Naturschutz

«Wenn ich etwas ändern könnte, dann wäre es die Korruption»

Die Paneco-Stiftung aus Berg am Irchel führt seit 2001 eine Orang-Utan-Auffangstation auf Sumatra und kämpft gegen globale Palmöl-Firmen.

Ian Singleton mit einem Orang-Utan: Die DNA zwischen den beiden ist zu 96,5 Prozent identisch. In Sumatra leben noch 14 000 Menschenaffen.

Ian Singleton mit einem Orang-Utan: Die DNA zwischen den beiden ist zu 96,5 Prozent identisch. In Sumatra leben noch 14 000 Menschenaffen. Bild: zvg Craig Jones

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Ian Singleton, Sie sind Direktor der Orang-Utan-Auffangstation in Sumatra und zuständig, die illegal gehaltenen Tiere einzusammeln. Wieso werden die Orang-Utans als Haustiere gehalten?

Ian Singleton: Weil sie es können. Die Haustiere sind ein Nebenprodukt der Rodung des Regenwaldes. Wenn Palmöl-Firmen tausende Hektaren abholzen oder abbrennen, dann sterben eigentlich alle Tiere und Pflanzen darin. Die überlebenden Tiere werden von Bauern mit nach Hause genommen, in der Hoffnung diese für ein wenig Reis weiterzuverkaufen.

Wer kauft diese dann ab?

Der lokale Polizeichef oder Mafiaboss. Diese behalten den Orang-Utan als Symbol der Arroganz gegenüber der Regierung. Jeder weiss, dass der Besitz illegal ist. Und wer einen hat will damit zeigen, dass er über dem Gesetz steht.

Werden vor allem Jungtiere gefangen genommen?

Ja, man könnte nie einen erwachsenen Orang-Utan in die Knie zwingen, ohne ihn dabei zu töten oder sehr schwer zu verletzen. Selbst wenn die Tiere sieben Jahre alt sind (sie werden in Freiheit bis zu 60 Jahre alt, Anm. d. Red.), haben sie bereits daumengrosse Zähne und natürlich von Geburt an vier Hände. Es ist als würde man gegen einen Tintenfisch kämpfen.

Wie spüren Sie die Affen auf?

Oft ist es Mund-zu-Mund-Propaganda. Es gibt mittlerweile viele Leute, die sich um die Umwelt sorgen und uns Bericht erstatten.

Werden die Tiere mit Hilfe der Polizei konfisziert?

Manchmal. Wenn das Tier aber in den Händen eines lokalen Bauern ist, genügt bereits der lokale Förster. Besitzt hingegen der lokale Polizeichef oder Gouverneur einen illeagen Orang-Utan, dann reicht selbst die Polizei nicht mehr. Da müssen wir dann unser Netzwerk spielen lassen.

Zum Beispiel?

Wir arbeiten viel in der Provinz Aceh im Nordwesten. Dort herrschte von Ende der Neunziger bis 2005 Bürgerkrieg, einige bewaffnete Seperatistengruppen sind bis heute dort. Wenn jemand dort einen Orang-Utan als Haustier hält, greift die Polizei nicht ein. In der Vergangenheit sind wir über die Chefs dieser Gruppierungen dann an die Tiere gekommen.

Sind Sie jemals physisch bedroht worden?

Nein, nie. Ein Stück weit bin ich darüber überrascht. Denn es gibt einige Leute um uns herum, die uns nicht mögen. Aber unsere Stärke ist, dass wir mit vielen Partnern in der Region und anderen Nichtregierungsorganisationen (NGO) zusammenarbeiten. Wenn wir also zusammen jemand wütend machen, verteilt sich auch die Wut.

Wer mag euch nicht?

Nun, die Palmöl-Firmen. Eine ganz besonders. 2011 haben wir diese zusammen mit einer anderen NGO wegen einer illegalen Palmöl-Plantage angeklagt. Die Regierung hat diese Firma danach aufgrund unserer Beweise vor Gericht gezerrt und zu 28 Millionen US-Dollar Schadenersatz verurteilt. Bisher sind sie zwar noch nicht zur Zahlung gezwungen worden und auch die dreijährige Haftstrafe für den Firmenchef, der gleich bei mir um die Ecke lebt, ist noch nicht vollstreckt worden. Aber daran arbeiten wir.

Treffen Sie Vorkehrungen für Ihre Sicherheit?

Ich bin mir darüber bewusst. Ich poste etwa keine Bilder meiner Kinder in den sozialen Medien oder teile meinem aktuellen Standort auf Facebook.

Davon abgesehen: Was sind die härtesten Herausforderungen?

Es gibt viele davon. Wenn ich nur etwas auf den morgigen Tag ändern könnte, dann wäre es die Korruption. Weil sie überall ist, bei der Polizei und in der Justiz.

Gibt es ein Gegenmittel?

Man kann es durch grosse Medienaufmerksamkeit bekämpfen. Wenn die ganze Welt zuschaut fällt es schwerer, Schmiergelder entgegen zu nehmen.

Was sind weitere Probleme?

Schlechte Regierungsführung, die meisten Personen in Führungspositionen sind nicht sehr gut ausgebildet. Sie sind einfach da, weil sie Macht, sprich ein gutes Netzwerk von Polizein und bewaffneten Bekannten haben. Und schwierig ist natürlich auch der ganze Umfang des Problems.

Was meinen Sie damit konkret?

Es geht ja nicht nur um die illegalen Haustiere. Der ganze Lebensraum wird von den Palmöl-Firmen zerstört. Die Orang-Utans leben vor allem in Torfgebieten. Würden all diese ausgetrocknet, um dort Plantagen zu errichten, würde eine Menge an Co2 in die Luft freigesetzt, die ein Leben auf diesem Planeten verunmöglichen würden. Strassen durch die Wälder sind ebenso ein problematisch, weil diese von den Orang-Utans nicht überquert und so ganze Populationen voneinander abgetrennt werden und aussterben. Auch eine geplante Wasserkraftanlage inmitten des sogenannten Leuser Ökosystems und der Kampf dagegen benötigte unsere ganze Kraft.

Wie gewinnt man einen solchen Kampf?

Die Leute in NGOs sind immer sehr idealistisch und leidenschaftlich, machen den Job, für den in jeder anderen Branche fünf Leute angestellt wären. Wir treten damit gegen multinationale Unternehem an, die in jedem Bereich eine gut ausgebildete und verdienende Person angestellt haben. Trotzdem wird oft erwartet, dass wir gewinnen und unglaublicherweise gelingt es uns trotz des Ungleichgewichts manchmal auch.

Wieso holzen die Indonesier eigentlich ihren Regenwald ab?

Es sind ja nicht die Indonesier. Die Firma, die flächenmässig am meisten Palmöl anpflanzt, ist eine Tochtergesellschaft, einer Firma aus Singapur, die wiederum eine Tochterfirma eines britischen Konglomerats ist. Von den fünf grössten Firmen ist eine weitere amerikanisch, eine andere stammt aus Malaysia. Es sind massive globale Interessen. Davon profitieren wenige Machthaber, die heute Multimilliardäre sind. Und diese Leute entscheiden wiederum, wer Präsident wird.

Die Macht bleibt konzentriert.

Ja, es ist ein verrottetes System, das auf Gier basiert. Und diese Leute, die daran so viel Geld verdienen, die leben nicht vor Ort in Sumatra, sondern in Metropolen wie Jakarta, Singapur, London. Die lokale Bevölkerung, deren Wasserversorgung kaputt geht, deren Fische sterben, die immer wieder erleben, wie lose Bergteile ihre Dörfer zerstören, was könen die dagegen tun? Die Entscheidungen werden an einem anderen Ort gefällt.

Aber profitiert nicht die nationale Wirtschaft davon?

Daran glaube ich nicht mehr. Ein Erdrutsch, der durch Abholzung ausgelöst wird und eine Stadt zerstört, ist mit hohen wirtschaftlichen Kosten verbunden. Auch die zerstörten Wälder und damit verbundenen Überflutungen von Dörfern richtet massiven Schaden an. Wer nachhaltig wirtschaften will, muss auf seine Ressourcen achten. Eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und eine Erhaltung der Natur sind also genau dasselbe. Momentan bereichern sich einfach einzelne.

Wie sehr können Konsumenten die Nachfrage beeinflussen?

Die Leute sollten die Macht des Konsums nicht unterschätzen. Nur so kann darüber gesprochen werden und ein Dialog entstehen.

Ein Ansatz dazu ist ein runder Tisch über nachhaltiges Palmöl, der die Probleme mit Beteiligten der Branche diskutieren will. Könnte das eine Lösung sein?

Die Idee ist gut. Jede Industrie sollte einen solch runden Tisch mit allen Interessengruppen haben. Daraus entstand ein Punkteystem, anhand dessen die Firmen ihre Produkte als nachhaltig bezeichnen können. Aber das Palmöl ist trotzdem nicht nachhaltig. Denn das würde bedeuten, dass es immer weiter gehen würde. So gesehen gibt es auch nicht wirklich nachhaltige Landwirtschaft, da wir schneller Boden zerstören, als wir neuen produzieren.

Fühlt man sich da nicht hilflos?

Was unsere Sache funktionieren lässt, ist dass wir einzigartig sind.

Inwiefern?

Wir wildern die Orang-Utans in zwei verschiedenen Schutzgebieten aus, ziemlich weit entfernt von den bestehenden Beständen. Dort gab es vor einigen hundert Jahren einst wilde Orang-Utans. Wir etablieren also zwei neue Populationen einer vom Aussterben gefährdeten Affenart. Ich kenne niemanden auf der Welt, der das sonst macht. Die Gefahr bei einer Auswilderung in bestehende Stämme ist immer, dass eine Krankheit eingeschleppt wird oder das Essen in der Gruppe danach nicht mehr für alle reicht.

Was für eine Grösse muss die Gruppe haben, um nicht bald wieder auszusterben?

Pro Region benötigt man etwa 250 Orang-Utans, weil sie sich nur sehr langsam fortpflanzen. Den ersten Nachwuchs kriegen sie mit 15 Jahren, danach folgt eine Geburtenpause von acht, neun Jahren. Aber um sicher zu gehen, wollen wir je 350 Orang-Utans an diesen Orten auswildern.

Bei wie vielen sind Sie heute?

Bisher haben wir von über 360 aufgenommenen 270 erfolgreich ausgewildert. 170 davon in der Provinz Jambi, die anderen 100 in der Aceh-Provinz. Momentan haben wir 53 Orang-Utans im Center. Es dauert also noch rund 15 Jahre, bis sich eine der Populationen alleine reproduzieren kann.

In Leonardo Di Caprios Dokumentarfilm «Before the flood» haben Sie einen Kurzauftritt. Was für eine Auswirkung hatte dieser Film auf Ihre Arbeit?

Medienpräsenz hilft vor allem auf politischer Ebene, wir können dann etwa von der Regierung nicht ignoriert werden. So kennt jetzt auch der US-Botschafter in Indonesien unser Projekt und kann das bei Treffen ansprechen. Aber bezüglich Spenden ist es weniger als man vielleicht erwartet.

Sie haben viele Probleme angesprochen, was lieben Sie an Ihrem Job?

Wenn ich raus in den Wald gehen kann und Orang-Utans beobachten kann und sie überhaupt nicht an mir interessiert sind. Ich kann mich hingegen an ihre Verletzungen erinnern, als wir sie abgeholt haben. Und dann denke ich: Ohne uns wären sie tot. Das gibt mir immer noch einen Adrenalinschub, weil wir etwas erreicht, einen Unterschied gemacht haben.

Vortrag von Dr. Ian Singleton, Freitag, 25. August, ab 18 Uhr, im Naturzentrum Thurauen, Steubisallmend 3, 8416 Flaach, anschliessend indonesisches Buffet im Restaurant «Rübis & Stübis» (Anmeldung für Essen erforderlich)

(Landbote)

Erstellt: 24.08.2017, 20:09 Uhr

Zur Person Ian Singleton und der Stiftung Paneco

Drei Jahre lang den Orang-Utans gefolgt

Der 51-jährige Engländer Dr. Ian Singleton leitet das Orang-Utan- Schutzprogramm in Sumatra seit deren Gründung 2001. Nach einem Studium der Umweltwissenschaften arbeitete er 1989 im Jersey Zoo für gefährdete Tierarten erstmals mit Orang-Utans. Sieben Jahre später packte er seinen Rucksack und erforschte während drei Jahren, wie weitläufig die Gebiete der Menschenaffen in Sumatra sind. Er wattete durch den sumpfigen Regenwald, teils ass er während vier Tagen nichts. Zurück in England schrieb er seine Doktorarbeit und begann für die 1996 von Regina Frey gegründete Paneco-Stiftung zu arbeiten. Sie hatte zusammen mit einer Studienkollegin 1973 das erste Orang-Utan-Rehabilitationszentrum im Leuser Ökosystem in Sumatra gegründet. Heute leben noch 14 000 Orang-Utans auf Sumatra. Die 4,9 Millionen Franken, die Paneco 2016 eingenommen hat, setzen sich zur Hälfte aus privaten Spenden zusammen. 57 Prozent der Einnahmen sind im letzten Jahr nach Sumatra geflossen.

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