Türkei/Oberwinterthur

«Unsere Kinder wissen jetzt, was ‹Terrorist› bedeutet und wer Erdogan ist»

Emre Dincer, der schweiz-türkische Doppelbürger aus Oberwinterthur, wurde monatelang in der Türkei festgehalten. Seine Frau Serpil sah er über ein Jahr nicht. Wie es ist, wieder zurück zu sein und warum der Albtraum noch nicht vorbei ist.

«Das Ganze können wir verfilmen» Emre Dincer wurde 391 Tage von seiner Frau Serpil ferngehalten.

«Das Ganze können wir verfilmen» Emre Dincer wurde 391 Tage von seiner Frau Serpil ferngehalten. Bild: Marc Dahinden

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Emre Dincer, bei Ihrer Ankunft am Flughafen waren Sie überwältigt, nach 391 Tagen zurück in der Schweiz zu sein. Haben Sie sich wieder eingelebt?
Emre Dincer: Ich brauchte tatsächlich ein paar Wochen, um zu merken, dass ich wirklich hier bin. Bei meiner Ausreise ging alles so schnell, ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet.

Sie hatten auch kein Gepäck.
Ich hatte gar nicht erst einen Koffer gepackt, damit ich nicht wieder drei Stunden warten müsste, falls die Ausreise nicht funktionierte. Alle Bücher, die ich im Gefängnis gelesen habe, kommen jetzt per Post nach. Es sind über dreissig Stück. Die will ich mir als Erinnerung aufheben.

Bücher?
Serpil Dincer: Ja, wir haben ihm Bücher ins Gefängnis geschickt, damit er Deutsch nicht verlernt. Bücher von Jo Nesbo oder ‹Da Vinci Code› von Dan Brown.

Wie war diese Trennung für Sie als Paar?
Serpil Dincer:Seltsam. Plötzlich bist du in einer Fernbeziehung, noch schlimmer eigentlich, du siehst dich gar nicht mehr. Und darüber entscheidest nicht du, sondern Fremde. Ich habe mich nicht getraut, in die Türkei zu Emre zu fliegen. Oft werden bei Verdächtigen die Ehepartner festgehalten, um Druck aufzubauen. Das wollte ich nicht riskieren.

Was war am Schlimmsten?
Emre Dincer: Die Untersuchungshaft. Ein Tag dort ist schlimmer als ein Monat Gefängnis.

Sie waren sechs Tage dort, bekamen kein sauberes Wasser, konnten nicht duschen.
Die Wasserleitung lag direkt neben der WC-Schüssel, die Einrichtungen waren so alt, dass alles nach Chlor roch. Vor mir waren dort über hundert syrische Flüchtlinge untergebracht gewesen. Ihren Abfall, ihre Kleider, alles lag dort. Ich habe noch nie einen schmutzigeren Ort gesehen.

Serpil Dincer: Und es war stockdunkel, nicht?

Emre Dincer: Ja. Nur einmal kam ein anderer Typ in meine Zelle. Er war mit zwei Kilo Marihuana erwischt worden. ‹Wieso bist du hier?›, fragte er mich. Ich antwortete: ‹Ich bin Terrorist,und du?› (lacht)

Wann haben Sie das erste Mal wieder von Ihrer Frau gehört?
Erst nach sieben Wochen. Im ‹normalen› Gefängnis durfte ich alle zwei Wochen zehn Minuten telefonieren. Da kann man nur fragen, wie es den Kindern geht, was die Neuigkeiten sind und fertig.

Serpil Dincer: Am liebsten hätte ich ihn gefragt, wie es ihm in Untersuchungshaft ergangen ist, aber die Telefonate werden alle abgehört, da kann man nicht offen reden.

Die anderen Insassen waren auch politisch Gefangene.
Emre Dincer:Sie wurden alle verdächtigt, Gülen-Anhänger und deshalb Mitglieder der von Erdogan als Terrororganisation bezeichneten ‹Fetö› zu sein. Ich war mit Lehrern, Anwälten, Polizisten und einem 20-jährigen Jura-Studenten zusammen. Normale Leute. Die, die wirklich etwas mit dem Putsch zu tun hatten, sind schon lange verurteilt worden. Es ging nur noch darum, mögliche Mitglieder der Gülen-Bewegung einzusperren, auch solche, die nur in einer Schule von ihm waren.

Serpil Dincer: Obwohl die Absolventen dieser Schulen die besten Noten und Diplome haben.

Emre Dincer: Sogar Erdogans Kinder gingen auf diese Schulen.

Kamen die übrigen Gefangenen auch aus anderen Ländern?
Nein, das waren alles Türken aus der Umgebung, viele kannten sich. Ich war der Einzige aus dem Ausland. Sie fragten mich oft, ob ich sie, wenn sie draussen sind, auch in die Schweiz bringen kann.

Ihr Fall wurde an drei Gerichtsverhandlungen besprochen. Hatten Sie einen Anwalt?
Kurz nachdem ich in U-Haft kam, hat mir Serpils Cousin eine Anwältin vermittelt.

Serpil Dincer: Das auswärtige Amt hat uns zwar eine Liste mit Anwälten zugesandt, aber wir wollten sicher sein, dass unsere Person sich in der Sache auskennt.

Emre Dincer: Aber Anwälte können in Fetö-Fällen meistens gar nicht viel machen. Alle Anfragen und Gesuche von ihnen werden abgelehnt, und wenn sie einmal Fetö-Mitglieder verteidigt haben, gelten sie als schmutzig.

Im Oktober wurden Sie freigesprochen, nun hat die Staatsanwaltschaft beim höheren Gericht Rekurs eingereicht. Was passiert jetzt?
Wir warten, bis der Rekurs geprüft worden ist. Das kann dauern. Nachdem ein Fetö-Anhänger aus der Haft entlassen wurde und flüchtete, wurden alle zuständigen Richter und Anwälte verhaftet. Seit dem haben alle Angst, dass ihnen das auch passiert. Meine Ausreisesperre wurde bereits im Mai aufgehoben, aber ich konnte erst fünfeinhalb Monate später ausreisen. Das liegt auch an den Behörden, die nichts machen wollen.

«Zur Zeit als Emre im Gefängnis sass, dachte ich schon: Wieso macht die Schweiz nicht mehr? Wieso reist Cassis nicht nach Ankara?»

Serpil Dincer

Ihr Arbeitgeber, die ZKB, hat die ganze Zeit über Ihre Stelle freigehalten, sich mit Briefen an die Richter gewandt.
Ich kann nicht in Worte fassen, wie dankbar ich meinem Arbeitgeber bin. Bei meiner Rückkehr haben Sie mir gesagt, ich könne langsam anfangen, solle die Zeit mit meiner Familie geniessen.

Serpil Dincer: Und eine Woche nach seiner Ankunft hat er direkt wieder 100 Prozent gearbeitet!

Emre Dincer: Niemand hat mir je das Gefühl gegeben, zu glauben, dass diese Vorwürfe gegen mich stimmen könnten. Das war schön.

Sie haben eine achtjährige Tochter und einen fünfjährigen Sohn. Wie haben Sie Ihnen erklärt, warum der Vater nicht zurückkommt?
Serpil Dincer: Als wir nach den Herbstferien am Flughafen aufgehalten wurden, haben sie es natürlich mitbekommen. Wir haben gesagt, dass etwas mit unseren Pässen nicht stimmt und dass Emre darum lange warten muss. Wir haben gedacht, sie verstünden nichts, aber sie haben viel mehr verstanden als gedacht. Sie wissen, was Fetö oder Terrorist bedeutet und wer Erdogan ist.

War das schwierig für Sie?
Gut war, dass die Kinder weiterhin normal in die Schule gingen. Ich hatte Unterstützung von Verwandten und Bekannten und die Kinder haben Emre mehrmals in der Türkei besucht, als er aus dem Gefängnis entlassen worden war.

Emre Dincer: Ohne ihren Besuch wäre ich die ganze Zeit im Haus meiner Eltern geblieben. Ich wollte nicht rausgehen. Alle meine alten Schulfreunde leben noch dort, ich wollte ihnen nichts erklären müssen und ihr Mitleid hätte mich noch mehr gestört.

Während Sie in der Türkei warteten, kümmerte sich das EDA in der Schweiz um Ihren Fall. Wie war die Zusammenarbeit?
Serpil Dincer: Wir haben Ideen ausgetauscht, was man alles tun könnte, und ich habe sie über den aktuellen Stand informiert. Auch die türkische Anwältin gab Tipps. Das EDA war jedoch immer vorsichtig. Erst nachdem die Ausreisesperre im Mai aufgehoben wurde, konnten sie handeln, weil sie etwas in der Hand hatten.

Damals sagten Sie, dass man zwar mit den Behörden zusammenarbeitet, aber in einer solchen Situation schlussendlich immer alleine sei.
Ja, zu dieser Zeit dachte ich schon: Wieso macht die Schweiz nicht mehr? Wieso hört man nichts von ihr? Wieso reist Cassis nicht nach Ankara? Aber wenn ich heute zurückblicke, haben sie alles gemacht, was machbar ist.

Der Grund für Ihre Festnahme war, dass Sie mehrere Jahre im Gülen-nahen EKOL Bildungszentrum in Winterthur im Vorstand waren.
Emre Dincer: Ich war von 2011 bis 2014 dabei. Ich habe ein paar Mal Flyer ins Türkische übersetzt. Als das zweite Kind auf die Welt kam, bin ich ausgetreten, weil ich mehr Zeit für meine Familie wollte.

Für Sie war die Mitgliedschaft bei EKOL nie politisch. Warum haben Sie sich trotzdem eintragen lassen, wenn dies als eindeutiges Bekenntnis zu Gülen galt?
Weil alle meine Freunde und Serpils Cousins dabei waren und ich auch heute noch der Meinung bin, dass sie nichts Schlechtes taten. Im Gegenteil, ein Bildungszentrum, das für alle offen ist, ist auch für meine Kinder gut. Und Bildung ist extrem wichtig.

Serpil Dincer: Damals war es auch nichts Schlechtes, die Gülen-Bewegung wurde sogar durch Erdogan unterstützt. Und Emre hat auch nie an Vorstandsitzungen teilgenommen oder Belege unterschrieben.

Zum Verhängnis wurden Ihnen die sogenannten Fetö-Listen.
Emre Dincer: Jemand hat gegoogelt, im Handelsregister gesucht, mich so gefunden, Printscreens gemacht und an die türkischen Behörden geschickt. Am Anfang reichte es sogar für eine Verhaftung, wenn jemand ein Mail mit der Bemerkung ‹Der ist Fetö-Mitglied› schickte, das haben mir Mitinsassen erzählt. Dass du wegen einer E-Mail drei Monate ins Gefängnis musst...

Jetzt ist Ihnen die Ausreise gelungen. Was war das für ein Gefühl, als Sie von der Passkontrolle durchgewinkt wurden?
Ich war so aufgeregt, ich habe gezittert. Vor dem Schalter habe ich bis zur letzten Sekunde gedacht, dass er jetzt einen Polizisten anruft und sie schicken mich wieder zurück. Als mir der Beamte den Pass mit dem Stempel zurückgab, dachte ich ‹Scheisse, es passiert wirklich. Mach jetzt nichts Verdächtiges, schau nicht zurück.›

Serpil Dincer: Um 9.42 Uhr hat er mir geschrieben, er sei vor der Passkontrolle, zwei Minuten später kam die SMS, er sei durch.

Emre Dincer: Ich konnte es nicht glauben, hatte im Flugzeug noch Angst. Als eine Flight Attendant das Telefon in die Hand nahm, dachte ich, dass sie jetzt garantiert die Polizei anruft. Erst als das Flugzeug zu rollen begann, dachte ich: ‹Wow, das passiert jetzt tatsächlich›. Das Ganze könnten wir eigentlich verfilmen.

Erstellt: 18.12.2018, 13:47 Uhr

Die Gülen-Bewegung

Der Sündenbock

Für den türkischen Präsidenten Erdogan besteht seit jeher kein Zweifel, dass die Gülen-Bewegung hinter dem gescheiterten Militärputsch vom Juli 2016 steht, weshalb die AKP-Regierung entschlossen ist, sie restlos zu zerschlagen. Im Westen stösst der Vorwurf, Gülen und seine Bewegung steckten hinter dem Umsturzversuch, jedoch bis heute auf grosse Skepsis. Ungeachtet dessen fahndet die türkische Regierung weltweit nach Mitgliedern der Gülen-Bewegung. Tausende mutmassliche Gülen-Anhänger sitzen derzeit in türkischen Gefängnissen – und warten auf ihren Prozess. Der Prediger Fethullah Gülen selber ist nach wie vor im Exil in den USA. Er bekennt sich zu Religionsfreiheit und Demokratie und predigt den Dialog der Religionen. tm

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