Fahrplanwechsel

Wie die S11 den Winterthurern einfährt

Zur S12 hegen die Winterthurer eine alte Hassliebe. Seit zwei Wochen hat der Pendler-Express durch die S11 einen Zwilling bekommen. Wie wird der Viertelstundentakt nach Zürich angenommen? Ein Augenschein zur Morgenspitze.

Seit dem Fahrplanwechsel hat die S12 einen Zwilling: Die S11 nach Aarau, die genauso rasch über Stettbach und Stadelhofen nach Zürich HB fährt.

Seit dem Fahrplanwechsel hat die S12 einen Zwilling: Die S11 nach Aarau, die genauso rasch über Stettbach und Stadelhofen nach Zürich HB fährt. Bild: Keystone

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Als 1990 die S12 in Betrieb ging, war das ein Quantensprung. Niemand hat das im Rückblick schöner formuliert als Landbote-Cartoonist Ruedi Widmer: «In achtzehn Minuten von Winterthur nach Zürich, etwas mehr als die Busfahrt vom Hauptbahnhof nach Wülflingen: Zürich wurde zu einem Teil von Winterthur.»

Die S12 – eine Hassliebe

Das war 2005, Widmer pendelte täglich nach Zürich widmete seiner S12 ein eigenes Buch. Es verkaufte sich über 1000 Mal. «Die S12 war in Winterthur eine Marke», sagt er. «Es war wie bei Bruno Stefanini. Wenn der Name fiel, hatte jeder eine Geschichte zu erzählen.» Die S12, das sei für die Winterthurer immer eine Hassliebe gewesen: «Sie stand für die Verbindung von der Stadt in die Welt. Andererseits waren die Züge schon damals immer voll, man stand sich auf den Füssen herum und war eng mit seinen Mitpassagieren konfrontiert.»

«Die Marke S12 wird dadurch natürlich verwässert.»

Ruedi Widmer, Cartoonist und Autor des Buchs «Die S12:  ein Grundlagenwerk»

Seit zwei Wochen, genauer gesagt dem Sonntag, 9. Dezember, hat die S12 einen Zwilling, die S11 nach Aarau, die genauso rasch über Stettbach und Stadelhofen nach Zürich HB fährt. Den beliebten Pendlerexpress gibt es nun im Viertelstundentakt. Damit verliert die S12 allerdings ihren Kultstatus, glaubt Widmer. «Die Marke wird verwässert.» Nur schon weil sich der Abfahrtsort vom bevorzugten Gleis 3, direkt am Bahnhofsgebäude, auf die abgelegeneren Gleise 4 oder sogar 7 verschiebt.

Es hat noch freie Sitzplätze

Ein Augenschein vor Ort. Es ist 6.52 Uhr, die letzte Arbeitswoche vor Weihnachten, und am Gleis 4 setzt sich die S12 in Bewegung. Durch die Fenster das übliche Bild: Vier Fünftel der Pendler starren aufs Handy, der Rest in eine Gratiszeitung. Die Hälfte trägt Kopfhörer, niemand spricht. Etwas ist anders als früher: Es gibt einzelne freie Sitze.

Liegt es an der S11? Diese fährt eine Viertelstunde später ab Gleis 3, pünktlich um 7.09 Uhr. Hat der Fahrplanwechsel das Pendlerleben verbessert? «Für mich nicht», sagt Chantal Hebeisen, die aus Weinfelden nach Zürich pendelt. Mit der «alten» S11, einem Entlastungszug am Morgen, habe sie direkten Anschluss gehabt, jetzt warte sie eine Viertelstunde in der Winterthurer Morgenkälte. «Ein Seich», sagt auch der nächste Befragte, er ist ebenfalls aus der Ostschweiz.

Immerhin besser als im Auto

In der S11 sitzt Hans-Ulrich Morf aus Elgg, vor seinen Füssen liegt ein Helm. Morf arbeitet in der Gebäudetechnik und ist unterwegs zur Grossbaustelle an der Europaallee. Warum nicht mit dem Auto? «Haben Sie mal auf die Strasse geschaut?», fragt er zurück. In Dietlikon überqueren wir den A1-Morgenstau. «Und in Zürich zahle ich 50 Franken Parkgebühr pro Tag.» Seine Frau arbeite in einer Augenarztpraxis in Zürich und sei nicht glücklich über den Fahrplanwechsel. «Sie hatte vorher einen Entlastungszug, der aus Elgg ohne Umsteigen nach Zürich fuhr. Jetzt muss sie in drei Minuten von Gleis 1 zum Gleis 7, das ist jeden Morgen eine Zitterpartie.»

«Man gewöhnte sich an die Fahrt in der Sardinenbüchse.»

Josua Schiesser, Theologiestudent

Julia, eine Studentin, sagt, sie habe gar nichts bemerkt von der Umstellung. Sie guckt ihre Kollegin fragend an: War da etwas? Einer hat etwas gemerkt: Urs Egli. Er wohnt in Seen und arbeitet in der kantonalen Verwaltung. «Es hat deutlich mehr Platz im Zug», sagt er. «Vor allem auch abends. Dank der S11 findet man jetzt fast immer einen Sitzplatz.» Egli steht trotzdem, freiwillig. «Ich sitze bei der Abeit genug.»

Sie pendelt gegen den Strom

Wer pendelt eigentlich in die Gegenrichtung? Eine Fahrt mit der S11 zurück, 7:35 Uhr ab Stadelhofen, soll Aufschluss geben. Es sind eindeutig weniger Leute. Sie können sich freie Viererabteile aussuchen. Und in Stettbach steigen etwa nochmals zwei Drittel dieser Rumpfbesatzung aus. Julia Wagner bleibt sitzen. Sie hat einen kantigen Lederkoffer vor sich. «Ich wohne im Aargau und mache die Ausbildung zur Pferdefachfrau», erzählt sie. In Winterthur und Effretikon gehe sie zur Berufsschule und in die BMS. Berufschüler und ZHAW-Studenten stellen die wohl grösste Population der Gegenpendler auf den Linien S12 und S11. Eine Parallelwelt mit Sitzplatzgarantie.

In Winterthur steige ich in den Klassiker um, die S12 Richtung Brugg. Es ist mittlerweile 7:52 Uhr, jetzt sind die Studenten unterwegs. «Ich bin früher oft im Gang gestanden», sagt Josua Schiesser. «Man gewöhnt sich daran, an die Fahrt in der Sardinenbüchse.» Heute könnte er sitzen, von Gedränge kann keine Rede sein. «Ich glaube trotzdem, es ist noch zu früh für ein Fazit», sagt der Theologiestudent. Er freut sich über das Gespräch, eine Seltenheit im Zug um diese Uhrzeit. Als Pfarrer will er ja dann auch nahe bei den Leuten sein.

Heimfahrt. Es ist 8.51 Uhr, die S11 fährt im Hauptbahnhof Winterthur ein. Im etwa halbvollen Wagen blickt nur einer nicht aufs Handy: Ein junger Mann hat die Wollmütze bis zur Nasenspitze übers Gesicht gezogen und schläft. (Der Landbote)

Erstellt: 21.12.2018, 15:17 Uhr

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