Fotomuseum

Viel Raum zum Nachdenken über die Sprache der Bilder

Die Amerikanerin Anne Collier sammelt Bildmaterial aus Werbung und Magazinen der 1970er und 1980er Jahre und fotografiert sie neu. Im Fotomuseum steht man ratlos zwischen den weissen Wänden.

Anne Collier, aus der Serie «Women With Cameras» (Self Portrait), 2017.

Anne Collier, aus der Serie «Women With Cameras» (Self Portrait), 2017. Bild: Anne Collier

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Blickt man vom Foyer in den grossen Ausstellungsraum, fällt der Blick auf die nackte junge Frau, die ins Meer hinaus geht, und man ist sofort im Bild drin, macht ebenfalls den Schritt hinaus.

Dass es sich um eine Fotografie aus der Hippie-Bewegung der 1970er Jahre handelt, erfuhren die Medienleute am Freitag von Nadine Wietlisbach, der Direktorin des Fotomuseums – in der Bildlegende steht das nicht.

Die 1970 in Los Angeles geborene Fotografin Anne Collier sammelt Bildmaterial aus Werbung und Magazinen der 1970er und 1980er Jahre, wählt Ausschnitte daraus und fotografiert sie. Damit macht sie deren Bildsprache und Techniken bewusst, wobei stets der (vermutlich) männliche Blick auf die Frau im Zentrum von Colliers Interesse steht.

In Bildserien wie «Woman Crying» und «Women With Cameras» werden diese Stereotypen durch die Aneinanderreihung überraschend relativiert, sie verlieren ihr Gewicht, das Bild bekommt eine Individualität, die vielleicht gar nie vorhanden war.

Weisse Wände

Das Fotomuseum Winterthur hat die Ausstellung zusammen mit dem Sprengel Museum Hannover realisiert; das Werk von Anne Collier wurde zuvor in Deutschland und der Schweiz noch nie in einer Einzelausstellung gezeigt. Im Fotomuseum dominieren weisse Wände, Wietlisbach lässt viel Raum zwischen den tief gehängten Bildern. Der Seriencharakter wird bewusst durchbrochen, Colliers Fotografien als Einzelbilder gezeigt. Ausschnitte aus Plattencovern sind es im grossen Raum.

Als Betrachter steht man ratlos zwischen den weissen Wänden und den wenigen, verloren wirkenden Bildmotiven, die sich gleichen, ohne dass sie sich aufeinander beziehen würden. Der nackte weibliche Körper und die Meereswellen, das suggeriert Rausch und Grenzenlosigkeit, wahrscheinlich ewige Jugend und wohl auch Verbundenheit mit der Natur, Themen also der 1968-Bewegung – nur kann man diese Zuordnung ja gar nicht machen, wenn man die Hintergründe nicht kennt. Auch der Katalog gibt die Bilder nur wieder, ohne Angaben zur Herkunft des von Collier verwendeten Materials.

Die Frau und das Meer auf der einen Seite, weinende Frauen auf der anderen: Das Wasser als weibliches Element, das wäre eine mögliche Verbindung, aber in Bezug auf die einzelnen Bilder führt das nicht weiter.

Immerhin: Je länger man die Augen, Nasen und Wangen betrachtet, desto mehr neigt man dazu, den fehlenden Rest zu ergänzen, und die Bilder beginnen zu leben. Aus ihrem Kontext gelöst, wirken sie dennoch nichts sagend. Dass die Bildsprache der Werbung sexualisiert oder sexistisch sei, ist keine neue Erkenntnis. Sie ist es bis heute, nur dass wir uns daran gewöhnt haben und verfeinerte, etwa mit Ironie angereicherte Mittel sie weniger plump erscheinen lassen.

Selfies vor dem Internet

Anregender ist die Serie «Women With Cameras», aus der im kleinen hinteren Kabinett achtzig Bilder als Dias gezeigt werden. Es sind Selfies aus der Zeit vor dem Internet, Selbstbildnisse von Frauen mit der Kamera in der Hand, über einen Spiegel fotografiert, mit Freundinnen zuhause in der Wohnung, in der Toilette oder im Hotelzimmer, Fotografien, die von ihren Besitzern weggeworfen wurden.

Es sind Bilder mitten aus dem Leben, nicht als Kunstwerke intendiert, und doch erstaunlich nahe bei einem fotografischen Stil, der den Zufall bei der Entstehung bewusst mitspielen lässt. Sie lassen die stilisierten Tränen alt aussehen. Lebendig wird es auch, wenn die Sprache ins Spiel kommt, bei der Werbung für Fotoapparate etwa, wenn eine Kamera surreal über einem Farbbild schwebt, auf dem eine mürrisch drein blickende nackte Frau am Swimmingpool liegt. Das darüber stehende Stichwort «Quality Control» versetzt hier die Intention der Aussage in die Schwebe: Wer soll da kontrolliert werden? Der phallisch aufgeladene Apparat oder die Aggressivität der Frau?

Aber solche Mehrdeutigkeiten sind schon im Material selbst enthalten. Das gilt auch für das komische Potential der «Kodak»-Werbung, bei der zwei Fotografen und zwei Fotografinnen, die nur als Schatten wahrzunehmen sind, den roten Sonnenuntergang fotografieren.

Kein Lichtenstein

Ein Raum ist der Bildsprache des Comics gewidmet. Ist das Roy Lichtenstein? Nein, sagte Wietlisbach an der Medienführung. Im Fokus steht hier wieder das Motiv der weiblichen Träne, die sich, von Nahem oder ganz isoliert betrachtet, in ein amorphes Wesen verwandelt, das irgendwie an Ansichten aus dem Biologieunterricht erinnert. In etwas ganz Anderes also.

Bis 26. Mai. Fotomuseum Winterthur, Grüzenstrasse 45.

(Der Landbote)

Erstellt: 24.02.2019, 14:31 Uhr

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