Winterthur

Warum eine sprechende Küchenwaage so beliebt ist

Vor einem Jahr eröffnete Stefan Hofmann den schweizweit ersten Blindenladen mit blinden Verkäufern. Sein Gedanke: Betroffene können am besten beraten. Funktioniert das Konzept?

Stefan Hofmann vor einem Jahr kurz vor der Eröffnung von «Tools 4 The Blind».

Stefan Hofmann vor einem Jahr kurz vor der Eröffnung von «Tools 4 The Blind». Bild: Madeleine Schoder

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Das Medienecho war gross, als Stefan Hofmann vor einem Jahr den Blindenladen «Tools 4 The Blind» eröffnete. Regionalzeitungen berichteten, das Radio und selbst das Fernsehen schauten vorbei. Nach dem SRF-Beitrag kamen sogar Kunden aus der Westschweiz zu ihm an die Wartstrasse. «Und dabei ist mein Französisch so schlecht», sagt der 50-Jährige und lacht.

Das Geschäft laufe besser als erwartet. «Wir schreiben schwarze Zahlen, wenn auch nur knapp.» Er habe bereits viele ältere Kunden vom nahegelegenen Alterszentrum Konradhof.

Besonders gut verkauft Hofmann Haushaltsprodukte. Das sind beispielsweise Backhandschuhe, die übers Handgelenk reichen, damit man sich nicht verbrennt, wenn man ohne zu sehen einen Kuchen aus dem Ofen nehmen möchte. Auch seine sprechende Küchenwaage oder eine Füllstandsanzeige, die die Wassermenge einer Tasse Tee vorliest, sind beliebt. «Es sind zwar kleine Dinge, die im Alltag einer sehbehinderten Person aber sehr wichtig sind», sagt er.

Von Apple unterstützt

Trotzdem läuft es für ihn noch nicht gut genug. Vor ein paar Monaten wollte Hofmann einen Blinden im 20-Prozent-Pensum einstellen. Er musste ihm aber wieder kündigen – «es gab einfach nicht genügend Arbeit». Auch darum setzt er nun auf ein neues Projekt.

Seit gut einem halben Jahr ist Hofmann Verkaufspartner von Apple- und Windows-Produkten. Er habe «völlig überraschend» einen Anruf von zwei Apple-Mitarbeitern erhalten. Sie würden sich gerne «sozial engagieren», ob er jemanden kenne, der geeignet sei, fragten sie. «Ja, mich selbst», sagte Hofmann. Kurz darauf kamen sie vorbei und boten ihm einen Vertrag zu Vorzugskonditionen an.

Nun verkauft Hofmann die Laptops und setzt diese auch für die Kunden auf. Das geht, weil sich Betriebssysteme wie Windows 10 mittlerweile alleine über Tastenkombinationen installieren lassen – ganz ohne Sehvermögen. «Für den Notfall hätten wir immer noch einen sehenden Techniker auf Abruf.»

Mit dem neuen Service geht es ihm auch darum, die Arbeitsbedingungen von Sehbehinderten und Blinden zu verbessern, direkt im Arbeitsalltag. Und das sei besser, als einfach für seinesgleichen zu spenden. «Hier weiss man, wo das Geld hingeht», sagt er.

Blind für 90 Minuten - wie ist das? Stefan Hofmann begleitet Stadt-Redaktor Michael Graf durch Winterthur. Video: Lisa Aeschlimann

Noch immer gehen Blinde und Sehbehinderte seltener einer Arbeit nach als Menschen ohne Behinderung. 2015 waren 68 Prozent der Personen mit einer Behinderung erwerbstätig, bei der übrigen Bevölkerung waren es 84 Prozent. Zudem arbeiten sehbehinderte Personen häufiger Teilzeit.

Auch darum sieht es Hofmann als seine Aufgabe, Sehbehinderten und Blinden zu mehr Selbstständigkeit zu verhelfen.

Kamera kann Text vorlesen

Vor Kurzem war eine Kundin bei ihm, die blind und stumm ist. «Eine Herausforderung», sagt er. «Aber gehöre nicht zu denen, die sagen, das geht nicht.»

Da die Frau gut hören kann, will er ihr den Umgang mit dem iPhone beibringen und ihr den Computer so einrichten, dass sie sich Word-Dokumente vorlesen lassen kann, um so mit ihrem Partner zu kommunizieren.

Zudem will er ihr eine sogenannte «OrCam» empfehlen, eine zigarrengrosse Kamera, die mit einem Magnet am Brillengestell befestigt wird. Sie kann Text vorlesen und erkennt und merkt sich Gesichter von Freunden und Familie. Auch den Fahrplan kann man mit Hilfe der Kamera lesen. Es ist eine kleine Veränderung mit grosser Wirkung für die Betroffenen.

Erstellt: 11.02.2019, 15:49 Uhr

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