Winterthur

Wann verschwindet der Dieselbus?

Während in China ganze Millionenstädte ihre Busflotte auf Batteriebetrieb umstellen, setzt Stadtbus in Winterthur weiterhin auf Diesel- und Trolleybusse. Und ist trotzdem überzeugt, das Zukunftsrezept gefunden zu haben.

Ihnen gehört die Zukunft: Trolleybusse im Stadtbus-Kleid. Mit Batteriepaketen ausgerüstet, können sie Teilstrecken auch ohne Oberleitung zurücklegen. Fast alle heutigen Dieselbus-Linien liessen sich auch so betreiben.

Ihnen gehört die Zukunft: Trolleybusse im Stadtbus-Kleid. Mit Batteriepaketen ausgerüstet, können sie Teilstrecken auch ohne Oberleitung zurücklegen. Fast alle heutigen Dieselbus-Linien liessen sich auch so betreiben. Bild: Andreas Heer

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In Winterthur gibt es die Busstation «Rudolf Diesel». Vielleicht sollte man sie in «Nikolai Tesla» umtaufen. Die Elektromobilität ist auf dem Vormarsch, der Verbrennungsmotor stottert. Am rasantesten passiert das in China. Über 100 000 Busse pro Jahr wurden in der Volksrepublik China seit 2015 in Verkehr gesetzt. Die Metropole Shenzhen fährt seit letztem Jahr rein elektrisch und spart so nach offiziellen Angaben 1,35 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Der ortsansässige Hersteller Build Your Dream (BYD) beziffert die Reichweite seiner Fahrzeuge mit 250 Kilometern.

Europa im Rückstand?

Und Winterthur? Hier fährt kein einziger Batteriebus. Und der im Frühling getestete Swisstrolley+ des Herstellers Hess schafft ohne Oberleitung gerade einmal 20 Kilometer. «Das wäre vielleicht vor zehn Jahren noch eine Innovation gewesen», kritisierte ein Leserbriefschreiber den Versuch. «Heute ist es nur noch ein Zeugnis des riesigen Rückstands der europäischen Busindustrie.» Er vermutet: Mit modernen Batteriebussen müsste es möglich sein, die Dieselbusse zu ersetzen und vielleicht die Trolleybusse mit ihren teuer zu wartenden Fahrleitungen gleich dazu.

Ein Blick nach Schaffhausen nährt diesen Verdacht. Dort sollen bis 2027 alle Busse auf Elektrobetrieb umgestellt sein. Mit 33 zu einer Stimme hat der Grosse Stadtrat die entsprechende Vorlage des Finanzvorstands Daniel Preisig - eines SVP-Manns - im August letzten Jahres angenommen. Schaffhausen feiert sich als Pionierstadt und behauptet, mit dem Umstieg spare man sogar Geld.

«Bei Stadtbus planen wir für die Umwelt und die Passagiere und nicht für den Hochglanzprospekt.»Thomas Nideröst, Direktor Stadtbus

Fahren die schlauen Schaffhauser und Chinesen den Winterthurern um die Ohren? Stadtbus-Chef Thomas Nideröst verneint. «Bei Stadtbus planen wir für die Umwelt und die Passagiere und nicht für den Hochglanzprospekt.» In Winterthur sei der Handlungsdruck schlicht nicht so gross, weil man dank des grossen Trolleybus-Netzes in einer viel besseren Ausgangslage sei als viele andere Städte, wo der Diesel dominiert. «Schon heute werden über die Hälfte aller Kilometer elektrisch gefahren», sagt Nideröst. «Bei den Passagieren sind es sogar über 70 Prozent.»

In China sei die Nachfrage nach Elektrobussen vor allem deshalb so gross, weil die Luftverschmutzung in den Grossstädten so massiv ist. Entsprechend stünden für die chinesischen Städte weder die Kosten noch die Umweltbilanz im Vordergrund.

Chinas Reichweiten-Bluff

Für den Winterthurer Einsatz wären diese Busse nur bedingt geeignet, es sind meist kurze 12-Meter-Busse, während bei Stadtbus der Grossteil der Flotte aus Gelenkbussen besteht. Und auch die kompakten China-Busse können die versprochenen Reichweiten nicht einlösen. «In der Realität kommt man nicht mal annähernd so weit», schrieb China-Korrespondent Christoph Giesen im Mai im «Tages-Anzeiger». Im Winter, wenn geheizt werden muss, schmilzt der Bewegungsradius auf 100 Kilometer.

Das ist zu wenig für ein Winterthurer Tagesleistung. Ein Stadtbus ist zudem bis zu 21 Stunden am Tag im Einsatz. Die Zeit im Depot reicht nicht aus, um die Batterie vollzuladen. Stadtbus hat es ausrechnen lassen: Würde man, wie Shenzhen, auf Batteriebusse umsteigen, bräuchte man fast doppelt so viele Fahrzeuge wie heute und auch mehr Personal. Chinas Vorsprung, er fusst bisher weniger auf überlegener Technologie denn auf Luftverschmutzung, Staatssubventionen und tiefen Personalkosten.

«Stadtbus ist in einer starken Ausgangslage. Wir transportieren schon heute 70 Prozent aller Passagiere elektrisch.»Thomas Nideröst

Dass reine Batteriebusse mit Nachtladung nicht ausreichen, hat auch Schaffhausen gemerkt. Dort setzt man auf E-Busse mit Kurzladung: Am Bahnhofsplatz und an Endhaltestellen sollen die Busse die Fühler ausfahren und an einer strassenlampenartigen Ladesäule ein paar Minuten lang Strom zapfen. Nideröst ist nicht sicher, ob die Schaffhauser an dieser Lösung Freude haben werden: «Die Investitionen sind gross und durch die hohen Ladeströme kann es zu einem hochfrequenten Pfeifton kommen.»

Oberleitung als Tankstelle

Stadtbus setzt darum auf eine andere Energiequelle: die guten alten Oberleitungen, die entlang aller wichtigen Achsen und im Zentrum bereits vorhanden sind. Im Stadtkern laden die Busse über die Stromabnehmer (Pantografen) ihre Akkus auf, weiter draussen koppeln sie ab und fahren im Batteriebetrieb weiter.

«Wir haben vor, das beste System zu beschaffen.»Thomas Nideröst

Die neu geplante Durchmesserlinie 7 vom Bahnhof Wülflingen nach Hegi lässt sich so mit einem kleinen Ausbau der Oberleitungen um wenige hundert Meter im Schlosstal und an der Sulzer-Allee auf Elektrobetrieb umstellen. Damit fahren in einigen Jahren bereits 85 Prozent der Stadtbus-Passagiere elektrisch.

Nideröst geht davon aus, dass auch die restlichen Dieselbusse auf Elektrobetrieb umgestellt werden. Die nächste grosse Ersatzbeschaffung für Dieselbusse steht 2021 bis 2023 an. «Da werden wir bereits Offerten für Elektrobusse prüfen», verspricht er. Auch chinesische Hersteller dürfen dann anbieten, sofern sie eine Vertretung und Servicepartner in der Schweiz haben. Wochenlang auf Ersatzteile zu warten sei nämlich keine Option.

Wenn E-Busse dreckiger sind

Eine Zahl wird jedenfalls nicht den Ausschlag geben: die Reichweite. «Sie muss ausreichen», sagt Nideröst. «Aber im Zweifelsfall nehmen wir lieber eine kleinere Batterie und haben dafür mehr Platz für Passagiere.» Nideröst und seine Mitarbeiter sitzen in diversen Arbeitsgruppen von Schweizer Verkehrsunternehmen, um technisch am Ball zu bleiben.

«Im Zweifelsfall nehmen wir lieber eine kleinere Batterie und haben dafür mehr Platz für Passagiere.»Thomas Nideröst

Da sehe man zum Teil auch fragwürdige Methoden, wie sich Verkehrsbetriebe als «umweltfreundlich» und modern inszenieren, sagt Nideröst. «Die meisten Hybdridbusse haben eine schlechtere Umweltbilanz als unsere Dieselbusse und werden trotzdem gekauft und beworben.» Und viele Elektrobusse hätten für Heizung ein Dieselaggregat auf dem Dach. «Das braucht fast gleich viel Energie wie der Antrieb, doch es unterliegt nicht denselben strengen Abgasvorschriften.»

Studie gibt Stadtbus recht

Nideröst ist überzeugt: «Wir haben vor, das beste System zu beschaffen.» Eine Machbarkeitsstudie, die Stadtbus letztes Jahr bei der Fachhochschule Nordwestschweiz bestellt hat, bestätigt, dass das Laden per Oberleitung für Winterthur die beste Option sei, allenfalls ergänzt durch eine Schnellladestation für die Linien 4 und 11.

In zwei bis drei Jahren wird Stadtbus neue Trolleybusse beschaffen. Nach dem zufriedenstellenden Test kündigte Stadtbus bereits im April an, man werde dannzumal auf die «zukunftsorientierte Technologie» des Batterie-Trolleys setzen.

(Der Landbote)

Erstellt: 24.06.2018, 14:46 Uhr

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