FCW

Wie eine wahre Mannschaft

Den Stil, den er beim 3:1 gegen den FC Aarau gezeigt hatte, bestätigte der FCW in Rapperswil-Jona ein erstes Mal. Sein 4:0 gegen die bis dahin verlustpunktlosen St. Galler war in Zahlen wie Leistung überzeugend. Man ist danach geneigt zu sagen: Da kann etwas zusammenwachsen.

<b>Zurecht ausgiebig feiern</b> liessen sich die FCW-Spieler von ihrer Fankurve nach dem 4:0-Sieg beim bis dahin verlustpunktlosen Rapperswil-Jona.

Zurecht ausgiebig feiern liessen sich die FCW-Spieler von ihrer Fankurve nach dem 4:0-Sieg beim bis dahin verlustpunktlosen Rapperswil-Jona. Bild: Moritz Hager

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«Am Schluss war das Resultat gar noch gnädig.»Urs Meier, Trainer Rapperswil-Jona

Eine launige Schiffsreise zu einem Auswärtsspiel war für die FCW-Fangemeinde nichts Neues. Sie ist schon vor einem Jahr, damals in Begleitung eines «haushohen» Favoriten, so ins landschaftlich schönste Stadion der Liga gepilgert. Vom Grünfeld in Jona heimgefahren sind die Fans damals 1:3 geschlagen. Doch diesmal war alles anders, praktisch von der ersten Sekunde an – und bis zu den ausgiebigen Feiern mit einer Mannschaft, die nicht nur erstmals seit der gemeinsamen Erstliga-Saison 1998/99 am Obersee gewonnen, sondern in vielen Beziehungen überzeugt hatte.Nach 52 Sekunden, dem schnellsten FCW-Tor der Neuzeit, stands 1:0, nach sieben Minuten 2:0. Zweieinhalb Minuten nach der Pause wurden die Hoffnungen der St. Galler, die sie mit ihrer besten Phase in den 20 Minuten vor der Pause genährt hatten, gleich wieder erstickt. Am Ende war die Bilanz zu ziehen, der FCRJ sei mit vier Gegentoren noch gut bedient gewesen, denn schliesslich hatten noch drei Winterthurer Pfosten oder Latte getroffen. Es war auch den St. Gallern klar, «dass das ein verdienter Sieg des FCW war. Am Schluss war das Resultat gar noch gnädig.» So formulierte es Trainer Urs Meier, nach seiner ersten Niederlage als «Rapperswiler» im fünften Treffen mit dem FCW. Da habe, fügte Meier bei, «eine Mannschaft auf dem Platz gestanden mit so viel Qualität, wie ich schon nach dem Match gegen Aarau sagte.» Zu den Seinen merkte er an: «Uns tut ganz gut, eins aufs Dach bekommen zu haben.» Denn natürlich weiss ein Realist wie Meier, dass die Rapperswiler bei allem Respekt vor ihrer Arbeit keine Spitzenmannschaft der Liga sein können.

Die Rolle des neuen «Vize»

Ob das dereinst vom FCW wieder mal gesagt werden darf, ist natürlich noch offen – auch wenn er diesmal wie ein Spitzenteam auftrat. Wichtig war einfach, dass er all das ein erstes Mal bestätigt hat, was er gegen den FC Aarau zeigte – notabene eine Woche nach dem enttäuschenden Startmatch in Wil. Der FCW hat ein zweites Mal geliefert (und eben nicht gelafert). Er hat keine Wunderdinge geboten, aber eine Einsatzbereitschaft, eine Arbeitsmoral, die gute Mannschaften auszeichnet. Die Spieler haben ja «nur» erfüllt, was sie gleichsam versprochen hatten: Wieder viel zu laufen, keinem Zweikampf aus dem Weg zu gehen – und dann müssten die spielerischen Beigaben auch kommen. Und dies vor allem: ein Sieg ist nichts, ein zweiter schon ein bisschen mehr – aber «normal» werden muss die richtige Einstellung.

«Es macht einfach Spass. Es ist toll, wie wir uns immer wieder pushen»,Luca Radice, Vizecaptain FCW

Das sind die Qualitäten erfolgreicher Mannschaften. Also machte der FCW auf dem Grünfeld wieder diesen Eindruck: den einer «wahren» Mannschaft. «Es macht einfach Spass. Es ist toll, wie wir uns immer wieder pushen», sagt Luca Radice, an diesem Tag einer der besten, wenn nicht der beste im Team. Und vor allem ist er gutes Beispiel für eine funktionierende Mannschaft: Er hat, eine Woche vor dem Meisterschaftsstart, sein Captainamt verloren – an Davide Callà, der ja als Leader zurückgeholt worden ist. «Für mich war das», sagt Radice heute, «kein Problem. Als der Trainer in Manchester kam und mir das sagte, habe ich es sofort akzeptiert. Natürlich, ich hätte gerne weitergemacht, aber ich will auch jetzt meinen Beitrag leisten.» Das soll, beispielsweise, heissen, «Callà zu helfen, den Karren zu ziehen.» Radice zieht mit – und spielt besser als zuvor. Er spielt, als sei womöglich doch ein klein bisschen von der Last der Verantwortung von seinen Schultern gefallen. Aber wahrscheinlich ist er einfach auch der Vizecaptain eines Teams mit funktionierender Hierarchie und nicht der Captain einer Mannschaft, die zu wenig eine ist.

Da hilft, dass sich Callà und Radice bestens verstehen, dass überhaupt eine Grundstimmung herrscht, die nicht von vordergründigem Hurra, sondern von kollektivem Leistungswillen geprägt ist. Es wirkt in der Tat so, wie es auch Radice formuliert: «Jeder hat in dieser Mannschaft seinen Platz» – bis hin zu jenen, die auf der Bank sitzen. Wie Granit Lekaj, der doch als Teamstütze geholt wurde und nun vorübergehend zuschauen muss. Gabriel Isik spielte gegen Aarau, weil Lekaj erst am Spieltag von seinen Hochzeitsfeierlichkeiten im Kosovo zurück war. Isik nutzte seine Chance, Lekaj sitzt draussen, ohne zu Murren – bis er selbst gebraucht wird.

Fast 12 Kilometer in der Hitze

Also sah die FCW-Gemeinde, rund 400 an der Zahl, hinter dem Tor und auf der Tribüne eine Mannschaft, die in der Tat Spielfreude zeigte. Es geriet, anders als in der jüngeren Vergangenheit, keiner in Verdacht, nicht Meter auch für den laufen zu wollen – beispielsweise nach einem Ballverlust. «Es ist jetzt aber auch so», denkt Radice, «dass wir vorne wissen: Hinten stehen sie gut und es wird nicht gleich gefährlich.» Über die Einstellung der Winterthurer in der Hitze von Rapperswil klärt dies auf: Alle Laufleistungen waren gut bis sehr gut, bis hin zu jenen knapp zwölf Kilometern, welche die Flügelmänner Callà und Radice oder der «Sechser» Remo Arnold liefen.

Typisch für den Biss, den die Mannschaft zu zeigen bereit ist, war das 3:0 Doumbias. Der Ivorer sass, Spätfolge seines Platzverweises in Wil, anfangs auf der Bank. Dann schickte ihn Trainer Ralf Loose zur zweiten Halbzeit aufs Feld, weil er nach der Phase gleich vor der Pause «die Ruhe im Mittelfeld» vermisste, weil Karim Gazzetta nach einer Verwarnung und mit ein paar Ballverlusten zum Sicherheitsrisiko geworden war. Nicht mal drei Minuten also stand Doumbia auf dem Platz, als Jung-Verteidiger Enrique Wild auf der linken Seite durchlief und flach zurückpasste. Einige Rapperswiler standen besser zum Ball als Doumbia, der aber mit solcher Schnelligkeit und Entschlossenheit heranbrauste, dass er den Ball erreichte und schliesslich gnadenlos ins Netz drosch. So ein FCW-Tor hat man lange nicht gesehen.

Das (erste) Lob für Gele

Es kam dann eine Viertelstunde vor Schluss auch noch Taulant Seferi, mit derselben Durchschlagskraft im Zweikampf ausgezeichnet. Er erschien für Jordan Gele, der auch im dritten Match kein Tor geschossen hatte – aber schon wieder deutlich besser war als gegen Aarau. Und damals war er besser als in Wil gewesen. Das Winterthurer Publikum anerkannte Geles Arbeit. Das tat auch der Trainer: «Er hat damit der Mannschaft mehr genutzt als wenn er irgendwann ein Tor geschossen und sonst wenig gemacht hätte.»

Klar ist, die Phase vor der Pause muss als Lehrstück für die Weiterentwicklung herhalten. Dass das von den Spielern sehr wohl registriert wurde, war nächster Hinweis auf den Realismus dieser Mannschaft, die bisher ihre Auftritte rhetorisch sehr wahrheitsgetreu wiedergab. Und die, ganz im Sinne des Routiniers Callà, weiss, dass sicher nicht drei Spiele über Erfolg oder Misserfolg einer Saison entscheidet. Oder wie es «Vize» Radice sagt: «Wir haben uns gleich wieder gesagt: Wir dürfen nicht nachlassen, nie nachlassen.» Dann kann etwas wachsen in diesem Team, weil es die Züge einer wahren Mannschaft erkennen lässt.

Erstellt: 05.08.2018, 17:54 Uhr

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