Theatervorlage

«Wir sind an einem Punkt, an dem wir wieder eine Rakete zünden müssen»

Das Theater Winterthur überlebt nur, wenn es nach den Sparrunden der letzten Jahre wieder mehr Geld bekommt, davon sind der Theaterdirektor René Munz und sein künstlerischer Leiter Thomas Guglielmetti überzeugt.

Sie sehnen sich nach Eigenständigkeit, Freiheit und Aufbruch: Theaterdirektor René Munz und sein künstlerischer Leiter Thomas Guglielmetti treten entschieden für die Verselbstständigungsvorlage ein.

Sie sehnen sich nach Eigenständigkeit, Freiheit und Aufbruch: Theaterdirektor René Munz und sein künstlerischer Leiter Thomas Guglielmetti treten entschieden für die Verselbstständigungsvorlage ein. Bild: Marc Dahinden

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Die Umwandlung des Theaters in eine Aktiengesellschaft ist eine Zäsur in der Geschichte des Hauses und bringt erhebliche Mehrkosten. Trotzdem hat im Parlament keine Grundsatzdiskussion stattgefunden. Wie erklären Sie sich das?

Munz: Die Rechtsform wurde vorgängig in verschiedenen Gremien und Kommissionen eingehend diskutiert. Offenbar ist es uns gelungen, überzeugend zu begründen, warum eine gemischtwirtschaftliche, gemeinnützige AG die geeignete Form für das Theater Winterthur ist.

Sieht man sich die Theaterlandschaft an, ist das Stadttheater in seiner heutigen Rechtsform ein Exot. Die meisten unabhängigen Theater allerdings sind Stiftungen.

Munz: Jedes Theater hat eine andere Entstehungsgeschichte. Wir bevorzugen die Aktiengesellschaft, weil im Aktienrecht die Verantwortlichkeiten am klarsten geregelt sind und weil sich auch Private an der Trägerschaft beteiligen können.

Von einer Auslagerung erwartet man gemeinhin Einsparungen. Die Theater AG bringt das Gegenteil. Sie ist teurer, als den Theaterbetrieb innerhalb der städtischen Strukturen mit mehr Mitteln auszustatten.

Munz: Einsparungen waren nie die Absicht des Projektes. Der Stadtrat hat schon 2015, in seiner Motionsantwort, ausdrücklich festgehalten, dass es bei der Auslagerung nicht um eine weitere Sparübung gehen kann. Es ging immer um mehr Handlungsspielraum für das Theater, um einfachere Abläufe, eine bessere Steuerbarkeit und die Einbindung privater Geldgeber. Die Abstimmungsvorlage weist alle Kosten transparent aus. Der Nutzen sowohl für die Stadt wie auch für das Theater wird längerfristig grösser sein, auch wenn der Aufwand, der in der Stadtverwaltung wegfällt, nicht in Franken bezifferbar ist.

«Das Renommee des Theaters ist genauso wichtig wie die Finanzen», René Munz, Direktor Theater Winterthur

Sie deuten es an: Ein Teil der Mehrkosten geht darauf zurück, dass Sie für die Theater AG eine neue Administrationsstelle schaffen. Gleichzeitig wird bei der Stadtverwaltung keine Stelle abgebaut – das ist nicht unbedingt effizient.

Munz: Längerfristig ergeben sich auch für die Stadt Entlastungseffekte. Und Tatsache ist auch, dass das Theater nach seiner Ausgliederung für die Stadt immer noch deutlich kostengünstiger bleibt als vor dem Sparprogramm Effort 14+.

Sie haben gesagt, die Auslagerung sei explizit nie ein Sparprojekt gewesen. Im letzten Sparprogramm, genannt Balance, erscheint die Auslagerung aber mit einem Sparziel von 180000 Franken.

Munz: Es trifft zu, dass der Stadtrat im Rahmen von Balance noch davon ausgegangen war, dass mit einer Auslagerung des Theaters allenfalls zusätzlich gespart werden könnte. Diese Einschätzung wurde aber durch die Abklärungen des Beratungsunternehmens Actori widerlegt. Die Studie kam zum Schluss, dass das Theater irgendwann keine Zuschauer mehr haben wird, wenn nicht wieder mehr ins Programm, ins Marketing und in die Vermittlung investiert wird. Wir haben ja gegenüber der Rechnung 2012 1,7 Millionen Franken städtische Mittel eingespart. Das ging vor allem auch zulasten des Programmangebotes und hat wiederum zu Verlusten bei den Zuschauerzahlen und damit bei den Eintrittseinnahmen geführt. Aus diesem Teufelskreis muss das Theater herauskommen.

Wenn der Sparauftrag im Rahmen von Balance so abwegig war – heisst das, dass die Politik vom Theater zu wenig Ahnung hat?

Munz: Das würde ich so nicht sagen. Aber vielleicht ist die Politik manchmal etwas weiter weg von solchen Problemstellungen. Deshalb ist eine Trägerschaft mit kürzeren Entscheidungswegen von Vorteil für den Theaterbetrieb.

Sie haben die Einsparungen der letzten Jahre erwähnt. Wie hat sich die Sparkur auf das Theater ausgewirkt?

Guglielmetti: Wir haben die Saison verkürzt und insbesondere jeweils eine Musiktheaterproduktion weniger angeboten, weil diese am teuersten sind. Wenn wir aber bei der Oper oder beim Musical abbauen, merken wir das bei den Publikumszahlen und den Eintrittseinnahmen am stärksten.

Mit der Theatervorlage sollen Sie nun mehr Geld bekommen, für Marketing und Programm, aber auch fürs Fundraising. Was unternimmt das Theater heute schon im Sponsoring?

Munz: Wir bekommen Sachleistungen von Firmen im Umfang von 230000 Franken jährlich, die wir nicht abgelten müssen, zum Beispiel in Form einer Medienpartnerschaft mit dem «Landboten». Vom Lotteriefonds haben wir in den vergangenen Jahren namhafte Beiträge bekommen für die Realisierung ausserordentlicher Projekte und die Verbesserung unserer Infrastruktur.

Jetzt wollen Sie zusätzlich rund 400000 Franken pro Jahr eintreiben. Vor allem von ­Stiftungen. Werden diese heute denn nicht angegangen?

Guglielmetti: Wir haben es natürlich auch schon probiert, hatten aber als städtische Einrichtung schlechtere Karten als private Trägerschaften. Darum ist diese Ausgliederung auch so wichtig für uns. Die Sache mit dem Sponsoring ist so oder so nicht einfach. Zum Beispiel ­werden das Kindertanztheater Corti, das Musikkollegium oder das Theater Kanton Zürich, mit denen wir zusammenarbeiten, von verschiedenen Sponsoren unterstützt. Bei diesen Koproduktionen bringen auch wir ­erhebliche Leistungen ein, sodass alle voneinander profitieren.

Eine neue Stelle fürs Fundraising könnten Sie doch genauso gut innerhalb der Stadtverwaltung schaffen. Haben Sie nie eine solche Stelle beantragt?

Munz: Unsere Erfahrung zeigt, dass Fundraising innerhalb der Stadtverwaltung wenig Aussicht auf Erfolg hat. Dazu kommt, dass die Hürde zur Schaffung von neuen Stellen in der Verwaltung ausserordentlich hoch ist. Wir haben deshalb die Aussichten, dass so etwas bewilligt würde, als nicht realistisch eingeschätzt. Kommt hinzu, dass uns in der Technik mindestens eine Person fehlt, damit unsere Leute einmal etwas stressfreier arbeiten können. In diesem Kontext konnten wir nicht eine neue Stelle fürs Fundraising beantragen. Man darf vielleicht auch einmal sagen, wie effizient wir arbeiten. Wir haben zum Beispiel im vergangenen Jahr mit insgesamt fünf Vollzeitstellen in der Gastronomie eine Million Franken Umsatz erwirtschaftet.

«Es wird sich nicht von einem Tag auf den anderen alles ändern.

Thomas Guglielmetti, Künstlerischer Leiter, Theater Winterthur

Der Winterthurer Sponsoringmarkt ist hart umkämpft. Sie bestreiten trotzdem, dass das Theater anderen Institutionen Konkurrenz macht.

Munz: Ich sage das auf der Basis meiner Erfahrungen. Ein Opernliebhaber gibt gerne etwas für eine Opernaufführung, wenn er bei uns zum Beispiel einen Firmenanlass durchführen kann. Ein Sportfan ist woanders besser aufgehoben. Sponsoring hängt immer auch von den Interessen der Geldgeber ab. Wir haben viele Produktionen, für die es in Winterthurer keine Konkurrenz gibt.

Die von Ihnen erwähnten Stiftungen machen nur einen Teil der Sponsoringgelder aus. Beim Schauspielhaus Zürich zum Beispiel wenig mehr als ein Drittel. Lokale KMU können als Sponsoren genauso einen Sportverein wie ein Musical unterstützen und einen Anlass damit verknüpfen.

Munz: Wie gesagt, ich bezweifle, dass wir anderen Institutionen etwas wegnehmen. Für uns ­wesentlich werden Stiftungen sein, die zweckbestimmt gewisse unserer Projekte unterstützen. Letztlich kommt das auch vielen lokalen Kulturveranstaltern zugute, die wir mit unserer Infrastruktur und anderen Leistungen unterstützen – im vergangenen Jahr übrigens mit Miet­ermässigungen von 160000 Franken.

Werden Sie sich auch nach einem Hauptsponsor umsehen?

Guglielmetti: Natürlich suchen wir auch einen Hauptsponsor, und es wäre eine grosse Erleichterung, wenn wir einen solchen finden würden. Das wird aber nicht ganz einfach sein. Mit unserem Programmangebot haben wir vor allem Chancen auf projektbezogene Beiträge und werden uns darauf konzentrieren.

Die Zürcher Kantonalbank betreibt im grossen Stil Theaterförderung, etwa beim Casinotheater. Haben Sie sich schon um die Bank bemüht?

Guglielmetti: Ja, aber das war bisher aussichtslos. Die Haltung vieler Sponsoren ist ja, dass man bei den Privaten engagiert ist, nicht bei den Institutionen der öffentlichen Hand.

Was sagen Sie zur Sorge kleiner Institutionen, sie könnten auf Kosten des Theaters Gelder verlieren?

Guglielmetti: Wir wollen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Unter den Winterthurer Theaterschaffenden war das bisher nie ein Thema.

Einen Effekt verspricht man sich von den Publikumsaktien, die ein Wirgefühl schaffen sollen. Wie stellen Sie sich das vor?

Guglielmetti: Ich wünsche es mir ein bisschen wie damals, als man das Theater baute. Das Wirgefühl war gross, man wollte ein repräsentatives Gebäude. Der Theaterverein wurde gegründet. Es war ein Aufbruch, so wie wir ihn heute brauchen könnten. Wir sind an einem Punkt, wo wir wieder eine Rakete zünden müssen. Schliesslich feiern wir in der kommenden Saison 40 Jahre Theater Winterthur.

Munz: Die Petition gegen den Abriss des Theaters hat gezeigt, dass es eine grosse Gruppe von Leuten gibt, denen das Theater wichtig ist. Wir haben ausserdem 3000 Abonnentinnen und Abonnenten und ein grosses Stammpublikum. Den Aktienpreis haben wir mit 500 Franken bewusst tief gehalten, damit sich möglichst viele das leisten können.

Hat Ihnen Ihr Job eigentlich weniger Spass gemacht in den letzten Jahren, die vom Sparen geprägt waren?

Guglielmetti: Ich liebe meinen Job so oder so. Ich habe erst kürzlich die Saisonhefte der vergangenen Spielzeiten noch einmal angeschaut und war erstaunt, was wir alles möglich gemacht haben. Wir sind auf einer Erfolgsspur, seit drei Jahren hat alles genau so stattgefunden, wie es angekündigt wurde.

Munz: Dass das möglich war, verdanken wir auch der grossen Leistungsbereitschaft unseres Personals.

Bei einem Ja zur Verselbstständigung: Was machen Sie mit der neuen Freiheit?

Munz: Wir werden mehr unternehmerische Freiheiten haben und versuchen, unsere Angebote zu stärken. Neue Ressourcen wollen wir in die Vermittlung stecken. Wir haben heute zum Beispiel niemanden im Haus, der dafür sorgt, dass wir mehr Schulklassen ins Theater bringen. Das aber ist unser Publikum von morgen. Wir müssen auch mehr direktes Marketing über Social Media betreiben, nachdem die klassischen Medien wie auch der «Landbote» ihre kulturelle Berichterstattung abgebaut haben. Das bedingt alles einen Zusatzaufwand, den wir uns bisher nicht leisten konnten.

Wie viel mehr Geld bleibt dabei noch fürs Programm?

Guglielmetti: Erst mal kann man nicht mit allzu grossen Sprüngen rechnen. In der nächsten Saison planen wir mit 50000 Franken mehr fürs Programm. Das reicht zwar nicht für eine Musiktheaterproduktion, aber knapp für eine weitere Koproduktion mit dem Theater Kanton Zürich. Was danach kommt, kann man noch nicht genau voraussagen.

Munz: Es wird mehrere Entwicklungsschritte geben. Zunächst einmal investieren wir in personelle Ressourcen und in neue Software, um die zusätzlichen Aufgaben zu bewältigen und unsere Ziele zu erreichen. Was alles möglich ist, hängt auch davon ab, welche Einnahmen wir selbst generieren, da sind die Schwankungen erfahrungsgemäss recht gross.

Guglielmetti: Ein grosser Vorteil der Verselbstständigung ist, dass wir längerfristig planen können. Wir müssen uns nicht mehr von Saison zu Saison durchhangeln. Das ist ein weiterer Grund, warum wir überzeugt für die Auslagerung eintreten. Wir können auch etwas ausprobieren, zum Beispiel zwei Jahre lang mehr Musicals programmieren und schauen, ob das funktioniert. Es wird sich aber auch nicht von einem Tag auf den anderen alles ändern. Wir bleiben ein Stadttheater mit Schauspiel, Oper, Ballett und Kindertheater.

Ist die Versuchung nicht gross, nur noch nach kommerziellen Gesichtspunkten zu gewichten?

Munz: Wir haben einen Leistungsauftrag von der Stadt mit einem klar festgelegten künstlerischen Anspruch. Das Renommee des Theaters ist genauso wichtig wie die finanziellen Aspekte.

Was programmieren Sie als Erstes, wenn Sie finanziell wieder einmal richtig Luft haben?

Guglielmetti: In der Oper und im Musiktheater können wir wieder stärker werden. Und wir könnten beispielsweise die Zusammenarbeit mit neuen, grösseren Häusern anstreben. Wir träumen nicht von der Pariser Oper. Aber möglich wäre etwa Karlsruhe, denen ich heute noch sagen muss: Ihr seid für uns leider zu gross und zu teuer.

Die Saison wurde im Zuge des Sparens gekürzt, wird sie nun wieder verlängert?

Munz: Das ist vom Personalbestand her nicht möglich. Zudem müssen wir das Theater im Sommer für die Unterhaltsarbeiten freihalten. Die Saisonlänge ist vorderhand kein Thema.

Guglielmetti: Was wir machen können, sind ausserordentliche Produktionen in den Sport- und Frühlingsferien, wie wir das schon erfolgreich probiert haben.

Munz: Das oberste Ziel ist, wieder mehr Publikum ins Haus zu bringen. Beim Personal werden wir schauen, wo wir eine Entlastung erreichen können. Es macht keinen Sinn, dass über lange Zeit immer alle am Anschlag sind

Treibt Sie die Angst um, dass die Zeit des Theaters abläuft?

Munz: Das Theater gibt es seit über 2000 Jahren, in dieser Zeit hat es immer Schwankungen gegeben. Schon zu früheren Zeiten haben viele Theater geschlossen, dann ist die Szene neu aufgelebt und es wurden neue Häuser eröffnet. Wenn man jetzt sieht, wie die Jugendlichen die Romanadaption «Tschick» schauen und sich vom Theater begeistern lassen, kann man sagen, das Theater ist noch lange nicht tot.

Guglielmetti: Ich glaube, der Livecharakter, wie ihn das Theater bietet, wird immer gefragt sein.

Erstellt: 10.03.2019, 17:47 Uhr

Besucherzahlen des Theaters Winterthur nach Angebotssparten

Die Balkengrafik zeigt die Entwicklung der Besucherzahlen im Stadttheater in den letzten 15 Jahren. Signifikant ist der Anstieg der Eintritte per 2012, der vor allem auf die Aufnahme des Kindertanztheaters Claudia Corti als Koproduktion zurückgeht. Im selben Jahr verfügte das Stadttheater zum letzten Mal über städtische Mittel in einer Höhe von etwas mehr als sechs Millionen Franken. Im Zuge des Sparprogramms «Effort 14+» wurden die Mittel schrittweise gekürzt, zuletzt betrug der städtische Beitrag an die Kosten rund 4,5 Millionen Franken. Parallel dazu sanken die Besucherzahlen. Per 2014/2015 wurde die Saison verkürzt, es war die erste Spielzeit unter der Leitung von René Munz, der im Sommer 2014 Marc Baumann als Theaterdirektor abgelöst hatte. Der Ausreisser in der letzten Saison (17/18) ist auf verschiedene Sondereffekte wie die Eröffnung des Tanzfestivals «Step» zurückzuführen und dokumentiert gemäss der Theaterleitung nicht die rückläufige Tendenz der letzten Jahre. (mcl)

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