Winterthur

Weshalb er und ich nicht?

Der Kammerchor Winterthur singt alte und neue Werke, die sich mit der Erfahrung von Gewalt beschäftigen. Eine Betrachtung zur Brudermord-Geschichte von Kain und Abel, die im Zentrum steht.

Peter Paul Rubens: Kain erschlägt Abel, 1608/1609.

Peter Paul Rubens: Kain erschlägt Abel, 1608/1609. Bild: Wikimedia

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Jeder Mensch ist am Anfang das Zentrum der Welt, die mit ihm geboren wird. Dann erst kommen die andern. Das ist so, obwohl die anderen, die Eltern und die Geschwister, vor ihm da waren: Aus seiner Sicht war er zuerst, gab es vorher nichts, mit ihm begann alles. Deshalb sagt man ja auch, dass jeder Mensch eine Welt sei, die mit seinem Tod untergehe.

Umso schwerer ist es zu verstehen, wenn mir ein anderer vorgezogen wird, am stärksten in der Liebe. Es ist eine Erfahrung, die mich vernichten kann. Burkhard Kinzler, der Leiter des Kammerchors Winterthur, hat eine Kantate komponiert, die sich über diese Beziehung zu den andern Gedanken macht, anhand der biblischen Geschichte von Kain und Abel. Die mündet in eine Katastrophe, den Brudermord. Zuende ist sie damit nicht.

Ohnmächtige Wut

Kain bringt seinen Bruder nicht aus einer Laune heraus um. Er handelt aus ohnmächtiger Wut. Beide bringen Gott ihr Opfer, der Bauer Kain vom Ertrag seiner Felder, der Hirte Abel von seinen Schafen. Aber Gott akzeptiert nur Abels Opfer. Kain fühlt sich vernichtet. Weshalb er und ich nicht? Einen Grund für die seltsame Entscheidung gibt die Bibel nicht an – vielleicht will Gott Kain auf die Probe stellen, wie später Hiob? Kain hat alles richtig gemacht. Weshalb er und ich nicht? Kain geht mit Abel auf das Feld und erschlägt ihn.

Weshalb er und ich nicht? 

Atheisten könnten die Geschichte als Beleg dafür zitieren, wie unmenschlich die Bibel sei. Aber es ist eine alte Geschichte, sie wurde wieder und wieder erzählt – sie scheint etwas zu enthalten, das uns angeht.

Diese Geschichte handelt von Dingen, über die wir lieber schweigen. Sie erzählt etwas über den Menschen. Dass er zur Gewalt fähig ist. Dass es schwer ist, Ungerechtigkeit zu ertragen. Dass Angenommensein und Abgelehntwerden zu den elementaren Erfahrungen gehört. Dass der Mensch in der Lage ist, den Menschen zu töten, den er liebt.

Liebe und Hass

Das ist so ungeheuerlich, dass der Verstand einen Bogen darum macht und denkt, Kain muss Abel gehasst haben, und das halten wir dann für eine Erklärung. Es ist aber nicht zu begreifen. Die Texte, den Kinzler vertont hat, sagen es mit demütiger Schlichtheit und lassen das Unbegreifliche stehen. «Kain liebte seinen Bruder sehr bis eines Tages er ihn hasste. Dass einer einen hasst, sagt nichts darüber, ob er ihn nicht liebt.» Die Texte in «Kain und Abel» stammen unter anderem von Dichtern wie Helmhold Reinshagen, Christa Reinig und Hilde Domin.

Die Geschichte zeigt indirekt auch, wie es sein könnte und was es heisst, einen Bruder zu haben. An das Wort «Bruder» wurden auch schon Utopien geknüpft, etwa in Schillers «Ode an die Freude», die von Beethoven vertont wurde: «Alle Menschen werden Brüder», heisst es dort. Sie werden es, könnten es werden, sie sind es noch nicht. Der Bruder, das ist der nächste Mensch neben mir, von dem es in der Bibel auch heisst, dass wir ihn lieben sollen wie uns selbst.

«Dass einer einen hasst, sagt nichts darüber, ob er ihn nicht liebt.»

«Ich bin dein Hüter, Bruder!» ruft Kain, als er erkennt, was er getan hat. Er hätte ihn gerne gehütet, wie man ein Kind hütet, auf ihn acht gegeben, damit ihm nichts zustösst und er nichts Dummes macht. Er hatte diese Aufgabe, er wurde ihr nicht gerecht. Nur die Liebe kann Kain retten, sie fehlt ihm, und damit das Grundlegende, das Angenommensein: «Wer aber gab mir, Herr, die wilde Wut? Deinen Segen bräuchte ich wie Manna das hungernde Volk, wie die durstende Welt Regen. Deine Liebe bräuchte ich, einen kleinen Augenwink im endlosen Dickicht.»

Die Geschichte von Kain und Abel ist nicht einfach eine weitere biblische Geschichte, es ist eine grundlegende Geschichte wie die von Adam und Eva, es geht darin ums Ganze. Der Bruder, das ist der Andere und die Gesellschaft, ohne die wir nicht leben können. Es ist schön, den Anderen bei sich zu haben, aber es ist auch anstrengend, vor allem wenn er den Platz einnimmt, von dem ich glaube, dass er mir zusteht, und dann würde ich ihn am liebsten umbringen – von dieser Möglichkeit wird hier erzählt, sie gehört zum Menschsein wie die Grenzüberschreitung, wie die Versuchung, genau das zu tun, von dem uns gesagt wurde, dass wir es nicht tun sollen.

Alte und neue Musik

Kinzlers Kantate für Chor, drei Vokalsolisten und Violine wurde 2015 im Berner Münster uraufgeführt. Das Werk verbindet auf eindrückliche Weise alte und neue Musik. Es enthält sehr expressive und dann wieder anrührend schlichte Passagen wie das Zitat aus einer Motette von Cosmas Alder (1497-1550), eines Berner Komponisten der Renaissance.

Es ist ferner eingebettet in Motetten von Alder, Johannes Wannenmacher (1485-1551), Jacobus Clemens non Papa (1510-1555) und Roland Moser (*1943), die sich alle in der einen oder anderen Form mit der Erfahrung von Gewalt und der Frage nach dem Sinn beschäftigen; hinzu kommen Orgelstücke von György Kurtág (*1926).

Samstag, 16.6., 20 Uhr, Predigerkirche, Zürich. Sonntag, 17.6., 17 Uhr, Stadtkirche Winterthur. Vorverkauf: www.kammerchor-winterthur.ch

(Der Landbote)

Erstellt: 10.06.2018, 15:25 Uhr

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