Literatur

«Trauer ist in gewisser Weise sogar sexy»

Die TV-Moderatorin Sarah Kuttner über ihren Roman «Kurt», in dem ein Kind stirbt.

Sarah Kuttner, Fernsehmoderatorin, Kolumnistin und Autorin.

Sarah Kuttner, Fernsehmoderatorin, Kolumnistin und Autorin. Bild: Keystone

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Frau Kuttner, Ihr Roman dreht sich um den Tod eines Kindes. Warum dieses Thema?
Sarah Kuttner: Am Anfang stand die Idee, einen Roman über eine Patchworkfamilie zu schreiben, in dem die weibliche Hauptfigur einen Mann mit Kind kennen lernt. Dann lag der Stoff aber ein Jahr lang nur rum, weil es nicht so richtig mein Thema war. Bis mir auffiel, dass in dieser Zeit sehr viele Menschen starben, die ich kannte.

Haben Sie um den sechsjährigen Kurt getrauert, als Sie ihn in Ihrem Buch sterben liessen?
Nein, ich kann genug unterscheiden, ob etwas fiktiv ist oder nicht. Aber ich habe mich beim Schreiben in ihn verknallt, und als es an der Zeit war, ihn sterben zu lassen, erwischte ich mich dabei, diesen Moment ein bisschen rauszuzögern.

Gibt es so etwas wie den richtigen Umgang mit Trauer?
Viele trauernde Leute drängen sich aus Überforderung selbst in eine Rolle, von der sie glauben, dass sie die ausfüllen müssen. Immer: Ich darf jetzt nicht lachen, denn ich habe jemanden verloren. Das ist Quatsch und hemmt die Heilung.

«Es ist faszinierend, aber auch erleichternd, wie schnell sich Menschen verändern, wenn sie tot sind.»

Ist Trauer ein Tabu in unserer Gesellschaft?
Nein, in gewisser Weise ist es sogar sexy. Wenn ein Prominenter stirbt, trauern die Leute bei Facebook, schreiben «RIP», obwohl sie ihn gar nicht kannten. Der Tod selbst ist dagegen immer noch tabuisiert. Viele Leute haben noch nie eine Leiche gesehen, da in unserer Kultur die Toten sofort weggeschafft werden.

Haben Sie schon Leichen gesehen?
Ja, aber nur bei Dreharbeiten für eine Sendung bei einem Bestatter – und genau deshalb war ich auch unheimlich neugierig. Den verstorbenen Freund meiner Freundin hab ich dann auch gesehen. Es ist faszinierend, aber auch erleichternd, wie schnell sich Menschen verändern, wenn sie tot sind. Sie sehen fast umgehend nur noch aus wie eine schlechte Madame-Tussaud-Version ihrer selbst. Ich fand das sehr hilfreich.

Sie sind als Moderatorin bei Viva bekannt geworden. Ist das Schreiben ein Versuch, dieses Etikett loszuwerden?
Ich habe es nie darauf angelegt, meinen Ruf zu ändern. Ich war in dem Job gut und erfolgreich, es hat mir Spass gemacht. Was mich langweilt, sind diese Begriffe, die Journalisten auf mich anwenden wie «frech» oder «Berliner Schnauze». Aber vermutlich treffen sie ja zu. Selbst meine Romane sind rabaukig.

«Das Fernsehen hat immer weniger Mut.»

Warum haben Sie keine eigene Fernsehsendung mehr?
Ich würde gerne mehr Fernsehen machen, aber es bricht mir auch nicht die Beine, dass es nicht so ist. Ich habe ein, zwei Konzepte in der Schublade, aber die sind schwer an den Mann zu bringen.

Wieso?
Das Fernsehen hat immer weniger Mut – die Mehrheit der Zuschauer orientiert sich längst an den Streamingdiensten. Ich selber schaue nur noch in den Mediatheken fern, wenn ich den Zeitpunkt selber bestimmen kann. Den Sendern schwimmen die Felle weg, deshalb verlassen sie sich auf Leute, die garantiert funktionieren und Zielgruppen bringen. So jemand bin ich nicht.

Sarah Kuttner: Kurt. Roman. S. Fischer, Frankfurt 2019. 240 S., ca. 22 Fr.
Lesung: 5. 5. im Kaufleuten Zürich

Erstellt: 28.04.2019, 18:22 Uhr

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