Weinland

Wenige Weinländer haben viele Ideen für die Zukunft ihrer Region

An einem Workshop machte sich eine Handvoll Weinländer Gedanken über die Region, deren Produkte und ihre bessere Vermarktung. Damit sind aber auch Ängste verbunden.

So stellt sich ein Auswärtiger das Weinland vor (v. l. n. r.): Weintrauben, Riegelhäuser und Spargeln – alles Produkte, die stärker vermarktet werden sollen.

So stellt sich ein Auswärtiger das Weinland vor (v. l. n. r.): Weintrauben, Riegelhäuser und Spargeln – alles Produkte, die stärker vermarktet werden sollen. Bild: M. Duchene, M. Dahinden, H. Diener

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Zum Workshop vom Montagabend in Marthalen waren die «Freunde des Zürcher Weinlandes» eingeladen, wie die Förderorganisation Pro Weinland in ihrer Einladung schrieb. Der Anlass war öffentlich und sollte allen Bewohnern des Weinlandes die Gelegenheit geben, selbst Ideen für die zwei Bereiche Tourismus und regionale Produkte einzubringen.

Am dreistündigen Brainstorming nahmen dann allerdings bloss rund 20 Personen teil. Hintergrund der Ideensammlung ist die Neue Regionalpolitik (NRP) von Bund und Kantonen. Ziel ist die Förderung ländlicher, strukturschwacher Regionen. Seit etwa zehn Jahren ist das Zürcher Berggebiet mit der Marke «Natürli» Teil der NRP.

Nur noch qualitativ wachsen

Ziel ist es, dass ab 2020 auch das Weinland dazustösst. Welche Projekte in den Bereichen Tourismus und regionale Produkte letztlich finanziell unterstützt werden, entscheidet der Kanton Zürich. Wie viel Geld dann verteilt wird, ist laut Martin Erb, Präsident von Pro Weinland, noch nicht bekannt. Es werde aber wohl nicht mehr Geld zur Verfügung stehen als heute, sagte er am Montag. Im Klartext würde das bedeuten, dass sich das Weinland und das Zürcher Berggebiet einen gleich gross bleibenden Kuchen teilen müssten. Aus dem NRP-Geldtopf profitiert das Zürcher Berggebiet seit 2008 mit jährlich 1,2 Millionen Franken. Im Weinland haben alle 24 Gemeinden beschlossen, das NRP-Projekt vorläufig zu unterstützen.

«Die Dörfer sind kleinräumig, aber im positiven Sinn.»Teilnehmerin des Workshops

Das Vorhaben passt zum Grundsatz des Kantons Zürich in der Raumplanung, der im neuen Richtplan verankert ist. So will dieser, dass künftig 80 Prozent des Siedlungswachstums in den Ballungszentren erfolgt. Im Umkehrschluss heisst das, dass im ländlichen Weinland und Berggebiet nur noch qualitatives Wachstum vorgesehen ist. Dabei geht es um den Erhalt der Kultur- und Naturlandschaften.

«Keine Agglo»

Am Workshop vom Montag erarbeiteten die Teilnehmer Projektideen zu den Bereichen Tourismus und Regionalprodukte, die innert zwei bis fünf Jahren im Rahmen der NRP umgesetzt werden können. Bis Ende 2019 soll das Programm mit dem Bund vereinbart sein. «Es gibt sehr viel zu tun, sehr viel Papier», sagte Erb.

Wie sehen die Teilnehmer das Weinland? Worauf sind sie stolz, wo gibt es Entwicklungspotenzial? Wo liegen die Chancen, wo die Risiken? Und wie sieht wohl ein Stadtzürcher das Weinland von aussen? Solche Fragen wurden in vier Gruppen diskutiert. Am Schluss schlugen sie Projektideen vor.

Eine Gruppe war stolz darauf, dass das Weinland «keine Agglo ist, auch von der Stimmung her». Es herrsche keine Anonymität in den gewachsenen, überschaubaren Dörfern, wo man sich kenne, miteinander rede. «Sie sind kleinräumig, aber im positiven Sinn», sagte eine Gruppensprecherin. Das Kulturangebot sei «klein, aber fein». Die Lebensqualität sei hoch, «nicht so abgehoben». Weiter wurden die intakte Landschaft und Ortsbilder sowie die geringe Zersiedlung im Weinland gelobt. Die Wälder und Flüsse seien wunderschön, einzigartig die Riegelbauten. Das Vereinsleben sei «sehr rege», an dem auch die Jungen teilnähmen. Was das Naturzentrum Thurauen bei Flaach betrifft, war sich eine Gruppe nicht sicher, ob man als Weinländer darauf stolz sei oder nicht. Es drang durch, dass vor allem Auswärtige Gefallen daran finden und weniger die Einheimischen.

Grösser denken

Die regionalen Angebote und Produkte besser vermarkten – beim Entwicklungspotenzial wurde der Punkt am häufigsten genannt. Man müsse grösser denken, nicht jedes Dorf für sich, meinte eine Gruppe. Dabei solle man auch über den Rhein etwa nach Deutschland oder über die Kantonsgrenze hinaus schauen. Natürlich sei dabei der Wein ein «grosses Thema». Mehr für den eigenen Wein werben oder Weinländer Genusstage organisieren: Das Weinland solle mehr als Region auftreten und so grössere Anlässe organisieren. So sollen die Bekanntheit des Weinlandes erhöht und eine Marke entwickelt werden. Und Jungunternehmer sollen im Weinland «weniger gegängelt» und die Feinerschliessung im öffentlichen Verkehr (öV) ausgebaut werden, so etwa in die Thurauen.

Die Gruppen, welche die Stadtzürcher Aussensicht aufs Weinland simulierten, fielen manchmal zurück auf die Innensicht. Das Weinland sei für den Zürcher weitgehend unbekannt. «Zuerst kommt für ihn Winterthur, dann Schaffhausen, und dazwischen hat er ein riesiges Loch», sagte ein Gruppensprecher. Zwar sei ihm der Rheinfall bekannt, doch der werde meist mit Schaffhausen in Verbindung gebracht. Und dass es im Weinland viel Natur habe, «das wissen sie noch in Zürich». Und die schönen Riegelhäuser kenne man, die Spargeln und den Wein – obschon man in Zürich kaum Weinländer Wein bekomme. «Wir müssen uns besser vermarkten», forderte der Mann.

Doch bei solchen Forderungen nach mehr Werbung folgte im Workshop sogleich die Skepsis, so etwa die Angst vor Mehrverkehr. Und wo sollen all die Leute «verpflegt werden»? Ein anderer Gruppensprecher meinte: Der Husemersee bei Ossingen sei ja «super» – aber wenn da 2000 Leute hinkommen würden? Dann sei das ja eine überfüllte Badi wie in Zürich. Dafür fehle die Infrastruktur, die Verkehrserschliessung.

Ideen sprudelten

Im nächsten Schritt werden zwei Arbeitsgruppen konkrete Projekte ausarbeiten. Im Workshop am Montag wurden dazu bereits viele Ideen geliefert, so etwa: Hotspots für den Verkauf regionaler Produkte – zum Beispiel am Rheinfall oder am Flughafen. Ein Web-Shop für solche Produkte, ein Tourismusbüro, eine Genusslandkarte in Papierform und/oder als App fürs Smartphone. Trachten als Botschafter, neue Produkte aus Obst und Gemüse, Veloverleih, Agro-Tourismus-Projekte oder Übernachtungen im Weinfass: Die Ideen sprudelten, von denen viele miteinander verknüpft werden sollen.

(Der Landbote)

Erstellt: 16.10.2018, 18:02 Uhr

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