Kraftklub

«Wir nehmen jetzt die Perspektive von Lohnarbeitern und Drogenabhängigen ein»

Die Band Kraftklub aus Chemnitz bezieht Stellung gegen Wutbürger. Am Freitag spielen die Punkrocker an den Musikfestwochen. Ein Gespräch mit Sänger Felix Brummer.

In diesen Zeiten müsse man Haltung zeigen, sagt Kraftklub-Sänger Felix Brummer (Mitte vorne).

In diesen Zeiten müsse man Haltung zeigen, sagt Kraftklub-Sänger Felix Brummer (Mitte vorne). Bild: zvg

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Der Albumtitel «Keine Nacht für Niemand» ist eine Anspielung auf den Ton-Steine-Scherben-Klassiker «Keine Macht für ­Niemand». Sehen Sie sich in der Tradition von Musikern vergangener Generationen?
Felix Brummer: Wir wollen in niemendes Fussstapfen treten. Die ganze Platte ist aber gespickt mit Reverenzen an Bands, die uns beeinflusst haben. Damit wollten wir auch bei dem Titel nicht aufhören. Der Texter Rio Reiser und die Band Ton Steine Scherben waren Wegbegleiter unserer eigenen musikalischen Sozialisation. Nur wenige haben in deutscher Sprache so grossartige Sachen hervorgebracht wie er.

Die Musik der Scherben wurde zum Soundtrack der Rebellion. Geht es in der Rockmusik heute noch um Rebellion?
Auf unserem Debütalbum war ein Song, der davon handelte, dass man nichts mehr habe, wogegen man rebellieren könne. Dass alle Schlachten schon geschlagen worden seien von unseren Eltern. Aber ehe man sichs versieht . . . Vielleicht ist das der einzige positive Effekt, den die ganze momentane Misere hat, die in den letzten zwei Jahren so passiert ist. Diese Entwicklung kann man nicht einfach abnicken. Wir haben jetzt etwas wiedergefunden, was vor fünf Jahren für uns noch nicht greifbar war.

Müssen Künstler heutzutage zwangsläufig auch politisch Stellung beziehen?
Schon am Anfang haben wir für uns festgestellt, es funktioniert nicht, eine unpolitische Band zu sein, wenn man aus fünf sehr politischen Menschen besteht. Und jetzt haben wir wieder Themen, über die man wirklich reden kann. Ich finde es spannend, zu beobachten, wie manche Künstler an sich das Politische entdecken. In diesen Zeiten keine Haltung zu zeigen, halte ich für entlarvend.

Wie entstehen Kraftklub-Texte?
Ich bin derjenige, der die Geschichten aufschreibt, aber die Ideen kommen von allen Jungs in der Band. Ich bin wie ein Schwamm. Einzelne Zeilen haben sich nie geeignet als Poesiealbumsprüche, weil es bei uns immer auf den Kontext ankommt. Wenn ich im Internet sehe, wie Leute eine Zeile wie «Spring aus dem Fenster für mich» herausheben, erschrecke ich selber. «Für immer allein» etwa von der letzten Platte liest sich aus dem Kontext gerissen wie todtraurige Prosa. In Wirklichkeit entstammt diese Zeile aber einem positiven Lied übers Alleinesein.

«Spring aus dem Fenster für mich» ist ein augenzwinkender Aufruf, sich zu engagieren. Wie kamen Sie auf diese Zeile?
Die Texte auf diesem Album sind etwas drastischer als bisher. Darauf wurde uns geschrieben, wir könnten doch niemanden aktiv zum Suizid auffordern. Wie könnten wir nur so taktlos sein. Leider wird Kunst manchmal von Leuten anders aufgefasst, als sie gemeint ist.

Wobei nicht ganz klar wird, ob dieser Song ironisch oder im Subtext auch ein bisschen ernst gemeint ist.
Das ist immer schwierig zu erklären. Der Song ist eigentlich ein Aufruf, sich zu engagieren, nur wörtlich genommen ist er das Gegenteil davon. Er nimmt die groteske Perspektive des Wut- und Reichsbürgers ein, der zu Hause Waffen hat und sich in den Kommentarspalten beim «Spiegel» auslässt. Aber im Subtext ist der Song eigentlich ein Aufruf, sich gegen Wutbürger zu engagieren.

Bekommen Sie auch Reaktionen von der falschen Seite?
Ein AfD-Fritze hat sich bei Twitter bedankt für die inspirierenden Worte dieses Liedes. Irgendwann verliert man die Deutungshoheit über einen Song. Wir können ja nicht zu jedem Lied einen Beipackzettel mitliefern und sichergehen, dass ihn auch jeder liest und versteht.

«Dein Lied» ist eine musikalische Abrechnung mit der Ex. Welche Reaktionen bekommen Sie auf diesen bitterbösen Song?
Viele positive und viele negative. Ich habe das Gefühl, dass manche Leute mit diesem Lied überfordert sind, weil es nicht von einem bösen Rapper stammt, sondern von einer Band, von der sie höchstens ein romantisches Liebeslied erwartet hätten. Das heisst aber nicht, dass man den Song nicht machen darf, sondern nur, dass manche von ihm überfordert sind. In dieser Überforderung neigen sie dazu, den Song ernst zu nehmen und nicht zu dem eigentlich naheliegenden Schluss zu kommen, dass es sich hierbei um Kunst handelt. Autor und Protagonist sind ja nicht identisch.

Ist diese Differenz in Ihren Songs immer offensichtlich?
Wir sind ja vorher noch nicht als Sexisten oder Chauvinisten aufgefallen. Hier wird einfach nur die Perspektive eingenommen von einem verzweifelten, gebrochenen Typen. Er versucht, sich weiszumachen, dass er mit der Trennung erwachsen umgehen kann, auch wenn über ihm alles zusammenbricht. Und dann bricht sich die schlimmste Art Bahn, wie er seine Ex schmähen kann. Es gibt diese feministische Grundhaltung: Eine Frau als Hure zu bezeichnen, ist per se verboten. Aber bei Verboten stellen sich mir wiederum die Haare auf. Es kommt eben auf den Kontext an. Ein Schimpfwort an sich hat den Zweck, jemanden zu entmenschlichen. Mir geht es mit dieser Rachefantasie darum, die Gefühlswelt von so einem Typen zu zeichnen. Natürlich ist dieses Lied politisch unkorrekt, aber es ist authentisch. Wir nehmen jetzt die Perspektive von Lohnarbeitern und Drogenabhängigen ein. Das sind faszinierende Figuren.

In «Fan von dir» beschäftigen Sie sich mit dem Fantum. Wie hartnäckig sind Ihre Fans?
Im Vergleich zu Kollegen ist es bei uns absolut harmlos. Andere mussten teilweise umziehen. In der Stadt, in der wir leben, sieht man uns ab und an zum Bäcker gehen. Das ist für die Leute normal.

Wie weit gehen weibliche Fans, um euch so nah wie möglich zu sein?
Groupies sind eine Legende. Ich bin davon überzeugt, dass Erfolg und Selbstbewusstsein Attraktivitätsmerkmale sowohl von Frauen als auch von Männern sind. Das ist aber nicht auf das Musikerdasein beschränkt. (Der Landbote)

Erstellt: 12.08.2017, 09:10 Uhr

Infobox

Kraftklub: Freitag, 18. 8., 22.40 Uhr, Musikfestwochen, Steinberggasse. Für den Abend sind noch Tickets ­erhältlich.

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