Sennhof

Wenn Muttersein der Beruf ist

Karin Henauer ist eine der 69 Tagesmütter des Vereins TagesfamilienWinterthur-Weinland. Sich um die Kinder anderer Eltern zu kümmern, ist ihr Beruf. Mit ihren eigenen beiden Söhnen ist das Haus meistens voll.

Von früh morgens bis vor dem Abendessen verbringen die beiden Tageskinder ihre Zeit mit der Tagesmutter Karin Henauer.

Von früh morgens bis vor dem Abendessen verbringen die beiden Tageskinder ihre Zeit mit der Tagesmutter Karin Henauer. Bild: Marc Dahinden

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Viele weisse Einfamilienhäuser bilden das Familienquartier in Sennhof bei Winterthur. In einem wohnt die Familie Henauer: Mutter, Vater und zwei Kinder – so sind die vier als Figürchen auch auf dem Türschild mit der Aufschrift «Willkommen» abgebildet. Als Karin Henauer die Tür öffnet, lugen zwar zwei Kinder hinter ihr hervor, doch es sind nicht ihre Eigenen. Heute kümmert sich die Familienmutter um zwei Tageskinder. Es gibt auch Tage, da hat sie vier zusätzliche Kinder im Haus. Wenn dann auch noch ihre beiden neun- und zwölfjährigen Söhne dazukommen, hat sie alle Hände voll zu tun. Alles unter einen Hut zu bekommen, sei die hohe Kunst, sagt Henauer. «Natürlich bin auch ich nicht jeden Tag gleich gut drauf.» Es gebe Tage, an denen harmoniere die Gruppe besser als an anderen.

Geld soll nicht das Thema sein

Tagesmutter zu werden, war eigentlich nie der Plan von Karin Henauer. «Ich bin da so reingerutscht.» Angefangen habe es, als sie auf die Tochter einer ehemaligen Nachbarin aufgepasst hatte. Doch Henauer wollte von Beginn an klare Verhältnisse schaffen und hat sich darum an den Verein Tagesfamilien Winterthur- Weinland gewandt.

Der Verein erstellt einen Arbeitsvertrag. So steht die Finanzierung nie zwischen der Tagesfamilie und den Eltern der betreuten Kinder. Wenn eine Familie nicht bezahlen kann, kriegt das die Tagesmutter nicht mit. Sie erhält trotzdem ihren Lohn. Ob ein Platz durch die Gemeinde subventioniert wird, weiss die Tagesmutter ebenfalls nicht. «Es ist mir wichtig, dass immer das Kind im Mittelpunkt steht und ich nie mit einer Familie über das Geld streiten muss.»

Henauer kümmert sich um Jungen und Mädchen, die zwischen einem und vier Jahre alt sind. «Bis zu den Sommerferien kam aber auch ein 6. Klässler regelmässig zu mir.» Obschon er bereits in einem Alter sei, wo er schon alleine Zuhause hätte sein können, war er immer noch gerne bei der Tagesmutter. Weil er nun nicht mehr im Sennhof in die Schule gehe, sei die Betreuung vom Weg her nicht mehr möglich.

«Es ist immer traurig, wenn man Abschied nehmen muss», sagt Henauer. Dennoch sei es wichtig, den Abschied zu feiern. Zu jedem Tageskind baue man schliesslich eine Beziehung auf. «Manchmal gibt es ein kleines Geschenk und sie dürfen sich jeweils das Mittagessen wünschen.»

Grenzen setzen

Geburtstagsgeschenke macht Henauer in der Regel nicht. «Wenn mir beim Einkaufen gerade etwas Spezielles ins Auge sticht, dann gebe ich gerne etwas.» Häufig seien die Kinder an ihren Geburtstagen aber gar nicht bei ihr. Doch für die Adventszeit hat sich die zweifache Mutter etwas einfallen lassen. Jedes Kind darf ein Adventspäckli aufmachen, wenn es bei ihr ist.

Ihr heutiger Schützling kann es kaum erwarten, sein Päckchen zu öffnen. «Wir haben doch abgemacht, dass wir damit noch warten, oder?», sagt Henauer und streicht dem Jungen über den Kopf. Grenzen zu setzen und Regeln einzuhalten, ist ein Anliegen der Tagesmutter. «Auch Zuhause haben sie Regeln, bei mir sind es vielleicht andere.» Ihrer Erfahrung nach können die Kinder gut unterscheiden, bei wem, was gilt.

«Es ist mir wichtig, dass immer das Kind im Mittelpunkt steht.»

Karin Henauer

Eine Grenze sei ihr besonders wichtig: «Die Kinderzimmer meiner Söhne sind Tabu.» Nur wenn ihre beiden Jungen von selbst mit den Tageskindern in ihr Zimmer zum Spielen gehen, sei das in Ordnung. «Auch sie brauchen ihren Rückzugsort.» Für die Tageskinder gibt es diesen auch. Im oberen Stock hat Henauer ein Spiel- und Erholungszimmer eingerichtet. Dort kann man sich auch zum Mittagsschlaf hinlegen.

Dass ihre Familie hinter ihrem Beruf stehe, sei für sie zwingend. «Es klappt nur, wenn die ganze Familie einverstanden ist.» Um Zeit für Mann und Kinder zu schaffen, hält sie sich den Mittwoch frei. Auch ihr Mann arbeitet dann nicht. Ansonsten fängt ihr Arbeitstag jeweils früh an. Um 6.30 Uhr werden die ersten Kinder zu ihr gebracht. «Das ist eben so, wenn die Eltern schon sehr früh zur Arbeit müssen.» Zwischen 17 und 18 Uhr werden die meisten wieder abgeholt. Auch das Abendessen kann die Familie dann unter sich geniessen.

Der Spagat zwischen Mutter und Tagesmutter sei nicht immer einfach. Schliesslich wolle sie die Kinder auch fördern. «Besonders wenn meine Jungs noch mit ihren Hausaufgaben kommen, ist es manchmal viel.» Doch häufig könne sie auf die Unterstützung der Kinder zählen. Diese beschäftigen sich oftmals auch selbst. «Manchmal setzen sich die Grösseren hin und lesen den Kleineren etwas vor.» Auch heute sitzen die beiden Tageskinder gemeinsam im Wohnzimmer auf dem Boden. Es wird gekocht und gebacken, was die Spielküche hergibt.

(Der Landbote)

Erstellt: 19.12.2018, 14:45 Uhr

Kinder hüten will gelernt sein

Zur Zeit bieten 69 Tagesfamilien im Raum Winterthur und Weinland eine Betreuung an. Doch das Angebot deckt die Nachfrage nicht. Besonders in den ländlichen Gemeinden ist diese Art der Betreuung wenig verbreitet.

«Es fehlt an allen Ecken und Enden», sagt Simone Wiederkehr, Geschäftsleiterin des Vereins Tagesfamilien Winterthur und Weinland. Sie vermittelt Tagesfamilien für Kinder von berufstätigen Eltern, die Betreuung brauchen. Zur Zeit befinden sich 30 Kinder auf ihrer Warteliste. Denn immer mehr Elternpaare arbeiten ganztags und sind daher auf das Angebot angewiesen.
Mit der Stadt Winterthur arbeiten die Vereinsmitglieder schon seit 40 Jahren zusammen. Vor fünf Jahren haben sie ein gemeinsames Projekt mit den Gemeinden des Weinlands begonnen. «Die Zusammenarbeit geht schleppend voran», sagt die Geschäftsleiterin. Sie selbst sei von Gemeinde zu Gemeinde gepilgert und habe Überzeugungsarbeit geleistet. «Ich kam mir vor, wie ein Vertreter, der einen Staubsauger verkaufen will.» Anfangs seien die Gemeinden sehr skeptisch gewesen und viele hätten gleich abgelehnt. Doch als dann die Zusagen von stadtnahen Gemeinden kamen, seien immer mehr dazugekommen. Heute sind 25 Gemeinden beteiligt.
Diese haben zu Beginn einen einmaligen Betrag von 1000 Franken bezahlt. Jetzt müssen die Gemeinden jedoch keinen jährlichen Beitrag für den Verein mehr beisteuern. Lediglich durch subventionierte Plätze entstehen für sie Kosten. «Ansonsten sollen die Gemeinden als erste Anlaufstellen dienen.»

Vorteile gegenüber Kitas

Das Projekt befinde sich allerdings noch in der Aufbauphase. «Es geht darum, dieses Angebot bekannter zu machen», sagt Wiederkehr. Während Kitas, Mittagstische oder Aufgabenhilfe gängige Betreuungsformen seien, kennen nicht viele die Möglichkeit der Tagesfamilien. «Wir sind der Exot unter den Angeboten.»
Laut Wiederkehr gebe es zwei Vorteile der Tageseltern gegenüber Kitas. «Tagesfamilien sind viel flexibler als Kitas.» Gerade für Leute, die in der Pflege oder im Detailhandel arbeiten, sei es wichtig, dass sie ihr Kind an unterschiedlichen Tagen abgeben können. Da sie immer wieder zu anderen Zeiten arbeiten. «Auch der Rahmen ist familiärer.» In einer Kita gibt es Gruppen mit über zehn Kindern. «Für solche Grössen sind die einen Kinder noch nicht bereit.»
Mittlerweile subventionieren viele Gemeinden gemäss Betreuungsregelement auch die Plätze in Tagesfamilien.

69 Familien für 229 Kinder

Doch das Geld allein nützt nichts, wenn zum Kind die passende Tagesfamilie fehlt. Insgesamt bieten 69 Familien in Winterthur-Weinland eine Betreuung für 229 Kinder an. Eine Person darf sich um maximal fünf Kinder gleichzeitig kümmern. Wobei Säuglinge eineinhalb Mal zählen, da sie mehr Aufmerksamkeit brauchen.
Doch Tagesfamilien zu finden, die sich dem Verein anschliessen möchten, sei gar nicht so leicht. Auch wenn sie so leichter für die Stadt und die Gemeinden zu vermitteln wären, gibt es viele, die eine solche Betreuung als Freundschaftsdienst anbieten. Vor allem in den Dörfern sei es üblich, ab und zu das Kind der Nachbarn zu hüten. Von ihnen möchte sich Wiederkehr aber klar abgrenzen. «Alle unsere Tageseltern wurden speziell für diesen Beruf ausgebildet.»
An fünf Samstagen besuchen sie einen Kurs des Verbands Kinderbetreuung Schweiz, zu dem der Verein gehört. Laufend gibt es Weiterbildungen, wo aktuelle Themen besprochen werden. Alle Familien haben einen Kindernothelferkurs abgelegt. Wenn sie Babys betreuen, kommt noch eine Schulung für den Umgang mit Säugligen dazu.

Nahegelegene Tagesfamilie

Trotz der Ausbildung habe der Beruf einen schweren Stand: «Man denkt immer, es sei leicht, sich noch um ein paar Kinder zusätzlich zu kümmern», sagt Wiederkehr. Doch das Haus voller Kinder zu haben, sei alles andere als einfach.
Reich würde man als Tagesfamilie auch nicht. 6.10 Franken verdient man pro Stunde und Kind. Viele bieten ihre Dienste selbstständig an, also unabhängig vom Verein. «Diese Familien können natürlich viel mehr verlangen», sagt Wiederkehr. Auch wenn sie über keine Ausbildung verfügen und oftmals teurer sind, nutzen viele berufstätige Eltern solche Angebote, weil es wenige passende Plätze gibt.
Denn die Tagesfamilie soll nahe gelegen sein, damit das Kind, wenn es bereits schulpflichtig ist, selbstständig zur Schule gehen kann. Es sei eine riesen Herausforderung, die passenden Tageseltern zu finden. «Wenn das Kind in den Kindergarten kommt, dann haben wir schon ein Jahr vorher Angst», sagt die Geschäftsführerin. Bevor das schulpflichtige Alter erreicht werde, seien weite Strecken zu den Tageseltern möglich. Mit vier oder fünf Jahren ändert sich das und der Verein muss eine andere, näher gelegene Tagesfamilie finden. So steht momentan beispielsweise der Aufruf für Tagesfamilien in der Nähe des Kindergarten Tössfeld auf der Internetseite des Vereins. Wiederkehr sei auch auf der Suche nach einer weiteren Familie in Kleinandelfingen.
Neben der Lage spiele auch das Zwischenmenschliche eine grosse Rolle. «Kind und Tageseltern müssen harmonieren», sagt Wiederkehr. Wenn irgendwo ein akutes Problem bestehe, habe der Verein dafür eine Psychologin angestellt. «Es ist mir wichtig, zu sagen, dass wir professionelle Arbeit leisten.»
Um diese bekannter zu machen, haben die Vereinsmitglieder eine Plakatkampagne lanciert, die beispielsweise in den Stadtbussen zu sehen ist. «So wollen wir uns in die Gedanken der Leute bringen.» Elena Willi

Der Exot unter den Angeboten

Der Verein Tagesfamilien Winterthur-Weinland wurde 1978 von einer Gruppe berufstätiger Frauen gegründet, um ihnen eine Anstellung neben dem Muttersein zu ermöglichen. Bis heute ist der Verein eine Non-Profit-Organisation. Er sucht Tagesfamilien für Kinder berufstätiger Eltern. Da er mit der Stadt und 25 Gemeinden zusammenarbeitet, kann er subventionierte Plätze anbieten. Ob eine Familie Anspruch auf das Betreuungsangebot hat, kommt auf ihre finanzielle Situation an.
Die Kinder, welche dieses Angebot in Anspruch nehmen, sind tagsüber bei den Tageseltern, gehen aber zum Schlafen meistens nach Hause. Die Anzahl Tage, die man bei der Tagesfamilie verbringt, ist unterschiedlich, je nach Arbeitspensum der Eltern. (elw)
www.tfww.ch

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