Winterthur

Wie Farbe in die Stadt kam

Das Neujahrsblatt «Farbraum Stadt» geht der Farbkultur in Winterthur nach. Und kartografiert das Kolorit ganzer Quartiere.

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Bonbonbunt leuchtet die Winterthurer Altstadt, kaum eine Fassade ist weiss oder grau. Das war nicht immer so. Fachleute vom Haus der Farbe in Winterthur haben gemeinsam mit Historikern und Denkmalpflegern die Farbigkeit der Stadt Winterthur untersucht.

Herausgekommen ist ein Buch von rund 120 Seiten, mit zahllosen Fotos und drei aufklappbaren «Farbkarten». Sie zeigen, abstrakt, die Farbtöne ­bestehender Quartiere und Strassenzüge und könnten künftig als Hilfsmittel zur Farbwahl in unterschiedlichen Quartier­situationen dienen. Seit heute ist das Buch im Handel.

Zur Geschichte der Fassadenfarben gibt es in Winterthur zwei Kronzeugen. Beide sind im Museum Lindengut ausgestellt: die Vogelschau eines unbekannten Malers aus dem Jahr 1648 und das Stadtmodell von Johann Georg Forrer aus den Jahren 1810 bis 1818. In beiden Ansichten ­dominieren in den Gassen der Altstadt einheitliche Weiss- und Grautöne, unterbrochen von seltenen Akzenten in erdigem Rot oder Ockergelb.

«Die farbige Altstadt der 1920er-Jahre war, mit heutigen Worten gesprochen, ein kurzfristiger Trend; mit dem nächsten Anstrich war der Spuk vorbei.»Andres Betschart,
Leiter Sammlung Winterthur

Das hat auch technische Gründe. Erst mit der Erfindung der Mineralfarben im späten 19. Jahrhundert standen wetterfeste und lichtechte Pigmente in fast allen Farben zur Verfügung. Ab etwa 1920 waren sie als streichfertige Fassadenfarben verfügbar und lösten einen Trend zur Farbigkeit aus.

Kurzlebige «farbige Stadt»

Auch in Winterthur. Das Gewerbemuseum lud 1926 zur viel beachteten Ausstellung «Die farbige Stadt». In ihrem Rahmen entstanden, in einem aufwendigen Verfahren, die ersten Farbfotos von Winterthur. Sie zeigen eine Steinberggasse, die fast so bunt ist wie heute, oder einen leuchtend roten «Strauss», mit Fassadenmalerei. Lang hielt die Farbenpracht nicht. Der Heimatstil der geistigen Landesverteidigung idealisierte weisse Wände, gerne in Kombination mit grünen Fensterläden.

Andres Betschart, Leiter der Sammlung Winterthur, kommt zum Schluss: «Die farbige Altstadt der 1920er-Jahre war, mit heutigen Worten gesprochen, ein kurzfristiger Trend; mit dem nächsten Anstrich war der Spuk vorbei.» Erst in den Siebzigerjahren kehrte die Lust an der Farbe zurück – und blieb.

Ein emotionales Thema

Ob historischer Dorfkern oder heterogenes Aussenquartier, jede Lage hat ihre Farbstimmungen – und ein einziger Neuanstrich kann das Ensemble stören. Wie emotional Farbe im Quartierbild beurteilt werden kann, zeigte 2013 der Neuanstrich des Hauses Concordia in Veltheim. Dessen knalliges Orange wurde in Leserbriefen alternativ als «fröhlicher Farbtupfer» oder «Scheusslichkeit» bezeichnet.

Stadtbaumeister Jens Andersen hofft, dass das Neujahrsblatt, und besonders die Farbkarten, das Verständnis für die «gewachsene Farbkultur» fördern und als «Grundlage für eine sachliche Diskussion» dienen können.

(Der Landbote)

Erstellt: 19.01.2019, 09:05 Uhr

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