Weisslingen

Von 5 Uhr morgens bis 10 vor 10

Helmut Fröhlich ist bald 80 und immer noch nicht im Ruhestand. Denn alle zwei Wochen produziert er im Auftrag der Gemeinde Weisslingen das lokale Mitteilungsblatt – als Ein-Mann-Betrieb.

Helmut Fröhlich will seine Arbeit in eineinhalb Jahren niederlegen und sich mehr der Musik widmen.

Helmut Fröhlich will seine Arbeit in eineinhalb Jahren niederlegen und sich mehr der Musik widmen. Bild: Madeleine Schoder

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Morgens um vier Uhr sieht er Füchse, wenn er aus dem Fenster blickt. Helmut Fröhlich ist Frühaufsteher und Redaktor. Seit bald zehn Jahren produziert er im Auftrag der Gemeinde das Lokalblatt von Weisslingen, das zweimal im Monat erscheint und durchschnittlich 60 A5-Seiten dick ist. Und er tut es bei sich zuhause.

Im ersten Stock seines Einfamilienhauses hat er sich ein kleines Redaktionsbüro eingerichtet. Von dort aus hat er auch einen freien Blick zum Waldrand und der davor liegenden unbebauten grünen Wiese. Auf ihr tummeln sich regelmässig wilde Tiere, früher sogar Rehe.

 Seit bald zehn Jahren produziert Helmut Fröhlich das Lokalblatt von Weisslingen im Alleingang.

Die Arbeitstage des bald 80-Jährigen sind lang. Denn er layoutet, schreibt, redigiert, korrigiert und fotografiert im Alleingang – und er akquiriert auch noch Inserate. Denn diese müssen die Gestaltung, also eigentlich seine Arbeit, decken. Die meisten Beiträge werden zwar eingesandt. Einiges schreibt er aber auch selbst.

Morgens um 5 Uhr liest er als erstes die Tageszeitungen, die er aus dem Briefkasten holt. Danach überprüft er seinen elektronischen Posteingang und bearbeitet die eingegangenen Nachrichten, von unten nach oben, wie er sagt – also die ältesten zuerst. Die Seiten, die er schon produziert, also ins Layout gesetzt hat, druckt er aus. Nach dem Mittagessen gönnt er sich einen einstündigen Mittagsschlaf. Und arbeitet anschliessend weiter – bis um zehn vor zehn. Damit er sich die gleichnamige Nachrichtensendung im Schweizer Fernsehen ansehen kann.

Von Deutschland nach Weisslingen

Helmut Fröhlich ist im deutschen Speyer am Rhein geboren. «Dort, wo Helmut Kohl begraben ist», sagt er. Nur wer gut hinhört, bemerkt noch einen leichten deutschen Akzent. Er habe eigentlich Pfarrer werden wollen, gesteht er. Der Vater war Mitglied des Synodalrats, er selbst hat oft die Bibel gelesen. «So kommt man ins Thema hinein.» Als dann aber der Vater starb – ein Stipendium nach dem Krieg gab es damals noch nicht – lag ein Studium nicht mehr drin. «Also habe ich die erstbeste Lehre angefangen.» Und das war Schriftsetzer. «Ich wusste damals nicht einmal, was das ist.»

In der Druckerei, in der er als Inseratesetzer arbeitete, entdeckte er später das Inserat, das seine weitere Zukunft bestimmen sollte: Die Buchdruckerei Gutenberg im Zürcher Oberländer Wald suchte einen Schriftsetzer. Er bewarb sich und bekam die Stelle. Ein bis zwei Jahre wollte er in der Schweiz bleiben. Doch er blieb für immer.

 «Eigentlich wollte ich Pfarrer werden.»Helmut Fröhlich

Er heiratete eine Schweizerin, mit der er drei erwachsene Kinder hat. Zwei davon sind Zwillinge. Seine zweite Frau Rosmarie, mit der er mittlerweile 25 Jahre verheiratet ist, brachte zwei weitere Kinder in die Ehe. Nach Weisslingen zog Fröhlich vor fast 30 Jahren.

Die Buchdruckerei in Wetzikon und die Firma Schellenberg Druck in Pfäffikon gehören zu seinen weiteren beruflichen Stationen. So arbeitete er für das Volksblatt vom Bachtel, den Zürcher Oberländer und war erster Chefredaktor des «PfäffikerIN», dem Mitteilungsblatt von Pfäffikon, das monatlich erscheint und bei dessen Geburt er massgeblich beteiligt war.

Nie länger als eine Woche Ferien

Zum Weisslinger Mitteilungsblatt kam er, weil er dem Gewerbe einen Gefallen tun wollte. Er sass im Vorstand des Gewerbevereins. Und die Gewerbetreibenden beschwerten sich bei ihm, weil sie im damaligen Lokalblatt nicht inserieren durften. Er sprach mit dem Gemeindepräsidenten, legte ihm ein Konzept und eine Nullnummer vor. Fortan sollte er es produzieren.

Zeitlich traf sich das gut, denn Fröhlich war bereits pensioniert und wollte das Inseratebüro, das er für die Handelskammer Deutschland Schweiz noch betrieb, gerade aufgeben. Seither hat er nie mehr als eine Woche am Stück Ferien gemacht. Nicht gerade zur Freude seiner Frau, wie er einräumt.

Doch in eineinhalb Jahren wird sich das ändern. Denn dann übergibt er das Mitteilungsblatt an seine Nachfolgerin Elisabeth Partridge. Sie ist vor wenigen Wochen ins kalte Wasser geworfen worden. Denn Fröhlich musste unerwartet ins Spital. Beim Einsetzen eines Herzschrittmachers ist es zu Komplikationen gekommen. Mittlerweile geht es ihm wieder gut.

«Für die muss ich aber nichts tun»

Fröhlich will dann, sofern es seine Gesundheit zulässt, wieder mehr Musik machen. In seinem Keller stehen zwei Schwyzerörgeli, zwei Steirische, ein fünfchöriges Knopfgriffakkordeon und ein Keyboard.

Er verfügt über ein grosses musiktheoretisches Wissen. Seit 25 Jahren dirigiert er mittwochabends die Hinwiler Musikformation Nyffeler Oldies. Er arrangiert, komponiert und transponiert, das heisst, übertragt Musiknoten in eine andere Tonart. Nebenbei ist er noch Mitglied des Historischen Vereins Weisslingen. «Für die muss ich aber nichts tun», sagt er lachend.

(Der Landbote)

Erstellt: 10.06.2018, 16:24 Uhr

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