wenn ich bis dahin noch nicht alles über Fussball gewusst habe, dann weiss ich es jetzt», sagt Gächter.

Selbst geht sie aber lieber anderen Sportarten nach, seit vier Jahren spielt sie Golf: «Man lernt viel über sich selbst. Ist der Kopf nicht dabei, klappt es nicht.» Zum Auslüften desselbigen, steigt sie auf ihren Töff. Auf die Frage nach der Marke, lacht sie nur und sagt: « Es ist ein grosser.» ()

Erstellt: 28.07.2017, 16:40 Uhr

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