Winti jodelt

Viel Volk am Jodlerfest in Wülflingen

Bunte Trachten und urchige Klänge – in Wülflingen drehte sich alles um urschweizerisches Brauchtum.

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«Nöd schwätze, nöd umegumpe», ermahnt Irma Zuberbühler das Publikum auf dem Sportplatz Sporrer. Während der Wettvorträge am Nordostschweizerischen Jodlerfest, das von Freitag bis Sonntag in Wülflingen über die Bühne ging, gelten nicht nur für die teilnehmenden Jodlerinnen, Fahnenschwinger und Alphornbläserinnen eiserne Regeln, sondern eben auch für das Publikum. Das hier sei eine Ruhezone, erklärt die Ansagerin, darum seien bitte auch die Handys auszuschalten.

Das Publikum, ohnehin schon mucksmäuschenstill, nachdem ein Glöcklein den Beginn der Wettspiele angekündigt hat, sitzt dicht gedrängt unter dem Zeltdach, während sich die Alphorners Davos Klosters auf der Wiese davor im Halbkreis aufstellen. Ihr Wettlied «Seerose-Zyt» kommt beim Publikum sehr gut an. Auch die in prächtige Trachten gekleideten acht Männer und zwei Frauen sind höchst zufrieden. «Wir haben dynamisch und agogisch ausgewogen gespielt», sagt Frank Felix, «wir haben unser Bestes gegeben.» Sagts und eilt davon auf der Suche nach einem regengeschützten Ort.

«Wir haben dynamisch und agogisch ausgewogen gespielt. Wir haben unser Bestes gegeben.»Frank Felix, Alphorners Davos Klosters

Da haben es die Fahnenschwinger besser. Sie präsentieren ihre Künste im Trockenen, in der Reithalle Sporrer. Den Auftakt macht am Samstag nach der Mittagspause Hanspeter Barmittler aus Wangen SZ. Geschickt schwingt er die Fahne über dem Kopf, um den Körper und unter den Beinen durch, wirft sie hoch in die Luft und fängt sie wieder auf.

Seine Schwünge werden von einem anderen Fähnler aufmerksam beobachtet und leise kommentiert. Dabei fallen Bezeichnungen wie Rigihoch, Seitenstecher oder Pilatusstich – einige Schwünge tragen die Namen von Zentralschweizer Bergen. «Glauben Sie ihm nicht alles, er erzählt einen Seich», frotzelt ein weiterer Fahnenschwinger. Worauf ihn Ersterer als seinen «ärgsten Feind» tituliert: «Er säuft mir immer das Bier weg.»

Freundschaftliche Sticheleien

Bier gibts jedenfalls genug am Jodlerfest. Und in den 35 Festbeizen mit insgesamt rund 4000 gedeckten Sitzplätzen, die meisten davon im Jodlerdorf, sind freundschaftliche Sticheleien und Neckereien auf Schritt und Tritt zu hören. Und überall setzen Jodlerinnen und Jodler spontan zum Singen und Jutzen an, auch wenn sie verschiedenen Formationen angehören. Als wären sie eine grosse Familie.

Familiär, fröhlich und friedlich geht es zu und her am Jodlerfest. Nur vor der reformierten Kirche am Lindenplatz sind einige Besucher etwas gereizt. Sie stehen in einer Traube von Menschen, die sich alle die Jodlerwettvorträge anhören möchten. Doch die Kirche ist voll, und Türsteher Markus Ziniker vom Jodelclub Freienstein lässt nur jemanden hinein, wenn jemand die Kirche verlässt. Sein Platz sei reserviert, versucht es ein Besucher. Vergeblich. Seine Frau sei drinnen, setzt ein anderer an. Und noch ein anderer jammert, er brauche dringend seinen Regenschutz. Doch alles Bitten und Betteln nützt nichts, Ziniker lässt sich nicht erweichen und – mit seinen 1,92 Metern – schon gar nicht einschüchtern. «Die einen zeigen Verständnis für unsere Massnahmen, die anderen nicht, und die sind schlimmer als Kinder.»

«Die einen zeigen Verständnis für unsere Massnahmen, die anderen nicht, und die sind schlimmer als Kinder.»Markus Ziniker, Jodelclub Freienstein

Drinnen in der Kirche begeistert derweil der Jodlerklub Pizol Vilters aus dem Sarganserland das Publikum mit dem Lied «S Ärifeld», vorgetragen von 15 Männern und zwei Frauen. «Sensationell», schwärmt danach ein Besucher und klopft dem Vereinspräsidenten Raphael Nigg anerkennend auf die Schulter. Einige Zuhörerinnen und Zuhörer haben die Kirche zusammen mit dem Chor verlassen, somit gibt es freie Plätze. «Aber mit dem Bier lasse ich euch nicht rein», sagt der Türsteher zu zwei jungen Männern. Und, an eine junge Frau gewandt, «mit der Wurst auch nicht».

Musikgenuss ohne Dichtestress erwartet die Besucher dagegen im Jodlerbeizli, das sich als riesiges Festzelt entpuppt. Dort zeigt der Nachwuchs, was er draufhat. Die Jungjodler aus Ennetbühl SG erobern die Herzen der Gäste im Sturm. Die Hände wie die Erwachsenen tief in den Hosentaschen oder unter der Schürze ihrer Toggenburger Tracht vergraben, singen die 13 Mädchen und Buben mit glasklaren Stimmen und dürfen die Bühne erst nach einer Zugabe wieder verlassen.

Junges Alphorntalent

Eindrücklich auch die Kostprobe der erst acht Jahre alten Thurgauer Alphornbläserin Malina Grimm, die mit der Alphorn- und Büchelgruppe Sonnenberg auftritt. Seit eineinhalb Jahren nimmt sie Unterricht. Auf den Geschmack kam sie, als sie an der Olma erstmals ein Alphorn hörte. «Andere Kinder in ihrem Alter spielen Blockflöte», sagt Vater Peter Grimm schmunzelnd. Nachwuchstalente wie Malina dürften jedenfalls sicherstellen, dass der Aufschwung des urschweizerischen Brauchtums weiter anhalten wird.

Erstellt: 23.06.2019, 18:19 Uhr

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