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Wohnen und Arbeiten im gleichen Quartier — Vision und Schwierigkeit

Das Forum Architektur wagt sich mit dem ­Jahresthema «Arbeitsstadt» auf risikoreiches Terrain vor. Arbeit und ­Wohnen ist schwierig zusammenzubringen und Städtebau kommt bei der Planung nur am Rande vor.

Auf Industrieareale folgen oft Wohnungen, so bald auch auf dem Gelände der ehemaligen Spinnerei Bühler im Sennhof.
Auf Industrieareale folgen oft Wohnungen, so bald auch auf dem Gelände der ehemaligen Spinnerei Bühler im Sennhof.
Madeleine Schoder

Das Foto eines Roboters in einer Industriehalle ziert die Einladungskarte des Forums Architektur Winterthur zur Veranstaltungsserie «Arbeit 2050». Kein einziger Mensch ist darauf zu sehen. Braucht es da in dreissig Jahren überhaupt noch Architektur?, fragt man sich. Vermutlich für die arbeitslos gewordene Masse, mutmasst man. Das Forum Architektur ist optimistischer. Es behauptet, wo gearbeitet werde, entstünden Wohnungen, und wo gewohnt werde, werde Arbeit geschaffen.

Doch rasch wird mit Blick auf die Entwicklung in Winterthur klar, dass diese frohgemute Dialektik nicht aufgeht. Derzeit werden zu viele ehemalige Industrieorte monofunktional in Wohnraum umgenutzt, beobachtet selbst das Forum. Man denkt dabei an das Volg-Areal in Veltheim, die ehemalige Spinnerei im Sennhof oder das einstige industrielle Vorzeigezentrum Rieter in Töss, das mittelfristig auch zur Disposition steht. «Damit droht im gesamten Stadtgefüge Essenzielles verloren zu gehen», befürchtet das Forum.

Komplexe Herausforderung

Stadtbaumeister Michael Hauser bestätigte in seiner Einleitung diesen Befund und dämpfte allzu hohe Erwartungen an die Planer, die auch keine Arbeitsplätze herbeizaubern können. Vielleicht gelingt dieses Wunder den Politikern. Elke Eichmann, Hausers Stellvertreterin, erinnerte an die Ziele des Stadtrates, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Solche Töne kommen immer gut an. Doch neuste planerische Bemühungen zielen nicht allein auf die Schaffung von Arbeitsplätzen, sondern auf das Zusammenführen von Arbeiten und Wohnen. Der Hauptreferent Alain Thierstein, Raumentwicklungsexperte an der Technischen Universität München, zeigte indes am Beispiel von Projektstudien im Metropolitanraum München, wie komplex sich die Herausforderung gestaltet, Wohnen und Gewerbe, (wieder) zusammenzubringen. Damit wird ein Glaubenssatz der Moderne, die beiden Funktionen zu trennen, beerdigt.

Neuhegi weniger attraktiv

Befragungen haben ergeben, dass viele Leute wieder dort wohnen wollen, wo sie arbeiten. Wenn sie den Arbeitsplatz wechseln, dann oftmals, weil sie am Weg sparen wollen und weil sie ein lebendiges Mischverhältnis von Wohnen und Arbeiten schätzen. Ganz entscheidend für die Qualität (und damit den Erfolg) eines solchen hybriden Quartiers ist die gute Erreichbarkeit mit dem ÖV, dem Auto oder Velo. «Das ist absolut zentral», sagte Thierstein. Er kritisierte in der Diskussion denn auch, dass im Entwicklungsgebiet Neuhegi nicht nur die Anbindung an den ÖV mangelhaft sei, auch die Frequenz der Serviceleistung sei ungenügend. Zudem sind die Leute bequemer geworden. Sie wollen nicht mehr als 300 bis 400 Meter oder zwei Minuten gehen.

Da Investoren dem Opportunitätsprinzip (und nicht dem Gefühl) folgen und dort investieren, wo der Profit stimmt, sei Neu­hegi, so Thierstein, «im Vergleich mit andern Brachen in und um Zürich weniger attraktiv».

Ikea als Stadtentwickler

Noch gibt es international wenige Beispiele, wo Arbeiten und Wohnen erfolgreich vermählt wurden. Thierstein nannte die Kalkbreite in Zürich, die neue gigantische Markthalle in Rotterdam und ein Projekt in Hamburg-Altona. Ein Fragesteller wollte noch mehr Beispiele. Thierstein musste jedoch die Hoffnung enttäuschen, man könne die Erfolgsmodelle einfach kopieren und generalisieren. «Jede Situation muss neu analysiert werden, bevor man Lösungsvorschläge macht», gab er zu bedenken.

In bemerkenswerter Weise hebt sich Ikea in einem Grossprojekt in Deutschland vom sonstigen «Herdenverhalten» (Hauser) der Investoren ab. Das Möbelhaus aus dem Norden wolle nicht einfach eine neue Filiale bauen, sondern gleichzeitig die Rolle des Stadtentwicklers übernehmen. Vielleicht fällt Winterthur auch einmal ein solches Glück zu. Immerhin schloss der zweite Referent, Lineo Devecchi vom Institut für Politikwissenschaft an der Uni Zürich, seine Ausführungen mit einem Bekenntnis zur künftigen Attraktivität Winterthurs im Jahr 2050.

Architektur zweitrangig

Mit dieser Auftaktveranstaltung hat das Forum Architektur eine höchst spannende Debatte zum Jahresthema «Arbeitsstadt» angestossen. Was die Initianten nicht voraussehen konnten, ist indes mehr als eine ironische Pointe: Architektur und Städtebau scheinen bei Planern und Nutzern nur eine sekundäre Rolle zu spielen.

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