Klassik

Wenn er spielt, dreht sich die Welt ohne ihn weiter

Als «Artist in Resonance» beim Musikkollegium möchte Emmanuel Pahud zeigen, wie vielseitig die Flöte ist.

Emmanuel Pahud spielt viermal in Winterthur.

Emmanuel Pahud spielt viermal in Winterthur. Bild: PD

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Am Sonntag geben Sie das erste Konzert als «Artist in Resonance» – mit Ihrem langjährigen Klavierbegleiter Eric Le Sage. Was zeichnet ihn aus?
Emmanuel Pahud: Mit Eric habe ich vor dreissig Jahren angefangen zu spielen, bei «Radio France präsentiert junge Künstler». Das war eine sehr bereichernde Begegnung für mich, inzwischen haben wir jeder Tausende Konzerte weltweit gespielt, auch im Rahmen unseres Kammermusikfestivals in Salon-de-Provence. In Winterthur möchte ich das Spiel auf meinem Instrument so komplett wie möglich porträtieren, daher ist so eine vertraute Basis zu Beginn natürlich ideal.

Das Programm reicht von Reinecke, Beethoven und Dutilleux bis zu Prokofjew.
Erstens wollte ich unbedingt etwas von Beethoven spielen, da haben wir auf der Flöte leider herzlich wenig, nur zwei Stücke ohne Opus, die mehr als Studien zu bezeichnen sind. Die Serenade hat er ursprünglich für Trio geschrieben und später die Klavierfassung. Es sind also alles Originalwerke der Komponisten für Flöte: Beethoven und Reinecke repräsentieren die deutschsprachige Welt, in der ich als Berliner Philharmoniker seit Jahrzehnten zu Hause bin. Dutilleux und Prokofjew stehen mehr für die französische Flötenschule, die ich in Paris studiert habe.

«In Winterthur möchte ich das Spiel auf meinem Instrument so komplett wie möglich porträtieren.»

Im Mittelpunkt des zweiten Konzerts vom 2. November stehen dann Mozarts Flötenquartette.
Sie sind ein Standard des Repertoires. Mozart schrieb diese Stücke, bevor er sich mit seinem Auftraggeber zerstritt und dann böse Sachen über die Flöte schrieb. Aber wie man hört, liebäugelte er in dieser Phase noch mit dem Instrument, und es sind sehr dankbare Stücke – auch für das Publikum, meine ich.

Dazu stellen Sie ein modernes Solostück von Carter und Dvoraks amerikanisches Streichquartett.
Das ist die Gelegenheit, mit den Musikern des Musikkollegiums zusammenzuarbeiten und ohne Dirigenten ein kammermusikalisches Projekt gemeinsam zu entwickeln.

Wie kam die Kooperation mit dem Musikkollegium zustande?
Das ist eine weit zurückliegende Geschichte: Anfang der 90er-Jahre spielte ich im Concours de Genève, mit Finalstufen in Genf und Winterthur. Ich kann mich sehr gut erinnern, es war ein herrlicher Septembertag, und wir spielten hier Nielsen und Haydn – das wird mich auch wieder etwas zurückwerfen in die Zeit, als ich noch nicht bei den Berliner Philharmonikern war. Sehr schön finde ich auch, dass meine Lehrer, wie Aurèle Nicolet, hier im Orchester musiziert haben. Das Musikkollegium ist seit Jahrzehnten ein wichtiger Bestandteil unserer Musikkultur.

Das dritte Konzert am 23. Januar findet kurz vor Ihrem 50. Geburtstag statt, nach dem Sie eine Auszeit nehmen wollten, wie Sie mir in unserem letzten Gespräch erzählten.
Am Vortag meines Geburtstags am 27. Januar spiele ich noch ein Konzert bei der Mozartwoche in Salzburg, anschliessend ziehe ich mich vier Wochen von der Bühne zurück. Für die Berliner Philharmoniker ist es die erste Saison mit Kirill Petrenko, jetzt geht es erst so richtig los, und ich freue mich darauf. Ich gebe aber fast keine Solokonzerte in dem Jahr und kann mich etwas mehr meinen Söhnen und meinen Eltern widmen – und an Orte auf der Welt reisen, wo es keinen Konzertsaal gibt.

«Das Musikkollegium ist seit Jahrzehnten ein wichtiger Bestandteil unserer Musikkultur.»

Das Nielsen-Flötenkonzert spielen Sie dann im März mit dem Musikkollegium unter Thomas Zehetmair.
Das war sein ausdrücklicher Wunsch. In den anderen Konzerten werde ich mehr Werke der Klassik präsentieren. Nielsen hat progressiver geschrieben, er ist ein moderner Komponist. Das kann man in der bildenden Kunst mit Edvard Munch vergleichen: eine Form mit klassischen Zügen, aber sehr ausdrucksstark, also Expressionismus – auch wenn es etwas klischeeartig ist, solche Begriffe für die Musik zu benutzen.

Und duzen Sie Thomas Zehetmair? Das Duzen des Dirigenten ist bei den Berliner Philharmonikern nicht immer üblich.
Ja, ja, wir sind per Du. Ich glaube, das Duzen auf Italienisch, Englisch, Deutsch und auch Russisch muss man unterscheiden. Als Claudio Abbado gleich zum Auftakt seiner ersten Saison gesagt hat: «Übrigens, ich bin Claudio», dann hiess das nicht, dass man ihn duzen sollte, sondern dass man ihn mit seinem Vornamen ansprechen kann und nicht als Maestro Abbado. Das wurde missverstanden. Unter Simon Rattle, auf Englisch, macht man den Unterschied ohnehin nicht. Bei Petrenko ist es unterschiedlich: Mit Musikern, die er schon gekannt hat, ist er per Du. Bei anderen, wo vielleicht auch ein Generationenunterschied besteht, ist er es nicht.

«Ich gebe fast keine Solokonzerte in dem Jahr und kann mich etwas mehr meinen Söhnen und meinen Eltern widmen.»

Wie gehen Sie mit Husten und Schnäuzen im Konzertsaal um?
Man hört das, ehrlich gesagt, nicht auf der Bühne. Man ist im Geschehen, man spielt, und die Welt um einen herum dreht sich weiter. Wenn an einer kritischen Stelle, zwischen Ton und Stille, also zwischen Leben und Tod, ein grosses Husten eintritt, ist es natürlich – schade.

Emmanuel Pahud und Eric Le Sage: Sonntag, 20.10., 17 Uhr, Stadthaus Winterthur.

Erstellt: 19.10.2019, 17:26 Uhr

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