Politik

Sie sind jung, aber keine Rebellen

Patrick Eugster und Simon Mösch gehören zu den jüngsten Gemeinderäten der Region. Die beiden sagen, was Sie anders machen als ältere Kollegen.

Patrick Eugster (links, FDP) ist 27 Jahre alt und seit drei Jahren Sozialvorsteher in Waltalingen. Simon Mösch (BDP, rechts) ist 22 Jahre alt und seit gut einem halben Jahr Finanzvorstand in Wila.

Patrick Eugster (links, FDP) ist 27 Jahre alt und seit drei Jahren Sozialvorsteher in Waltalingen. Simon Mösch (BDP, rechts) ist 22 Jahre alt und seit gut einem halben Jahr Finanzvorstand in Wila. Bild: Madeleine Schoder

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Herr Mösch, warum wollten Sie in Wila in den Gemeinderat?
Simon Mösch: Mich hat Politik schon immer interessiert. Dann lernte ich durch einen längeren Auslandaufenthalt in Peru unseren hohen Lebensstandard noch mehr zu schätzen. Ich wollte mich deshalb dafür einsetzen, dass wir das erhalten können. Hinzu kommt wohl ein Quäntchen Narzissmus: Wie die meisten Politiker schätze ich die Anerkennung für Geleistetes.

Aber warum wollten Sie in den Gemeinderat? Als Jungpolitiker sind sie dort die Ausnahme.
Mösch: Starke Gemeinden sind in der Schweiz für die Balance wichtig. Um Korruption systematisch zu verhindern, muss man die Macht möglichst kleinteilig halten. Die Tendenz zu immer mehr Fusionen und damit immer grösseren Gebilden sehe ich kritisch.

Herr Eugster, warum wollten Sie damals in Waltalingen in den Gemeinderat?
Patrick Eugster: Bei mir war das eher untypisch. Im Elternhaus haben wir selten politisiert. Erst Anfang 20 begann ich mich für Politik zu interessieren, bald wollte ich dann aber alles dazu wissen. Als ich 24 Jahre alt war, wurde im Gemeinderat ein Sitz frei, also habe ich kandidiert.

Warum die Gemeindeebene?
Eugster: Ich war der Meinung, die Schweiz steuert in eine falsche Richtung. Simon hat es angesprochen: Es gibt einen Trend zur Zentralisierung. Das wollte ich verhindern. Ich finde es ebenfalls wichtig, dass die Gemeinden stark bleiben.

Das sind eher konservative, bewahrende Beweggründe. Von Jungpolitikern würde man eher neue Ideen erwarten.
Eugster: Ich bin liberal, nicht konservativ: Wenn wir zunehmend zentralisieren, haben wir irgendwann einen Einheitsbrei. Mit der heutigen Vielfalt an Gemeinden kann jeder selber entscheiden, welche zu ihm passt.

Mösch: Sie schätzen das falsch ein. Zwar will ich die politischen Gemeinden erhalten. Man kann aber trotzdem vieles verändern. Zum Beispiel, in dem wir die Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden in verschiedenen Bereichen weiter stärken.

Eugster: Fusionieren sollte man wirklich nur, wenn es sinnvoll ist. Bisher konnte man mit Fusionen jedenfalls kaum je Kosten sparen.

Warum interessieren sich nur wenige Junge für solche Debatten auf Gemeindeebene?
Mösch: Bevor ich Gemeinderat war, habe ich mich auch weniger mit meiner Gemeinde auseinandergesetzt. Wenn man einen Film schaut, sieht man ja auch nicht, wie der Held seine Gemeinde verändert, sondern wie er die Welt rettet. Mir war lange nicht klar, wie viel auf Gemeindeebene überhaupt los ist.

Wie erklären Sie sich das?
Mösch: Einerseits fokussieren die Medien eher auf grössere, nationale Themen. Andererseits interessieren sich viele eher für das, was die Gesellschaft als Ganzes verändert und weniger für ein Strassenbauprojekt nebenan.

Ist es überhaupt wichtig, dass mehr Junge teilnehmen?
Eugster: Ja, das wäre schön und wichtig. Ein Beispiel ist die Altersvorsorge. Die Gefahr ist gross, dass wir heutige Versäumnisse dereinst bezahlen. Es gibt mit neuen Onlineangeboten wie etwa Easyvote bereits gute Ansätze, um die Beteiligung zu erhöhen. Das ist aber ein langsamer Prozess. Ein wichtiger Punkt ist die Schulbildung. Wir mussten damals die Anzahl Parteien und Parlamentarier auswendig lernen. Mit spannenden Debatten zum Beispiel liessen sich sicher mehr Jugendliche abholen.

Ist denn eine Gemeindeversammlung spannend?
Mösch: (lacht) Nicht wahnsinnig. Es kann aber spannend werden, sobald Projekte umstritten sind. Grundsätzlich wäre es gut, wenn die Leute kritischer wären. In der letzten Rechnung ist uns ein Fehler passiert. Das hat zuerst gar niemand gemerkt.

Wie schafft man es, dass sich die Leute für die Rechnung einer Gemeinde interessieren?
Mösch: Ich habe versucht, mit einfachen Diagrammen eine Entwicklung aufzuzeigen. Darauf habe ich gute Rückmeldungen erhalten. Politiker sollten komplexe Themen einfach erklären. Das geht auch ohne Populismus.

Eugster: So langweilig ist Lokalpolitik nicht! Klar werden die Rechnungen meist durchgewunken. Bei uns in Waltalingen sind an Bürgerversammlungen aber jeweils 20 Prozent der Stimmberechtigten anwesend. Sieben von zehn Jungbürgern waren da. Das sind starke Werte und beweist, dass Interesse vorhanden ist.

Mösch: Ich sage ja nicht, dass alles langweilig ist. Es gibt aber viel Pflichtstoff und Rituale, die eingehalten werden müssen.

Ist es mühsam, die verschiedenen Vorgaben einzuhalten?
Eugster: Das ist ein wichtiger Punkt: Vieles ist heute übergeordnet festgelegt. Gemeinden sollten mehr selber entscheiden können. Mehr Mitsprache macht es interessanter.

Mehr Verantwortung ermöglicht aber auch grössere Fehler.
Eugster: Fehler machen auch die Leute bei Bund und Kanton. Wir werden direkt von der Bevölkerung kontrolliert und stehen in der Verantwortung, falls etwas schiefläuft.

Lassen sich Studium und Exekutivamt gut miteinander vereinbaren?
Mösch: Ja, man kann sich das gut einrichten. Ich will nächstens in Wila ein Restaurant eröffnen. Dann wird die Koordination wohl schwieriger. Das sehe ich bei berufstätigen Amtskollegen.

Eugster: Studium und Politik lassen sich sehr gut vereinbaren. Ich arbeite neben meinem Doktorat noch 40 Prozent bei einem Wirtschaftsverband. Auch das geht. Wohl auch deshalb, weil ich die Arbeit als Gemeinderat gerne mache. Man macht das nicht wegen des Geldes.

Wie reagieren gleichaltrige Kollegen und Kolleginnen darauf, dass ihr bereits im Gemeinderat tätig seid?
Mösch: Es kommt vor, dass jemand scherzhaft ruft: «Schau, da kommt der Gemeinderat.» Ansonsten ist Lokalpolitik im Freundeskreis selten ein Thema.

Eugster: Ich habe viele Kollegen, die in der Politik aktiv sind, etwa aus dem Jungfreisinn. Das politische Interesse ist daher gross und ich kann bei Gesprächen die Sicht eines Gemeinderats einbringen.

Herr Mösch, Sie sind seit gut einem halben Jahr Gemeinderat. Wie wurden Sie von ihren älteren Kollegen aufgenommen?
Ich wurde unterstützt und konnte sofort Vorschläge einbringen, die tatsächlich auch ernst genommen wurden. Da muss ich meinen Kollegen wirklich ein Kompliment machen.

Herr Eugster, gibt es auch Bürger, die Sie kritisch auf Ihr Alter ansprechen?
Eugster: Ich bin Sozialvorsteher und bringe natürlich weniger Lebenserfahrung mit als andere Amtskollegen. Dafür habe ich andere Qualitäten. Am Schluss muss die Leistung stimmen. Ich hatte nie die Rückmeldung, ich sei dafür noch zu jung.

Mösch: Den Respekt der Bevölkerung muss man sich verdienen. Denn die Leute merken schon, ob sie mit einem spielen können oder nicht.

Gibt es Themen, die Sie anders angehen als ältere Kollegen?
Mösch: Wir nehmen wohl beide Strukturen weniger als gegeben hin. Zudem setze ich mich für mehr Freiräume für Jugendliche ein.

Eugster: Ja, es gibt viele festgefahrene Strukturen. Als Neuling sieht man das kritisch. Ein Beispiel: Im Stammertal hat jede Gemeinde lange selber ein Mitteilungsblatt herausgegeben, obwohl viele Inhalte ähnlich waren. Jetzt machen wir das gemeinsam und sparen so Kosten.

Wollen Sie politisch Karriere machen?
Mösch: Ich will primär für die Gemeinde weiterarbeiten. Das Gemeinderatsamt sehe ich nicht als Trittbrett für Höheres.

Eugster: Der Kantonsrat würde mich schon reizen. Dort kann man mehr erreichen und muss weniger mit Initiativen arbeiten.

Welche Vision haben Sie für Ihre Gemeinden?
Mösch: Als Finanzvorsteher wünsche ich mir ein finanziell gesundes Wila. Wir sollten sparsam sein, ohne dabei an Substanz zu verlieren.

Und die Vision für Waltalingen?
Eugster: Für uns ist derzeit vor allem wichtig, dass wir uns von zusätzlichen Finanzhilfen des Kantons befreien können. Zudem müssen wir unsere hohen Schulden abbauen.

Sparen als Vision? Man könnte auch an Investitionen denken, zum Beispiel an einen schönen neuen Dorfplatz.
Mösch: Natürlich hätten wir das gerne. Wir wollen das Dorf attraktiver gestalten. Man könnte etwa die Weihnachtsbeleuchtung erneuern. Es ist wichtig, dass die Bevölkerung sieht, was die Gemeinde mit dem Geld macht. Denn genau das definiert schliesslich die Beziehung zwischen Volk und Staat und ist somit die Stärke einer Demokratie.

Eugster: Eine Vision muss nicht immer teuer sein. Schuldenfrei zu sein oder tiefe Steuern anzubieten, kann auch ein Ziel sein. Erst dann kann man darüber reden, was man Neues machen kann.

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Erstellt: 01.02.2017, 17:40 Uhr

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