Pfungen

Wo Roma friedlich campieren

Für vier Wochen hat Pfungen Besuch aus dem Elsass. 17 Roma-Wagen halten sich auf einer Wiese westlich des Dorfs auf. Dieses reagiert mustergültig und unaufgeregt.

Geeignet für Fahrende: Der Landstreifen an der westlichen Gemeindegrenze von Pfungen, wo gegenwärtig 17 Roma-Wagen stationiert sind.

Geeignet für Fahrende: Der Landstreifen an der westlichen Gemeindegrenze von Pfungen, wo gegenwärtig 17 Roma-Wagen stationiert sind. Bild: Nathalie Guinand

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Am Radweg nach Embrach, im Rietli, stehen auf einem Wiesenstreifen 17 Wohnwagen. Sie stammen von Fahrenden, die aus dem Elsass angereist sind. «Wir sind sehr froh, hier einen schönen Platz gefunden zu haben», sagt eine Romni, die gerade mit anderen Frauen Bohnen, Kartoffeln und Poulet für das Mittagessen zubereitet. Die Männer seien zurzeit alle nicht da. Sie seien auf Arbeitssuche, bieten ihre Dienste als Maler, Restaurateure von Fensterläden oder bisweilen auch als Computerspezialisten an.

Schon seit Gernerationen fährt ihre Familie im Sommer in die Schweiz, wie die Frau in gutem Hochdeutsch mit französischem Akzent sagt. Nur gebe es hier sehr wenige Plätze für Fahrende. Seit dem 27. August machen die ausländischen Roma hier auf dem Grundstück eines Bauern Station. «Für den Standplatz besteht ein befristeter Mietvertrag für die Dauer von vier Wochen», teilt die Gemeinde dazu auf ihrer Webseite mit. Das Ausmass des Wohnwagenlagers sei beträchtlich und stelle sowohl den Landwirt wie auch die Gemeinde vor etliche Herausforderungen.

Gemeinsame Anstrengung

Diese haben die Zuständigen aber laut Gemeindepräsident Max Rütimann vorbildlich bewältigt. «Ich bin stolz auf unsere Leute.» Konkret musste die Gemeinde selbst den Wohnwagen zwar nur die Zufahrt zum Landstreifen bewilligen. «Auf der Strasse zur Wiese herrscht Fahrverbot», erklärt Rütimann. Im Hintergrund gingen jedoch Gemeindeschreiber Stephan Brügel und Sicherheitsvorstand Bruno Niederer dem Landwirt tatkräftig zur Hand. Sie besorgten einen Mustervertrag und halfen mit, die Wiese kurzfristig campingtauglich zu machen, Stichwort Toi-Toi-Toiletten und Abfallbeseitigung.

Inzwischen ist ein Rom – so lautet die männliche Bezeichnung singular von Roma – von der Arbeitstour zurück gekommen. Er wolle keinesfalls, dass die Wohnwagen in der Zeitung seien, sagt er skeptisch. Das bringe nur Schwierigkeiten. Kürzlich habe er in einem anderen Kanton einen Auftrag, für den er schon das Material eingekauft habe, wieder verloren, weil der Kunde sein Auto in der Presse erkannt habe. «Die Schweizer sind gegenüber Roma rassistisch eingestellt», ist er überzeugt. Er meint damit aber nicht die Gemeinde Pfungen. Nächstes Jahr will er nach Deutschland fahren.

In den Reisemonaten halten sich laut der Gesellschaft für bedrohte Völker bis zu 1500 Roma-Wagen in der Schweiz auf, die meisten auf Privatgrund. Von den allerwenigsten hört man etwas. Im Winterhalbjahr leben die Fahrenden an einem festen Ort, teilweise in Wohnungen und ihre Kinder gehen zur Schule. Nur die wenigsten seien das ganze Jahr über im Wohnwagen unterwegs. (Landbote)

Erstellt: 07.09.2017, 22:47 Uhr

Nachgefragt bei Angela Mattli, Kampagnenleiterin Gesellschaft für bedrohte Völker

«Die Schweiz hat hier ein Defizit»

Roma aus Frankreich fühlen sich in der Schweiz nicht willkommen. Haben sie es hierzulande schwerer als anderswo?
Angela Mattli: Definitiv. In Frankreich haben sie es sicher schöner. Dort sollte jede Gemeinde ab 5000 Einwohnern einen Platz für Fahrende zur Verfügung stellen. Das tun zwar nicht alle, aber einige. Auch in Deutschland ist die Situation für die Fahrenden besser als hierzulande. Die Schweiz hat hier ein Defizit, das wiederholt schon vom Europarat kritisiert wurde.
Wo können ausländische Roma in der Schweiz haltmachen?
Es gibt schweizweit nur dreieinhalb Durchgangsplätze, je einen in Martigny, Vaulruz und Domat/Ems sowie einen halben in Kaiseraugst. Letzteren müssen sie sich aber mit Schweizer Fahrenden teilen. Und der Platz in Winterthur ist inzwischen ja nur noch für Schweizer Fahrende. Aus unserer Sicht ist eine solche Trennung aber problematisch. Solange man den ausländischen Fahrenden nicht auch einen Platz zur Verfügung stellt, ist das diskriminierend.
So sind Roma auf Lösungen wie in Pfungen angewiesen?
Durchaus. Das unaufgeregte Beispiel in der Gemeinde Pfungen ist der Normalfall in der Schweiz. In den meisten Fällen läuft ein Roma-Aufenthalt problemlos ab.
Ein junger Rom fühlt sich in der Schweiz rassistischen Vorurteilen ausgesetzt. Wie lautet Ihre Einschätzung?
Da in der Schweiz von 1471 bis 1972 ein sogenanntes Zigeunereinreiseverbot galt, machte man hier erst spät Erfahrungen mit den Fahrenden. Es herrschen hier deshalb tatsächlich immer noch ein verzerrtes Bild dieser Minderheit und ein gewisser Antiziganismus vor.
Dagmar Appelt

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