Stadtarchiv

Viele ehemalige Heimkinder sichteten ihre Akten

Auch in Winterthur waren zahlreiche Personen von Zwangsmassnahmen betroffen. Um eine Entschädigung zu erhalten, mussten sie sich ihrer Geschichte erneut stellen.

Eine Studie der ZHAW hat die Geschichte aufgearbeitet: Blick auf das Kinder- und Jugendheim in ­Oberwinterthur (Archivaufnahme aus dem Jahr 1972).

Eine Studie der ZHAW hat die Geschichte aufgearbeitet: Blick auf das Kinder- und Jugendheim in ­Oberwinterthur (Archivaufnahme aus dem Jahr 1972). Bild: Winterthurer Bibliotheken

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Am Anfang waren es Medien­berichte, Opfer erzählten von erlittenem Unrecht in Winterthurer Kinderheimen. 2013 gab der Stadtrat die Aufarbeitung der Heimgeschichte bei der ZHAW in Auftrag, letzten Dezember legte diese das Buch «Zusammen alleine» vor – eine Untersuchung der Zustände in städtischen Heimen von 1950 bis 1990.Betroffene berichteten von übermässiger Strenge, körperlicher Züchtigung oder sexuellem Missbrauch. Andere hatten vor allem Positives zu erzählen. Wer damals Opfer einer Zwangsmassnahme wurde, konnte bis Ende März den Bund um eine Wiedergutmachung von 25 000 Franken ersuchen. Dazu braucht es Akten über die eigene Heimgeschichte, Ansprechpartnerin ist Stadtarchivarin Marlis Betschart.

Sie registrierte einen Anstieg der Anfragen für eine Akten­einsicht. In den letzten ein­einhalb Jahren, also seit die Wiedergutmachung des Bundes im Detail geregelt wurde, gelangten 64 Betroffene ans Stadtarchiv. In den Jahren 2015 und 2016 waren es gesamthaft 28 Anfragen.

Laut Stadtarchivarin Betschart handelt es sich bei den Antragstellern um ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner des Kinder- und Jugendheims Ober­winterthur oder anderer Heime. Es hätten sich jedoch auch Per­sonen gemeldet, die in Pflege­familien untergebracht waren.

Die Archivarbeit mit den Betroffenen sei teilweise aufwühlend gewesen, erzählt Betschart: «Gewisse Schicksale gehen einem nahe, es gab aber auch immer wieder Personen, die berichteten, dass sie es gut hatten im Heim oder in der Pflegefamilie.» Hinweise auf bisher nicht bekannte strukturelle Missstände erkannte die Stadtarchivarin nicht.

Offen bleibt, wie viele dieser Personen nun tatsächlich beim Bund ein Wiedergutmachungsgesuch gestellt haben. Der Bund selber schlüsselt die Zahlen nur nach Kantonen auf. Aus Zürich gingen bis zum Eingabeende ­etwas über 1000 Gesuche ein.

Gründe, sich nicht zu melden

Opferverbände rechnen allerdings mit deutlich höheren Opferzahlen, als es die Anzahl Gesuche um Wiedergutmachung oder auch die Anzahl Gesuche um Akteneinsicht suggerieren. Der Frage, warum nicht alle Opfer für­sorgerischer Zwangsmassnahmen ein Gesuch stellen, nahmen sich verschiedene Forschungsarbeiten an. Folgende Gründe werden unter anderem genannt:

Viele der Betroffenen sind verstorben oder sie sind gesundheitlich nicht in der Lage, ein ­Gesuch zu stellen.

Bei einigen Betroffenen ist das Misstrauen gegenüber den Behörden, denen sie sich einst ausgeliefert fühlten, zu hoch und die Konfrontation mit der Vergangenheit zu belastend.

Bei einigen Betroffenen überwiegt die Angst vor einem «Outing», sie haben sich teilweise nicht einmal ihren Angehörigen als Opfer von Zwangsmassnahmen zu erkennen gegeben.

Behörden und Forschende ­gehen deshalb davon aus, dass in Winterthur, wie auch in anderen Teilen der Schweiz, klar mehr Personen von Zwangsmassnahmen betroffen waren als derzeit bekannt. (Der Landbote)

Erstellt: 08.07.2018, 19:15 Uhr

Aufruf

Keine Akten zum Kinderheim Flüeli

Vor 100 Jahren war es offenbar recht einfach, als Einzelperson ein privates Kinderheim zu eröffnen. Bekannt ist das ehemalige Kinderheim Flüeli am Veltemer Wolfensberg: Das Gebäude wurde 1924 an einen Anton Meili verkauft, dessen Schwester Ida Pellegrini, von Beruf Krankenschwester, dort ein Kinderheim gründete. In diesem 1926 nach einem Brand wieder aufgebauten Chalet, das heute noch steht, wohnten bis 1939 Heimkinder.
Bei Stadtarchivarin Marlis Betschart meldete sich ein Mann, der in dem Heim aufwuchs und von gesundheitlichen Beeinträchtigungen mit Folgen bis heute berichtete. Aus dem Heim seien jedoch keine Akten überliefert. Bekannt sei nur, dass man die Kinder im Juni 1939 ins städtische Waisenhaus verlegte und das Flüeli geschlossen wurde.
Deshalb der Aufruf an die «Landbote»-Leserschaft: Wissen Sie etwas über das Kinderheim Flüeli? Oder möchten Sie uns Ihre Heimgeschichte erzählen? Rufen Sie an, schreiben Sie uns oder kommen Sie am Garnmarkt 10 vorbei: 052 266 99 31, ­lokal@landbote.ch. mpl

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