Zum Hauptinhalt springen

«Wir sehen einen Rückfall als Chance»

Nach einem Drogenentzug folgt meist eine Therapie. Rückfälle sind dabei keine Seltenheit. Remo Pfister, Leiter der Suchttherapie in der Quellenhof-Stiftung, erzählt wie damit umgegangen wird.

Werkstatt und Confiserie: In Dinhard sollen die ehemals Süchtigen wieder einen Tagesablauf erlernen.
Werkstatt und Confiserie: In Dinhard sollen die ehemals Süchtigen wieder einen Tagesablauf erlernen.
Marc Dahinden

Yanick* ist gereizt. Eine klassische Nebenwirkung, wenn der Kokainrausch nachlässt. Doch es ist nicht nur das, er ist enttäuscht, schämt sich. Er hatte sich freiwillig in Therapie bei der Quellenhof-Stiftung in Dinhard begeben, um ganz von der Droge loszukommen, um clean zu bleiben. Langsam hatte er sich wieder einen Tagesablauf aufgebaut, wechselte Bremskabel in der Velowerkstatt, goss Schokoladentafeln in der hauseigenen Confiserie und kochte für die ­anderen Mitbewohner ab und zu das Mittagessen. Und jetzt dieser Rückfall.

Niemand verpfeift ihn

Es war eine zufällige Begegnung. Am Bahnhof Winterthur traf er auf Chris*, einen alten Kumpel von der Gasse. Und natürlich hatte er Kokain dabei, Yanick vergass sich, schnupfte eine Linie.

In der Wohngruppe in Dinhard bemerkt Yanick die Blicke der ­anderen, die an ihm kleben. Wie Spürhunde bemerken sie sofort, dass er Drogen konsumiert hat. Immerhin: Sie verpfeifen ihn nicht. Wie damals auf der Gasse wird auch hier niemand zur Petze. Die Therapeuten in Dinhard merken aber, dass etwas im Busch ist. Tritt Leiter Remo Pfister in den Wohnraum, ist es plötzlich mucksmäuschenstill, nachdem zuvor rege geplaudert wurde. Pfister sagt: «Manchmal gehen Rückfälle auch an uns vorbei,wir plädieren auf Ehrlichkeit, schliesslich sind die Leute zumeist freiwillig hier, weil sie von ihrer Sucht loskommen möchten.» Urinproben werden stichprobenartig durchgeführt. Wenn dann jemand aus der Gruppe kein Wasser lassen kann, erhärtet sich der Verdacht.

Fehler zusammen verarbeiten

Pfister ist Arbeitsagoge, Velomechaniker und Confiseur und seit Anfang Jahr Leiter der Suchttherapie. Er sagt: «Wir sehen einen Rückfall als Chance, um nachher anzuschauen, weshalb er passiert ist.» Schriftlich muss der Betroffene etwa einen Fragenkatalog durcharbeiten: Wer war be­teiligt? Was waren die Gefühle nach dem Rückfall? Warum ist es zu dieser Situation gekommen? «All das soll analysiert werden, um zu realisieren, wo noch die Bremse gezogen werden könnte.» Die ­Erkenntnisse muss der oder die Rückfällige dann in der Gruppe präsentieren. So sollen alle aus dem Rückfall des Einzelnen lernen können. «Sie kämpfen ja am Ende alle mit dem gleichen Problem.»

Erlebt jemand hingegen fast jedes Wochenende einen Rückfall, wird in Gesprächen die Motivation für die Therapie hinterfragt. Nützt auch das nichts, folgt ein Time-out, eine Auszeit. Die betroffene Person lebt dann für etwa einen Monat auf einem Bauernhof, der Kontakt wird dabei aufrechterhalten, dem Rückfälligen werden Aufgaben mitge­geben, etwa, ein Buch zu lesen. Nulltoleranz herrscht, wenn Drogen in der Umgebung des Hauses konsumiert werden. «Da sind wir so strikt, weil damit auch die anderen Teilnehmer in Gefahr gebracht werden», sagt Pfister. Eine zweimonatige Sperre ist die Folge, danach kann die Therapie wieder von vorne begonnen werden. «Für viele ist diese Sperre eine Art Schocktherapie, weil sie wieder in ihr altes Leben zurück­kehren müssen, das sie eigentlich verlassen wollten.»

Professioneller und teurer

«Eine solche zweite Chance wäre vor 25 Jahren noch unvorstellbar gewesen», sagt Pfister. Bei einem Rückfall landete man sofort wieder auf der Strasse. Zu Zeiten des Platzspitzes waren die Warte­listen sämtlicher Therapiehäuser voll. «Es wurde viel mit Druck gearbeitet. Das funktionierte innerhalb der Therapie. Ausserhalb, wo der Druck fehlte, war ein Rückfall aber viel wahrscheinlicher als heute.» Verändert hat sich nebst der Haltung auch die Sucht. «Heute gibt es weniger den klassischen Junkie, der sich Heroin spritzt. Vielmehr wird eine Kombination aus Cannabis, Alkohol, Kokain und sonstigen Partydrogen konsumiert», sagt Pfister. Auch die Kosten haben sich weiterentwickelt. Ein Tag in Dinhard kostet zwischen 191 und 231 Franken für Personen aus dem Kanton Zürich. Für Ausserkantonale 329 bis 369 Franken. Eine Therapie dauert laut Pfister zwischen neun und achtzehn Monaten, kann also bis zu 200 000 Franken kosten. Zum Vergleich: Ein Tag Haft kostet laut einem Bericht des Bundesrats 400 Franken pro Tag.

Trotzdem stehen solche Langzeittherapien von den Gemeinden in der Kritik. Viele Sozial­ämter zahlen noch die ersten drei Monate und verlängern nur im Erfolgsfall. Trotzdem steigen in vielen Gemeinden die Sozialkosten Jahr für Jahr. «Umso wichtiger ist es, dass unsere Patienten dort angemeldet bleiben, wo sie herkommen, und sich auf keinen Fall hier in Dinhard anmelden.»

Pfister hat Verständnis für den Unmut bei einigen Steuerzahlern. Sagt aber auch: «Früher fand in den Therapien viel ehrenamtliche Arbeit statt, heute sind die Mitarbeiter alle speziell ausgebildet, das kostet mehr Geld.» Eine Therapie, die weniger kosten sollte, müsste weg von dieser «massiven Professionalisierung» und wieder mehr auf ehrenamtlicher Arbeit beruhen: «So könnten die Kosten wieder gesenkt werden.» Das ist aber auch nur bedingt realistisch, denn: «Die Kantone verlangen von uns einen gewissen Grad an professionell ausgebildeten Pädagogen, damit der Betrieb entsprechend zerti­fiziert ist.»

Für die Fälle, bei denen das Sozialamt oder die Invalidenkasse nichts mehr zahlt, helfen Eltern von Betroffenen aus, oder der Unterstützungsfonds der Stiftung für die Suchttherapie wird angezapft. Dieser setzt sich aus Spenden an die Stiftung zusammen. Jährlich stehen so zusätz­liche 120 000 Franken zur Ver­fügung.

*Namen geändert

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch