Sommerserie

Unterwegs im Untergrund des Stadthauses

Das Stadtarchiv ist für die meisten Benutzer ein Büro mit Schalter in der nordöstlichen Ecke des Stadthauses. Doch eigentlich befindet es sich – gut ­geschützt und unsichtbar – im Untergrund des Stadthauses.

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Bevor wir mit dem Lift in den Untergrund des Stadthauses fahren, führt Stadtarchivarin Marlis Betschart in die Geschichte ein: «Das Winterthurer Stadtarchiv befand sich von Anfang an im Stadthaus. Denn als Architekt Gottfried Semper dieses um 1860 als Versammlungsort und zentralen Verwaltungssitz plante, schwebte ihm ein Tempel der Demokratie vor.» Und weil er eben auch Bautheoretiker gewesen sei, habe er all die Urkunden, Akten und Beschlüsse, die das Fundament der Demokratie bilden, symbolträchtig genau unter dem Versammlungssaal der Bürger platziert.

Bei der Stadthauserweiterung Anfang der 1930er-Jahre entstand im Keller ein neuer Archivraum, aber gemäss Betschart ein «suboptimaler»: Da beim Bau die Verheerungen eines Bombenkriegs noch nicht mit einberechnet wurden, waren sie nicht wirklich sicher. Zudem wurden sie multifunktional genutzt: «Ar­chiv­bestände, Mitarbeiter und Kunden, später auch noch technische Geräte wie Mikrofilmanlage und Scanner in einem Raum ­– das ist problematisch», so Betschart. «Ebenso die Wasserleitung an der Decke.»

Leere Tresore – wegen Umzugs

Gegen Ende der 1980er-Jahre entstand unter dem östlichen Vorplatz des Stadthauses ein neuer Kulturgüterschutzraum, der moderne Standards erfüllt. Auf dem Weg dorthin öffnet sich eine nüchterne Welt: Grau ge­strichene Betonböden, Türen, Aktenschränke und mehrere alte Tresore fallen ins Auge. Diese enthalten aber weder die städtischen Goldreserven noch Archivalien: «Sie wurden von der Stadtkasse genutzt und sind heute leer», erklärt Marlis Betschart – die damit aber nicht auf die ­angespannte finanzielle Lage ­anspielt, sondern auf den Auszug von Verwaltungsbereichen aus dem Stadthaus. Für Archivalien seien Tresore ohnehin nicht ­geeignet, eher schon sollten es Tresorräume sein.

Alte Pläne und Luftaufnahmen

Das gibt es hier unten zwar auch, doch die Panzertür, die zu einem solchen führt, verspricht mehr, als dahintersteckt. Hier lagerte das Wertschriftendepot des Waisenamts bzw. der Vormundschaftsbehörde – heute Kesb –, in dem Vermögenswerte von Unmündigen aufbewahrt wurden. Man vergesse gerne, dass das nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene sein können.

Nach einem kurzen Blick in das alte Magazin führt uns ein leicht abfallender Gang zum neueren Archivraum. An den Wänden sind alte Pläne und Luftaufnahmen der Stadt, historische Fotografien, Plakate, Vereinsfahnen aufgehängt. Der Archivschutzraum besteht eigentlich vor allem aus einer etwa zwanzig Meter langen Compactus-Rollschrankanlage, deren verschiebbare Elemente sauber, aber für Laien unverständlich mit geheimnisvollen Kürzeln angeschrieben sind.

Geheimnisvolle Kürzel, spannende Dokumente

Blickt man dann in eine dieser Regalschluchten, sieht es schon sehr viel spannender aus: Alte Bucheinbände aus verschiedenen Epochen, Aktenkartons, Planmappen sind zu erkennen. Hier lagern etwa die Pläne der Baupolizei. «Da in der Stadt Baueingaben ab 1863 Pflicht waren, sind wir mehr oder weniger komplett dokumentiert», sagt Betschart. Anders sehe es bei den einstigen Vororten aus, dort sei die Dokumentation vor der Eingemeindung 1922 eher lückenhaft.

Die «Kunden» betreten die Magazine des Stadtarchivs eigentlich nie: Sie stellen ihre Anfragen telefonisch, schriftlich, per Mail oder persönlich und konsultieren für ihre Recherchen die bereit­gestellten Akten im Lesesaal. Trotzdem kann man die Magazine manchmal auch besichtigen, denn gelegentlich werden Führungen veranstaltet.

Bedeutungsvolle Ver- und Entpfändungen

Gerade zu Liegenschaften erhält das Stadtarchiv viele Anfragen: «Oft recherchieren Hauseigentümer, Bauherren, Architekten oder Immobilienfirmen im Zusammenhang mit Bauprojekten oder Handänderungen», führt sie aus, bevor sie auf die nächsten Abteilungen weist: «Hier haben wir die alten Gemeindearchive bis 1922, da sind Rechnungs­bücher aus dem 19. Jahrhundert. Sie umfassen etwa das, was heute das Finanzamt macht», sagt sie. «Und dort befinden sich die Stadtratsakten und Ratsprotokolle ab 1405.» Das älteste Dokument hier unten ist eine Urkunde aus dem Jahr 1180, und besonders aktuell sei jetzt gerade die Verpfändungsurkunde, mit der die Habsburger die Stadt Winterthur 1467 – also vor genau 550 Jahren – für 10 000 Gulden an die Stadt Zürich verpfändeten. «Übrigens nicht aus politischen Gründen, sondern allein wegen Geldproblemen», wie die Historikerin betont. «Wichtig für uns ist, dass Winterthur damit ins eidgenössische Lager wechselte.»

Aber auch die Dokumente einer «Entpfändung» sind im Stadtarchiv zu finden: der in ­edles Leder gebundene Versicherungsbrief vom 20. Juli 1880 über 11 550 000 Franken, mit dem die von der Stadt Winterthur aufgenommenen Anleihen zur Begleichung des Nationalbahn-Debakels abgesichert wurden. Er ­wurde ihr am 4. Januar 1954 nach Tilgung aller Schulden zurück­gegeben.

(Der Landbote)

Erstellt: 13.08.2017, 17:33 Uhr

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