Seen

Winterthurer bauen am schönsten

Die Hagmann-Wohnüberbauung beim Bahnhof Seen ist mit dem Zürcher Architekturpreis ausgezeichnet worden. Bereits vor einigen Wochen wurde ein Buch über das besondere Bauprojekt publiziert.

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Das Buch «Gemeinschaft bauen» ist so ungewöhnlich und so vielseitig wie das darin beschriebene Wohnprojekt. Auf dem sogenannten Hagmann-Areal unmittelbar neben dem Bahnhof Seen, stand die Besitzerfamilie vor der Frage: Was tun mit der Baulandreserve, der grossen grünen Goldgrube?

Der Vater Fritz Hagmann beauftragte seine (auch schon rund 60-jährigen) Nachkommen Christian, Barbara und Ueli, eine sinnvolle Nutzung zu planen. Diese zogen den Winterthurer Architekten Hannes Moos als Berater bei, und dann gings los. 2010 wurden die ersten Ideen gewälzt, 2012 die Ergebnisse eines freiwilligen und privaten Architekturwettbewerbs präsentiert, 2013 lag der Gestaltungsplan vor, 2015 das Baugesuch, 2016 war Baubeginn, 2018 Bezug der 50 Mietwohnungen.

Visionen, Ängste und Erfolge

Über all diese Phasen, über die Gedanken, die sie sich machten, und die Ängste, die sie quälten, erzählen die drei Hagmann-Nachkommen im Buch ausführlich. Es ist die sehr lesenswerte Niederschrift eines offenen Gesprächs, das die Journalistin und Moderatorin Karin Salm mit dem Geschwister-Trio führte. «Ich wusste, dass hier etwas Gemeinschaftliches entstehen sollte», sagt etwa Christian Hagmann, und ein paar Zeilen weiter unten: «Mit unserer Vision hatten wir das Gefühl, vor einem unüberwindbaren Berg zu stehen.»

So wurde das Hagmann-Areal im Kino beworben.

Würde das wirklich klappen mit dem Wunsch, eine autoarme nachhaltige Siedlung zu bauen? Es klappte, nur fünf Autoparkplätze für Mieterinnen und Mieter sowie zwölf für Leute auf Besuch stehen zur Verfügung, aber keine Tiefgarage. Und wie würden die Leute reagieren auf die Idee, relativ kleine kompakte Wohnungen zu bauen, «keine Bluffwohnungen mit 40 Quadratmeter grossen Wohn- und Esslandschaften»? Auch das ging auf, Mieterinnen und Mieter zu finden, war kein Problem. Manche von ihnen sind ebenfalls Teil des Buches. In kurzen Porträts werden Familien, Paare, Einzelpersonen, Kinder und Pensionierte, eine WG und das Hauswartteam beschrieben und in Bildern gezeigt. Auch die Leute, Männer vor allem, die all das bauten, sind im Buch meist auf der Baustelle zu sehen, die Architekten ebenso wie die Gipser, Maler und die Zimmerleute.

Eine Familiengeschichte

Das Buch erzählt im ersten Teil auch die private Geschichte der Hagmanns in Seen, eine lokale Familiensaga, garniert mit Bildern aus dem Privatalbum. Vor allem diese zeigen, wie eine zunehmend wohlhabende Seemer Familie in früheren Jahren lebte, reiste, musizierte und baute.

«Wenn die Gier und ein unanständiges Renditestreben im Zentrum stehen, sind solche Projekte nicht realisierbar.»Der Bauherr

Die Nomination für den Zürcher Architekturpreis und die Übergabe einer Auszeichnung (siehe Kasten) setzen den Schlusspunkt hinter diese Baugeschichte. Die Auszeichnung ehrt nicht nur die Unternehmerfamilie und den Mut des Geschwistertrios, sondern natürlich auch die beiden Zürcher Architekturbüros weberbrunner und Soppelsa. Auch sie kommen im genannten Gespräch zu Wort. Was würden sie Bauherren raten, die in einer ähnlichen Situation wie Hagmanns sind: ein schönes Stück Land vor sich, und den Kopf voller Ideen und Zweifeln? «Mutig sein und eine Vision haben», sagt einer der Architekten. Und der Bauherrenvertreter betont: «Wenn die Gier und ein unanständiges Renditestreben im Zentrum stehen, sind solche Projekte nicht realisierbar.» Nachahmen wird gleichwohl empfohlen, eine Checkliste für Bauherrschaften mit sozialem und Umwelt-Bewusstsein rundet das Buch ab. Stichworte darin: Rollen klären, Offenheit zeigen, selbstkritisch bleiben.

Die Gewinner
Die Wohnüberbauung auf dem Hagmann-Areal wurde mit einer von drei Auszeichnungen im Rahmen des Architekturpreises Kanton Zürich, der zum sechsten Mal vergeben wurde, geadelt. Die beiden anderen Preise gingen an eine Schule in Glattbrugg und ein Wohnhaus in Zürich. Die Fachjury hatte 93 Bauten beurteilt.

In die engere Auswahl von 19 nominierten Bauten schafften es auch zwei Siedlungen der Winterthurer Wohnbaugenossenschaft GWG, je eine in Ossingen und Elsau. Die Elsauer Siedlung Flarzett wurde sogar mit einer Anerkennung, der zweithöchsten Stufe, bedacht. GWG-Geschäftsführer Andreas Siegenthaler freute sich darüber und führte den Erfolg auf die hohe Bauqualität zurück, die man pflege. Bei der GWG sitzen zwei bekannte Winterthurer Architekten im Vorstand. Christian Hagmann war zunächst nahezu sprachlos, als er vom Preis für seine Siedlung erfuhr: «Wow, das freut mich sehr.»(Autor/Kürzel)

Erstellt: 10.12.2019, 17:44 Uhr

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