Winterthur

Stadtpräsident über die Mehrkosten der Theater AG: «Das ist es wert»

Das Stadttheater in eine AG zu überführen ist auf lange Sicht teurer als es in der Stadtverwaltung zu belassen – selbst dann, wenn viele Sponsorengelder fliessen. Der Stadtpräsident sagt, warum für ihn dennoch die Vorteile überwiegen.

Stadtpräsident Michael Künzle ist für den Bereich Kultur zuständig.

Stadtpräsident Michael Künzle ist für den Bereich Kultur zuständig. Bild: Archivbild: Nathalie Guinand

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Das Theater Winterthur läuft heute gut, laut der Actori-Studie (siehe Kasten) sogar aussergewöhnlich gut. Warum soll man es ausgerechnet jetzt auslagern?
Michael Künzle (CVP): Es stimmt, laut der Studie haben wir das Optimum herausgeholt. Darauf sind wir auch stolz. Es zeigt sich aber auch, dass das Theater, wenn es in der heutigen Qualität weiter bestehen soll, mehr Geld braucht. Wir erbringen die heutigen Leistungen mit knappen Ressourcen. Sinn der Studie war es, Szenarien für die Zukunft zu entwerfen.

Trotzdem, die Auslagerung, über die wir in zwei Monaten abstimmen, ist auch ein Produkt der Vergangenheit. Die Vorstösse mit denen das Parlament eine Verselbstständigung forderte datieren auf 2007 und 2012, eine Zeit, als das Theater viel schlechter da stand als heute.
Die Diskussion über die Auslagerung führen wir ja schon länger und übrigens nicht primär unter finanziellen Aspekten. Den ersten Vorstoss hatte der Stadtrat noch verworfen, vier Jahre später kam er in seiner damaligen Besetzung zu einem anderen Schluss und unterstützte das Vorhaben. Das Ziel war dabei aber nie eine Sparvorlage, es ging darum, dem Theater Spielräume zu geben, damit es Erfolg haben kann.

Erfolg hatte es seither auch ohne Auslagerung. Im Vergleich zu 2008 kommt das Theater heute mit einem Viertel weniger an öffentlichen Geldern aus, und die Einnahmen aus Eintritten sind um ein Drittel gestiegen.
Das Theater hat tatsächlich viel zum Gelingen des Sanierungsprogramms Balance beigetragen. Das alles ist in einem schwierigen Umfeld passiert – wie alle Theater verlieren auch wir Abonnenten. Die Theaterbesuchenden wollen sich nicht mehr schon bei Saisonbeginn binden. Unser Programmleiter Thomas Guglielmetti macht aber einen hervorragenden Job. Es ist ein Glücksfall, dass er mit seinen Kompetenzen den Geschmack der Bevölkerung trifft.

«Das Theater wird behutsam mit Werbung umgehen.»Michael Künzle (CVP),
Stadtpräsident

Und doch soll das Theater jetzt eine Aktiengesellschaft werden. Wo sehen Sie die Vorteile?
Eine Belastung war für uns schon immer der verschobene Zyklus bei den Finanzen. Das Theater budgetiert von Sommer zu Sommer, die Stadt von Dezember zu Dezember. Dieses Problem werden wir mit der Verselbstständigung los. Auch kann das Theater Rückstellungen für Projekte machen, was wir heute nicht dürfen, es gewinnt also Freiheiten. Drittens können wir das Sponsoring auf- und ausbauen und damit an mehr private finanzielle Mittel kommen. Ich bin überzeugt, dass es Unternehmen gibt, deren Profil auf unser Theater passt.

Die verschobenen Rechnungszyklen sind umständlich, Stadt und Theater sind letztlich aber damit klar gekommen.
Ja, aber man kann doch auch schwierige Rahmenbedingungen verbessern, wenn man die Chance dazu hat.

Mit dem Ziel, das Sponsoring auszubauen, begibt man sich auf ein heikles Terrain.
Sponsoring ist immer ein schwieriges Terrain und bedeutet harte Arbeit. Es braucht Mitarbeitende, die sich darum kümmern, und die haben wir heute nicht. Dass es gute Lösungen gibt, hat das Casinotheater vorgemacht, dessen Fundraising offensichtlich sehr gut funktioniert. Dass es auch harzen kann, beobachten wir beispielsweise bei Pfadi Winterthur. Beim EHCW wiederum konnten wir etwas mithelfen, indem wir das Namenssponsoring für die Halle erlaubt haben.

Es wird wohl nicht bei allen gut ankommen, wenn mit dem Theater noch ein Player in Winterthur um Sponsoren buhlt.
Im Sponsoring gilt: Das Unternehmen und der Empfänger müssen vom Profil her zusammen passen. Ich bin überzeugt, es wird noch einige Firmen geben, die am Theater Interesse haben, sich bisher aber nicht engagierten, weil das Theater ein Teil der Verwaltung ist. Allenfalls gewünschte Gegenleistung könnten wir heute nicht erfüllen, eben weil das Theater Teil der öffentlichen Verwaltung ist.

Und wo liegt die Grenze? Wird man Waschmittelmuster auf dem Theatersitz vorfinden?
Die jetzige Theaterleitung ist diesbezüglich sicher genügend sensibilisiert. Auch der neu zu gründende Verwaltungsrat, auf den der Stadtrat bei Bedarf weiterhin Einfluss nehmen könnte, wird sicherlich zurückhaltend vorgehen.

Sie haben gesagt, es gebe Sponsoren, die kein Geld geben wollten, wenn das Theater Teil der Stadtverwaltung ist. Stellt sich nicht umgekehrt die Frage, ob man Sponsoren eine Bühne bieten soll?
Wie gesagt, mit den Sponsoren wird man Verträge abschliessen und dabei neben dem Betrag auch die Gegenleistung fixieren. Die Verantwortlichen werden dies behutsam tun.

«Das Theater bekommt mehr Freiheit, Chancen im Sponsoring und Vorteile in der Budgetierung.»Michael Künzle (CVP),
Stadtpräsident

Konkrete Zahlen zeigen: Sponsoren kommen im Theater günstig zu ihrem Auftritt. Nehmen wir die Schauspielhaus AG in Zürich. Die Sponsoren zahlen nicht einmal 4 Prozent der Kosten.
Es ist klar, dass Sponsoren einen Gegenwert wollen. Wie der ausfällt, ist Gegenstand von Verhandlungen. Ich sage es aber noch einmal, das Theater Winterthur wird das Thema sehr verantwortungsvoll angehen.

Im Parlament wurden Bedenken geäussert, das Theater könnte Selbstzensur üben, indem etwa ein kritisches Stück, das einen Sponsor verstimmen könnte, nicht programmiert wird.
Es gibt diese Gefahr, aber Theater findet ja nicht hinter verschlossener Tür statt, sondern in der Öffentlichkeit, es gibt also schon eine Kontrolle. Der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung werden sich ausserdem hüten, ins Programm einzugreifen.

Die Theater AG kostet pro Jahr mindestens 250 000 Franken mehr als ein Verbleib in der Verwaltung mit den genau gleichen Massnahmen in der Vermarktung und im Programm.
Das ist so. Aber das Theater hat sein Globalbudget im Rahmen des Sanierungsprogrammes Balance massiv heruntergefahren. Und so liegen wir auch mit diesem etwas höheren Budget noch unter demjenigen vor dem Sanierungsprogramm.

Trotzdem: Das Stadttheater öffnet sich privaten Sponsoren, die Stadt aber spart nichts, sondern muss eine Viertelmillion Franken mehr im Jahr zahlen, ergibt das für Steuerzahler und Theaterbesucher einen Sinn?
Man erkauft sich damit eben auch Vorteile in der Budgetierung, mehr Handlungsspielraum und Chancen im Sponsoring. Ich sage, die Qualität unseres Theaters ist das wert.

Die Kalkulationen im Fundraising und bei den Publikumszahlen sind eher zuversichtlich. Was, wenn sie nicht zutreffen.
Ich bin überzeugt, dass es ein Potenzial gibt, dass wir dem Theater aber bessere Rahmenbedingungen geben müssen. Wir müssen in die Zukunft schauen.

Nehmen wir an, das Volk lässt sich nicht überzeugen, wie geht es dann weiter?
Ich gehe davon aus, dass das Volk dem Stadtrat und dem Parlament folgt und die Vorlage unterstützen wird. Das Volk hängt am Theater, das durfte ich erleben, als es um das Gebäude ging. Sollten wir die Abstimmung verlieren, müssten wir die finanziellen Mittel ebenfalls erhöhen, hätten aber nicht mehr Handlungsspielraum und keine Chance an die privaten Mittel zu kommen. Unser Vorschlag jetzt zeigt in die Zukunft.

Erstellt: 20.01.2019, 16:04 Uhr

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