Obertor

Vielfalt für eine begrenzte Zeit

Wo früher die Regale eines Spar-Lebensmittelladens standen, bieten jetzt Kulturschaffende und Kleinunternehmer ihre Produkte an. Betreut wird die Lokalität vom Verein Inzwischen.

Papierblumen, Olivenöl und Figurenwerkstatt: Das Lokal am Obertor 22 wirkt aufgeräumt.

Papierblumen, Olivenöl und Figurenwerkstatt: Das Lokal am Obertor 22 wirkt aufgeräumt. Bild: Marc Dahinden

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Was haben das Figurentheater, ein Hersteller von Olivenöl und ein Kaffeelabor gemeinsam? Sie sind seit kurzem Nachbarn im ehemaligen Ladenlokal der Spar-Kette am Obertor. Das Nebeneinander ganz unterschiedlicher Angebote erinnert an eine Gewerbeausstellung, die Lampen an der Decke stammen noch vom Vormieter. Am Pressetermin sind die meisten anwesend. Als «Showroom» für sein naturbelassenes Olivenöl aus Kalabrien begreift Mario Iapichino sein Abteil, das ganz hinten liegt. Er könne nicht oft hier sein, sagt der Leiter einer Zürcher Druckerei, der gerne das aufwendige Herstellungsverfahren seines Produktes erklärt, aber man könne sein Olivenöl auch bei Hako kaufen, im Getränkeladen, der ganz vorne viel Raum einnimmt. Hako ist für ein paar Monate eingezogen, bis das Ladenlokal an der Steinberggasse umgebaut ist.Als Erstes richtete der Zürcher Christoph Huber sein Kaffeelabor Barrel Cold Brew ein, das sich auf kalt «gebrauten» Kaffee spezialisiert hat, eine langsame Herstellungsmethode, bei der man grob gemahlenen Kaffee über Nacht im kalten Wasser ziehen lässt; damit soll die Freisetzung der Bitterstoffe verhindert werden.

Die Zusammensetzung des Angebots wirkt tatsächlich nicht abgesprochen, aber insgesamt dominiert die Kunst: Ursula Bienz vom Figurentheater betreibt eine offene Figurenwerkstatt; bei Daniela Stojsic kann man Papierblumen herstellen; die Schreibwerkstatt von Jasmin Gadola bietet literarische, journalistische und Werbetexte an; der Maler Harold Cueva Vasquez zeigt seine vielgesichtigen Bilder; Harald Andrà malt bunt und abstrakt. Auch die Künstlerin Christa Rogger hat ihr Atelier eingerichtet, sie macht vor allem Skulpturen und Druckgrafiken; ab 3. Juni stellt sich im vorderen Bereich des Lokals der Verein Echtpunkt, in dem sie Mitglied ist, mit einer Kunstausstellung vor.

Anderthalb Jahre sondiert

Die Liegenschaft gehört der Stadt Winterthur, sie wird nächstes Jahr umgebaut. Bis dahin stünde das Erdgeschoss wohl leer, wenn es den Verein Inzwischen nicht gäbe. Der 2016 gegründete Verein hat sich auf Zwischennutzungen spezialisiert. Er mietet den Raum und vermittelt ihn an Untermieter weiter. Das ehemalige Ladenlokal am Obertor ist das erste Testobjekt. Als Untermieter infrage kämen generell Kulturschaffende, aber auch Start-ups, soziale und Gastroprojekte, sagt Jane Wakefield vom Verein; im Untergeschoss können zudem Lagerräume gemietet werden. Die frühere Programmchefin der Winterthurer Musikfestwochen hat mit den Zwischennutzungen eine Marktlücke entdeckt. Als Co-Leiterin der Geschäftsstelle der Kulturlobby Winterthur kennt sie die Bedürfnisse der Kulturschaffenden. Wichtig sei die zentrale Lage, das habe eine Umfrage ergeben.

Anderthalb Jahre dauerte es von der Vereinsgründung bis zur Realisierung des ersten Projekts, sagt Wakefield. In dieser Zeit hätten die fünf Vereinsmitglieder ihr Anliegen an unzähligen Kommissionssitzungen der städtischen Verwaltung vorgestellt. Alle hätten es gut gefunden, niemand habe sich am Ende dafür zuständig gefühlt. Eine Anschubfinanzierung durch den Kanton gab schliesslich den Startschuss. Damit konnte die erste Miete bezahlt werden. Hinzu kommen günstige Bedingungen der städ­tischen Immobilienabteilung: «Wir bezahlen für den Quadratmeter erst dann, wenn wir ihn brauchen, das macht eine langsame Entwicklung möglich.» Private Immobilienbesitzer sind in der Regel weniger flexibel.

«Wir wollen Nutzen schaffen, nicht Verdienst», erklärt Wakefield das Credo des Vereins. Dennoch würden auch ökonomische Werte entstehen. Der Stadtrat ist mit nicht weniger als vier Mitgliedern zum Medienanlass gekommen, auch Kulturbereichsleiterin Nicole Kurmann ist da, um sich ein Bild zu machen. Städtisches Geld gebe es dafür nicht, sagt Kurmann. Bei der Vereinsgründung, sagt Wakefield, habe ein hoher Politiker zehn Franken Startkapital eingeschossen, eine hübsche Gründungslegende, die die Interessenlage gut zusammenfasst.

Vorbild aus Basel

Als Vorbild für Inzwischen diente der Verein Unterdessen aus Basel, sagt Wakefield; dessen Mitgründerin, die Architektin Barbara Buser, war bei der Gestaltung des Winterthurer Lagerplatzes federführend. Für die Zukunft im Blick habe man frei werdende Räume im Polizeigebäude gleich gegenüber, zudem in der Lok­stadt auf dem Sulzer-Areal sowie auf dem Rieter-Areal. «Wir finden es wichtig, lokale Player dafür zu finden.»

Mit dabei im Verein sind Ma­nuela Schläpfer vom Gaswerk und die Kulturmanagerin Yvonne Dünki, Valentin Ismail vom Basler Verein Unterdessen und die aus Aarau stammende Schulleiterin Nadine Basler, die seit zwanzig Jahren im Kulturbereich tätig ist. Sie betreut das Projekt Obertor 22. Zu Beginn sei sie skeptisch gewesen, ob genügend Kulturschaffende bereit wären, an diesem offen sichtbaren Ort zu arbeiten, sagt Basler. Beim Start im November 2017 war mit dem Kaffeelabor erst ein Nutzer vorhanden, seit März ist das Lokal jedoch voll besetzt. Es gebe eine Warteliste mit achtzig Interessenten.

Vor allem im Eingangsbereich ist die Vergangenheit des Lokals gut spürbar, weiter hinten sieht es eher aus wie in einem gut aufgeräumten Wohnzimmer. «Investitionen lohnen sich erst ab einer Laufzeit von drei Jahren», erklärt Basler. Das Experiment am Obertor dauert rund anderthalb Jahre, bis Ende Juni 2019.


Vernissage Künstlergruppe Echtpunkt: Sonntag, 3. 6., 12 bis 16 Uhr, Obertor 22. Bis 24. 6. www.inzwischen.ch. (Der Landbote)

Erstellt: 27.05.2018, 17:49 Uhr

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