Winterthur

«Wir wollen wachsen, und nicht nur in der Schweiz»

Seit einem Jahr sind Insekten als Lebensmittel zugelassen. Ein Winterthurer und sein Start-up gingen mit Mehlwurm-Burgern und -Balls allen voran. Ein Rückblick.

Die Essento-Mehlwurm-Burger sind inzwischen in über 50 Filialen er­hältlich. Gründer Christian Bärtsch: «Wir sind auf Kurs.»

Die Essento-Mehlwurm-Burger sind inzwischen in über 50 Filialen er­hältlich. Gründer Christian Bärtsch: «Wir sind auf Kurs.» Bild: Zürich Tourismus

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Der mediale Hype war enorm, als bekannt wurde, dass per 1. Mai 2017 Heuschrecken, Grillen und Mehlwürmer in der Schweiz als Lebensmittel zugelassen werden. Vier Jahre lang hat der Winterthurer Christian Bärtsch (27) ­dafür lobbyiert, um mit seinem Start-up Essento Insektenfood auch hier salonfähig zu machen. Bei Coop sind die Mehlwurm-Bällchen und -Burger seit letztem Sommer im Sortiment. Dazu­gekommen ist inzwischen ein Fruchtriegel mit Grillenmehl. Das achtköpfige Team produziert und vertreibt seine Foods von seinem Standort im Zürcher Industriequartier aus. Vor zwei Wochen überreichten die Innovationsförderer vom Verband Idée Suisse der Firma im Winterthurer Technopark den Golden Creativity Award 2018. Im Interview blickt Bärtsch auf ein turbulentes Jahr zurück.

Nach viel Medienpräsenz in den letzten Jahren wurde es nach den ersten Mehlwurm-Burger-Tests ruhig ums Thema Insekten-Food. Ist der Hype vorbei, bevor er richtig begonnen hat?
Christian Bärtsch: Nein, überhaupt nicht. Die Nachfrage nach unseren Burgern und Balls hat unsere Erwartungen klar übertroffen, und an unseren Koch­kursen trifft man Jung und Alt, vor allem aus dem urbanen Milieu. Insekten sind als Nahrungsmittel definitiv kein Tabu mehr, es findet ein Umdenken statt. Mit dem Grillenmehl-Früchteriegel haben wir ein neues Produkt auf den Markt gebracht und einen eigenen Onlineshop aufgebaut. Wir sind zufrieden, stolz und ­voller Tatendrang.

Wie haben sich Absätze und Produktion denn entwickelt?
Zahlen nennen wir keine. Aber wenn ein neues Produkt nicht funktioniert, fliegt es schnell wieder aus dem Sortiment. Unsere Insect-Burger, -Balls und -Riegel sind schweizweit inzwischen in über 60 Filialen erhältlich.

Einige Burgertester urteilten launig: zu teuer, geschmacklich uninteressant und mit 30 Prozent ein «zu tiefer» Insekten­anteil.
Wir feilen in unserem Labor laufend an der Rezeptur, aber, wie gesagt, die Burger finden Absatz, und wir hatten sehr viel positives Feedback. Zum Insektenanteil: Beim Riegel liegen wir mit 10 Prozent definitiv höher als viele Konkurrenten im Ausland. Es ist derzeit noch eine Frage des Preises. In der Schweiz und in Europa werden Insekten noch nicht in grösseren Mengen produziert. Es ist ein kleiner Markt mit wenigen Züchtern, die Preise sind hoch, aber das wird sich noch ändern. Wir importieren unsere Grillen, Heuschrecken und Mehlwürmer derzeit aus Belgien und Österreich, verarbeiten teils aber auch schon Insekten aus der Schweiz. Auch wir hatten ein Zuchtprojekt gestartet, werden uns aber ganz auf die Produktion und die Vermarktung konzentrieren, Züchter aber mit unserem Wissen unterstützen.

Andere Insekten-Food-Kenner plädieren dafür, energieeffi­zientere Insekten zum Verzehr zuzulassen, wie Bienenlarven. Was halten Sie davon?
Wir beobachten das natürlich, aber über die Futterverwertungseffizienz, CO2-Bilanz und Nährwert einzelner Insektenarten gibt es verschiedene wissenschaft­liche Erkenntnisse. Treiber der Entwicklung der sogenannten Novel Foods ist in Europa die EU. Lässt sie neue Insekten zum Verzehr zu, muss die Schweiz nachziehen. Dieses Jahr trat die neue EU-Verordnung in Kraft. Dazukommen könnten als Nächstes der Buffalowurm und neue Grillenarten. Wir warten das ab.

Wer gegen gewisse Proteinevon Krustentieren allergisch ist, könnte es auch gegen Insekten sein. Wie gehen Sie damit um?
Wir weisen auf der Verpackung darauf hin. Uns ist noch kein Fall bekannt, bei dem jemand auf unsere Produkte allergisch reagiert hätte.

Inzwischen bieten auch die ­ersten Gastronomen erste ­Insektenkreationen an. Wann endlich auch in Winterthur?
Da ist leider noch nichts spruchreif. Wir haben uns anfangs auf die Stadt und Agglomeration ­Zürich und ein paar ausgewählte Gastroketten konzentriert, wie das Nooch oder Hitzberger. Auch die Gastronomen und Köche muss man sorgfältig an das Thema «Kochen mit Insekten» her­an­führen.

Sie sind Volkswirt mit HSG-Diplom. Welche Bilanz ziehen Sie nach fünf Jahren als Start-up-Unternehmer mit mickrigem Lohn und vielen Überstunden?
Ich würde es definitiv wieder so machen. Nirgendwo sonst hätte ich in so kurzer Zeit so viel gelernt, so viele interessante neue Leute kennen gelernt aus der Start-up-Szene, Wirtschaft, Wissenschaft und Behörden. Das setzt voraus, dass man eine Idee hat, für die man brennt und an der man festhält, auch wenn die Hürden gross sind. Ich zum Beispiel hatte meine Insekten-Food-Vision und musste als Erstes feststellen, dass es dafür noch nicht einmal eine gesetzliche Grundlage gab! Man lerntals Unternehmer, positiv und lösungs­orientiert zu denken, hartnäckig dranzubleiben und den Blick nach vorne zu richten.

Wie geht es bei Essento weiter?
Wir wollen wachsen, in der Schweiz, aber auch in unseren Nachbarländern, sowohl im Gastro- als auch im Retail­bereich. Es ist viel im Tun, der Terminkalender ist voll.

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Erstellt: 01.05.2018, 16:28 Uhr

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