Wiesendangen

Viele Flugblätter kursieren - ein Faktencheck

In einer Woche stimmen die Wiesendangerinnen und Wiesendanger an der Urne über die Einzonung von 12 Hektaren Landwirtschaftsland ab. In der Gemeinde kursieren gleich fünf Flyer. Mit den Fakten nimmt man es nicht immer so genau.

12 Hektaren Landwirtschaftsland an der Alten Frauenfelderstrasse könnten dereinst Gewerbeland sein. Die Wiesendanger entscheiden an der Urne darüber.

12 Hektaren Landwirtschaftsland an der Alten Frauenfelderstrasse könnten dereinst Gewerbeland sein. Die Wiesendanger entscheiden an der Urne darüber. Bild: Heinz Kramer

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Langsam haben die Wiesendanger Übung darin, über das geplante Gewerbegebiet abzustimmen. Bereits zum dritten Mal innert 17 Monaten dürfen die Einwohner am 10. Februar ihre Meinung dazu abgeben. Die Stimmung ist emotional aufgeladen, mit Flyern versucht jede Seite zu mobilisieren. Der «Landbote» hat sich die Flugblätter mal genauer angesehen.

Gegner Christoph Herzog

Der Flyer von Einwohner Christoph Herzog arbeitet mit emotionalen Bildern: Grüne Wiese mit Sonnenblumen werde zerstört. Das Bild scheint bearbeitet zu sein, denn keiner kann sich daran erinnern, dass dort mal Sonnenblumen blühten. Im Dorf wird die vermeintliche Bildmontage schon als «Sonnenblumengate» bezeichnet.

Sonnenblumen auf dem Flugblatt von Gegner Christoph Herzog.

Argument: Natur zerstören - Geld kassieren. Stimmt! Geld wird mit der Einzonung fliessen. Aber im Text zieht Herzog den Vergleich zur Regenwaldzerstörung in Brasilien. Auch wenn auf dieser Wiese sicher ein paar Insekten leben, ein Inbegriff der Artenvielfalt ist sie bestimmt nicht.

Argument: Mehr Lärm, mehr Gestank und noch mehr Verkehr. Ungewiss. Herzog nennt einen Vorfall in Neftenbach im September als Horrorszenario: Damals brachte das Belagswerk Tobega 2000 Einwohner während dreier Tage um den Schlaf. Schuld am aussergewöhnlichen Lärm war allerdings ein defektes Lager am Hauptmotor. Im geplanten Gewerbegebiet in Wiesendangen wären tatsächlich «stark störende Betriebe» zugelassen. Lauter als 60 Dezibel dürfte der Lärm im Wohngebiet Im Ländli aber nicht sein. Das wäre so laut wie ein Rasenmäher aus zehn Metern Entfernung oder ein Gespräch.

Ob es wirklich mehr Verkehr geben wird, ist nicht klar vorauszusagen, solange man nicht weiss, welche Betriebe auf dem Gelände bauen werden. Klar ist, dass «stark verkehrserzeugende Nutzungen» nicht erlaubt sind. Als solche gelten Betriebe mit mehr als 50 Parkplätzen oder 120 pro Hektare.

Komitee Pro Gewerbepark

Mit einem Familienfoto, auf dem drei Generationen zu sehen sind, wirbt das Komitee für ein Ja. Ob sich die Wiesendanger Kinder wirklich «am meisten auf ein kleines Seeli» freuen, sei dahingestellt. Da wird es emotional. Einige Fakten aus der Liste auf der Rückseite des Flyers präsentieren sich im Check wie folgt:

Argument: Die Wiesendanger können mitgestalten. Stimmt! Es gibt öffentliche Auflagen und ein im Grundbuch vertraglich verankerter Beirat für die Entwicklung des Gebiets.

Das Komitee Pro Gewerbepark wirb mit den Nutzen für alle Generationen.

Argument: Der Platz wird für das Gewerbe dringend benötigt. Stimmt! Laut der Standortförderung House of Winterthur wurden in den vergangenen zwei Jahren rund 8,5 Hektaren Land für 14 Gewerbetreibende mit insgesamt 965 Mitarbeitenden nachgefragt. Diese Zahlen veröffentlichte die Regionalplanung Winterthur und Umgebung (RWU) diese Woche. Sie setzt sich für die Einzonung ein, weil sie das Verhältnis von Einwohnern und Arbeitsplätzen verbessern will. Die Schaffung von Arbeitsplätzen in der Region habe sehr hohe Priorität, schreibt die RWU in einer Mitteilung.

Argument: Das Land ist im Kanton ausgeschieden und durch höherklassiges Ackerland kompensiert. Stimmt bedingt! Das Arbeitsplatzgebiet wurde 2014 in den Richtplan aufgenommen. Damals wurden alle Flächen im Kanton Zürich überprüft. Das Siedlungsgebiet, in dem überhaupt gebaut werden darf, wurde laut der Baudirektion im Richtplan insgesamt verkleinert. In Wiesendangen wurde also an gut erschlossener Lage das Gewerbegebiet in den Plan aufgenommen, in anderen, zum Beispiel sehr ländlichen Gebieten, wurde das Siedlungsgebiet jedoch verkleinert. Im Siedlungsgebiet werden keine Fruchtfolgeflächen ausgeschieden, darum müssen diese nach der Einzonung auch nicht kompensiert werden.

Argument: Bessere ÖV-Verbindungen werten Wiesendangen und die umliegenden Gegenden auf. Stimmt zwar, aber diese Verbindungen sind noch kein Fakt. Das Arbeitsplatzgebiet erhöht aber wohl die Chancen, dass es in Zukunft bessere Verbindungen geben wird.

Weiter wird mit Grünflächen und umweltfreundlicher Bebauung geworben. Die Grundlagen dafür wurden von der Gemeinde definitiv geschaffen, indem sie gewisse Auflagen schon jetzt vertraglich festhält. Ob die Wiesendanger in dem Gebiet dann wirklich ein «Leuchtturmprojekt» sehen und «stolz» darauf sind, sei ihnen dann selbst überlassen. Hier wird es wieder emotional.

Grünliberale Wiesendangen

Die Grünliberale Partei Wiesendangen-Bertschikon wirbt mit einem Foto der Wiese, dahinter ist ein Wäldchen zu sehen. Sie zielt auf die idyllische Natur ab.

Die GLP Wiesendangen ist gegen die Einzonung und wirbt mit der grünen Wiese.

Argument: Ein Nein stoppt die Zersiedelung. Falsch! Das Gebiet ist von Strassen umschlossen. Deshalb ist auch der Bauernverband für die Einzonung. Wenn mehrere Gemeinden ein eigenes Gebiet einzonen würden, wäre der Landverlust durch Erschliessungsstrassen grösser.

Argument: Es gibt unverbautes und schlecht genutztes Gewerbegebiet in der Region. Stimmt! Der Tenor der GLP: Zuerst das bestehende Gebiet nutzen, erst dann soll eingezont werden. Allerdings ist keines der Gebiete in der Region so attraktiv wie jenes in Wiesendangen, weil diese teils schlecht erschlossen, zu klein oder schon bebaut sind.

Die Partei übt zudem grundsätzliche Wachstumskritik: Mehr Arbeitsplätze würden am Ende zu mehr Wohnungen und Infrastruktur führen. Ungewiss. Das Gebiet ist bereits gut erschlossen, die Infrastruktur teils vorhanden. Ob es mehr Wohnungen brauchen wird, ist von den Firmen abhängig, die sich dereinst dort ansiedeln würden.

Befürworter Kurt Meier

Der Wiesendanger Kurt Meier hat sich auch die Mühe eines Faktenchecks gemacht und einen Flyer kreiert. Auch er verzichtet nicht gänzlich auf die emotionale Schiene, indem er sein Dokument mit einer fliegenden Biene bebildert. Aber seine Argumentation stimmt grösstenteils.

Die Bienen sterben nicht, sagt der Befürworter Kurt Meier auf seinem Flugblatt.

Argument: Die Gemeinde hat alle Vorgaben zur verkehrs-, lärm- und umwelttechnischen Optimierung im Grundbuch verankert und ermöglicht das Mitspracherecht der Bevölkerung. Stimmt! Vorgaben und die Einsetzung eines Beirats sind vertraglich festgehalten.Ob «hässliche» Industriebauten so verhindert werden, wie Meier schreibt, sei dahingestellt. Denn Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters.

Argument: Auch Meier widerlegt, dass ein Überangebot an Gewerbeflächen besteht, und bezieht sich dabei auf die Standortförderung. Doch er schreibt: «Kulturland wird zu 100 Prozent kompensiert.» Das ist wiederum nur bedingt richtig (siehe Check des Flyers Komitee Pro Gewerbegebiet).

Argument: Bienen und Artenvielfalt sterben nicht, weil eine ökologische Gestaltung rund um die Gewerbegebäude der Artenvielfalt mehr bringe als eine landwirtschaftlich genutzte Wiese mit Düngern und Herbiziden. Hier wirds emotional, aber recht hat er.

IG Nein zum Gewerbegebiet

Es hat an anderen Orten genügend Platz und es entsteht nur mehr Verkehr: So lässt sich der Flyer der anonym auftretenden IG Nein zum Gewerbegebiet zusammenfassen.

Ganz anonym kämpft die IG Nein zum Gewerbegebiet gegen die Einzonung.

Argument: Mehrere 100 verfügbare Gewerbeobjekte soll es in einem Umkreis von zehn Kilometern um Wiesendangen geben. Stimmt! Im Internet finden sich tatsächlich beinahe 500 Gewerbeobjekte innerhalb dieses Radius. Das Angebot ist allerdings sehr bunt gemischt. So befinden sich etwa Läden, Restaurants, viele Büros oder Lagerhallen darunter. Oftmals auch in der Stadt. Eine so grosse Fläche am Stück mit einer Erschliessung durch Bahnhof und Autobahn findet sich aber nicht.

Argument: Das Gewerbegebiet ist zu gross und am falschen Ort. Stimmt nicht! Denn objektiv gesehen gibt es wohl kaum eine bessere Lage. Sonst hätte es keinen Platz im Richtplan gefunden.

Argument: 17000 Fahrzeuge passieren jeden Tag die Frauenfelderstrasse. Stimmt! Es sind gleich viele, wie durchschnittlich den Gotthardtunnel passieren, wie Zahlen des Bundesamts für Strassen bestätigen.

Argument: Die Erschliessungsstrasse Neuhegi wurde zurückgestuft. Stimmt! Der Schleichverkehr über Wiesendangen wird vorerst nicht abnehmen. Das ist allerdings ein Problem, das sich durch ein Nein zum Gewerbegebiet nicht löst.

Argument: Durch die Einzonung wird erstklassiges Kulturland vernichtet. Falsch! Laut der landwirtschaftlichen Nutzungseignungskarte des Kantons ist das Kulturland nicht der ersten Klasse zuzuordnen.

Fazit

Beide Seiten, Befürworter wie Gegner dieser Einzonung, halten sich nicht immer ganz an die Fakten. Jeder versucht zudem, Emotionen zu wecken. Interessant ist: Auf keinem der Flugblätter wird über das Geld gesprochen, das die Gemeinde durch die Mehrwertabschöpfung in die eigene Kasse stecken könnte, weil der Kanton noch keine Regelung für die Abschöpfung erlassen hat.

Viele der vermeintlichen Fakten lassen sich heute noch nicht klar voraussagen und so werden, je nach Gesinnung, Horror- oder goldene Zukunftsszenarien gemalt. Klar ist: Diese Abstimmung wird das Dorf die nächsten Jahrzehnte prägen.

Erstellt: 02.02.2019, 10:52 Uhr

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