Wiesendangen

Wie ein Treppensturz ihr Leben veränderte

Ein Unfall veränderte das Leben der Familie Christen-Poropat aus Wiesendangen. Heute, sechs Jahre später, bekommt sie Hilfe von allen Seiten.

Ausflug zum Schützenweiher: Nicole Christen mit Töchterchen Nina.

Ausflug zum Schützenweiher: Nicole Christen mit Töchterchen Nina. Bild: Marc Dahinden

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Im Rollstuhl ist es ihr langweilig. Die Sechsjährige lehnt sich nach vorne und schmiegt ihr Gesicht in die Hände der Mutter. «Gehen wir jetzt?», fragt sie ungeduldig. Ruckweise hampelt sie auf ihrem Sitz hin und her. «Nina, fahr doch ein bisschen hier im Restaurant herum, bis wir den Kaffee ausgetrunken haben», sagt ihre Mutter. «Nachher gehen wir die Enten füttern.»Nina lässt sich, wie die meisten Kinder, nicht sofort überzeugen. Sie scheint sich die Worte ihrer Mutter aber immerhin zu überlegen.

Das Mädchen im Rollstuhl leidet seit Geburt an einer cerebralen Bewegungsstörung.

Versonnen blickt sie nach draussen zum Schützenweiher und lehnt sich im Rollstuhl zurück. Ihr Gesicht hellt sich wieder auf. Nicole Christener ist mit ihrer Tochter an diesem Vormittag in Winterthur unterwegs. Robert Poropat, ihr Ehemann, sei mit Ninas älterer, achtjähriger Schwester Leonie in den Reitferien, sagt sie. Die vierköpfige Familie lebt in Wiesendangen. Das Mädchen im Rollstuhl leidet seit Geburt an einer cerebralen Bewegungsstörung.

Auf der Treppe ausgerutscht

Während der Schwangerschaft ahnte Nicole Christen nicht, dass ihr zweites Kind mit einem Gendefekt zur Welt kommen würde. «Es verlief bis fast zum Schluss alles reibungslos.» Doch kurz vor der Geburt kam es im Mutterleib zu einer Komplikation. «Ninas Blase entleerte sich nicht, wie sie sollte.»

Damals war Nicole Christen 35 Jahre alt. Im Spital konnte man zunächst helfen. Doch die Blase füllte sich wieder. Der Arzt deutete an, dass solches auf eine Schädigung des Hirns hinweisen könnte. Dies lasse sich im Fall von Nina aber nicht bestätigen. Wenig später kam das Mädchen zur Welt. «Alles in Ordnung», attestierten die Ärzte den Eltern.

«Ich habe versucht, mich aufzufangen und bin dabei auf ein herumliegendes Spielzeug getreten.»Nicole Christen

«Zuhause erwies sich Nina dann als Schrei-Baby», sagt Christen. «Sonst haben wir aber nichts Beunruhigendes festgestellt.» Alles schien normal, so wie die Ärzte es gesagt hätten. Bis zu dem Tag, als die Mutter mit dem Kind im Arm die Treppe hinabfiel. Auf dem untersten Treppenabsatz sei sie ausgerutscht. «Ich habe versucht, mich aufzufangen und bin dabei auf ein herumliegendes Spielzeug getreten.» Ihr Fuss knickte ein. Und im Versuch, sich aufzufangen fiel ihr das Baby aus den Händen.

Das Computerbild zeigt mehr

Die Mutter fuhr mit dem Kind sofort ins Spital. Dort wurde eine Computertomografie gemacht. «Ihr Baby hat einen Schädelbruch», sagte der Arzt und beruhigte gleichzeitig. Das wachse bei Säuglingen etwa so schnell wieder zusammen wie ein gebrochener Finger. Etwas anderes besorgte ihn auf dem Computerbild weit mehr. Ninas Hirn weise Verkalkungen auf und ihr Kleinhirn sei asymmetrisch. Schliesslich wurde beim drei Wochen alten Säugling eine cerebrale Bewegungsstörung diagnostiziert.

Nicole Christen realisierte nicht gleich, was das bedeutete. Nämlich, dass ihr Töchterchen Schwierigkeiten beim Gehen haben würde und wohl ihr ganzes Leben auf Hilfe im Alltag, beim Anziehen, Essen und Trinken angewiesen sein wird. «Ich war zu sehr mit meinen Schuldgefühlen beschäftigt», sagt sie. «Ich dachte von mir, nur eine schlechte Mutter lässt ihr Kind fallen.»

Darum registrierte sie damals nur, dass Nina vom Schädelbruch keinen bleibenden Schaden davontragen würde. Dass aber das Hirn wegen eines Gendefektes beschädigt war, habe sie nicht wahr haben wollen. «Wie gingen mit dem Kind in die Physiotherapie und machten, was man uns sagte.» Doch es sollte ungefähr ein Jahr dauern, bis die Mutter erkannte, wie gross die Auswirkungen des Hirnschadens wirklich waren.

«Ich dachte von mir, nur eine schlechte Mutter lässt ihr Kind fallen.» Nicole Christen

So schlimm die Erinnerung an diese Zeit ist. Den Treppensturz stuft Nicole Christen heute als Glück im Unglück ein. «Sonst wären wir erst viel später auf den Gendefekt gestossen und hätten dann eine grosse Abklärungsmaschinerie über uns ergehen lassen müssen.»

Keine Zeit zum Grübeln

Nicole Christen ist eine aufgestellte Frau. Sie strahlt Herzlichkeit und Humor aus. «Ich bin nicht gern traurig und möchte es schön haben.» So sei ihr Naturell, sagt die 41-Jährige. «Aber manchmal beschäftigt es mich schon, wie die Zukunft für uns und Nina aussehen wird.» Doch das Leben im Hier und Jetzt lässt der Familienfrau kaum Zeit zum Grübeln.

Das Familienleben im Alltag fordert die beiden berufstätigen Eltern heraus. Robert Poropat ist Betriebsfachmann bei einem Hersteller von Turbogetrieben. Nicole Christen arbeitet halbtags als Fachfrau für Sozialversicherungen. «Ich könnte mir ein Leben ohne Berufsarbeit nicht vorstellen», sagt sie. Dass das geht, habe mit den Eltern und der Schwiegermutter zu tun. «Sie leisten wertvolle Hilfe und hüten vor allem unsere ältere Tochter.»

«Ich könnte mir ein Leben ohne Berufsarbeit nicht vorstellen.»Nicole Christen

Doch es braucht mehr Unterstützung. Vor allem in den elf Ferienwochen, in denen die Maurerschule für cerebral gelähmte Kinder, welche Nina in Winterthur besucht, geschlossen hat. «Meiner Tochter fällt es zusehends schwerer zu akzeptieren, dass sie ohne Hilfe nichts basteln kann und warten muss, bis jemand Zeit für sie hat», sagt die Mutter.

Ohne schlechtes Gewissen

Die Krippenleiterin wies die Familie vor zwei Jahren auf den Schweizer Entlastungsdienst im Kanton Zürich hin. Die Familie hatte Glück. «Wir fanden zwei tolle Frauen, die sich in den Schulferien abwechslungsweise zwei Tage pro Woche um Nina kümmern.»

Die eine sei eine Unterstützungslehrerin aus Elsau. Die andere eine Bäuerin aus Buch am Irchel. «Wenn Nina in ihrer Obhut ist, kann ich ohne schlechtes Gewissen arbeiten gehen und mich voll und ganz auf meinen Job konzentrieren», sagt Nicole Christen. Sie schiebt den Rollstuhl an zum nächsten Ziel, das sie mit Nina anpeilt: Enten füttern.

(Der Landbote)

Erstellt: 29.10.2017, 13:55 Uhr

Der Entlastungsdienst Kanton Zürich kommt zum Einsatz

«Wir backen manchmal einen Zopf.»

Die Kinderkrankenschwester und Mütterberaterin Christine Kramer aus Buch am Irchel ist eine von zwei Helferinnen des Entlastungsdienstes Schweiz–Kanton Zürich, die Nina während ihren Schulferien stundenweise auf Anfrage betreuen.

Sie lädt die Sechsjährige dann gern zu sich auf den Hof ein. «Bei Nina muss immer was gehen», sagt Kramer. «Doch für mich sind das die ruhigen Momente, in denen ich die Hektik rundum für einige Stunden vergessen kann.»
Die beiden backen dann zum Beispiel einen Zopf oder machen einen Rundgang auf dem Bauernhof. «Nina liebt es, den Muni, Kälbli und Büsis guten Tag zu sagen.» Der Entlastungsdienst wurde 1983 gegründet. Er geht auf eine In­itia­ti­ve von betroffenen Eltern und einer Sozialarbeiterin zurück und bietet Unterstützung bei der Betreuung von Kindern, Erwachsenen und Senioren mit einer Behinderung, psychischer oder körperlicher Einschränkung oder Demenz.

Die Einsätze, welche von geschulten Laien geleistet werden, können stundenweise, pro Tag oder Woche erfolgen. Sie finden meist regelmässig und im gewohnten Umfeld der zu betreuenden Person statt. Der Entlastungsdienst bietet sich auch zur kurzfristigen Betreuung, Überbrückung von Engpässen oder bei Überlastung oder Ferienabwesenheiten an.

In der Region Winterthur/Andelfingen hat der Entlastungsdienst letztes Jahr 2000 Einsätze geleistet. Als regionale Koordinatorin ist Isa Scherr aus Brütten (Telefon 044 741 13 23) dafür zuständig. Viele Helferinnen und Helfer bringen Erfahrungen aus dem Sozialbereich mit. Der Dienst kostet für IV-Bezüger 25 Franken pro Stunde, für alle anderen 38 Franken.

Ein Nachmittag zu zweit: Christine Kramer und Nina. (Bild: Marc Dahinden)

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